Ein Stein kam ins Rollen – Kapitel 1

Kapitel 1 – Ein Stein kam ins Rollen

Autor: Elise W. Schiftan

Der Morgen zeigte sich sonnig und warm. Meisen und Rotschwänzchen flatterten schon munter zwischen den Obstbäumen umher, als ich auf der Terrasse Platz nahm. Ich blickte auf einen bunten Blumenteppich. Dahinter versprachen Möhren, Kohlrabi, Kohl und Küchenkräuter reiche Ernte und viel Arbeit. Bei solch einem Anblick griff ich normalerweise unverzüglich zu Hacke, Schere oder Gießkanne. An diesem Tag drängte es mich zu einer ganz anderen Tätigkeit. Die Geräte blieben im Schuppen. Der Garten musste warten. Ich begann ein Vorhaben zu verwirklichen, das mir schon lange durch den Kopf ging. Heute sollte es endlich Gestalt annehmen. Ich wollte Erinnerungen aus meinem Leben aufschreiben. Mein Jahrhundert näherte sich dem Ende. In der Zeit der Inflation geboren, hatte ich seinen größten Teil erlebt. In zwölf Jahren werden das 21. Jahrhundert und sogar ein neues Jahrtausend beginnen. Es reizte mich, Rückschau auf mein ganz persönliches Leben zu halten. Aber was wird mein Gedächtnis dann noch hergeben, wo es jetzt schon große Lücken aufweist? Was weiß ich zum Beispiel noch von meiner Einschulung? Nur wenige Bilder sind davon in meinem Kopf geblieben, gar nicht zu reden von der Zeit davor. Wenn ich jetzt nicht anfange, mein Gedächtnis zu Papier zu bringen, werde ich wohl später nur noch eine Aufzählung von Ereignissen zustande bringen. An meinem 65. Geburtstag, im Frühjahr 1988, nahm ich mir vor, meine Gedanken aufzuschreiben. Unter dem Titel „Mein Jahrhundert geht zu Ende – Erlebnisse, Gedanken, Erinnerungen“ wollte ich wichtige Ereignisse aus meinem Leben schriftlich festhalten, ganz für mich allein und so lebendig, wie es mir möglich war. Silvester 1999 wollte ich dann Einkehr halten.

Für den Start war der Tag günstig gewählt. Mein Mann fuhr frühmorgens nach Berlin und würde erst am späten Nachmittag zurück sein. Ich war ungestört. Auf dem Tisch stand eine Kanne mit starkem Kaffee. Es konnte losgehen. Als Erstes wollte ich über jene Erlebnisse schreiben, die am nachhaltigsten mein Leben beeinflusst hatten. Das waren die Kriegs- und Nachkriegsjahre. Also rief ich mir die Jahre 1944 und 1945 ins Gedächtnis zurück.

Ein Ich vergaß alles um mich herum und schrieb und schrieb. Mein Gesicht glühte, mein Herz tat weh, aber ich schrieb mir alles von der Seele, was mich nach über vierzig Jahren immer noch belastete. Notgedrungen machte ich nachmittags Schluss, denn ich erwartete Karl zurück, der von meiner Schreiberei nichts erfahren sollte. Ich genierte mich. Wer weiß, ob er sich dafür interessieren oder – schlimmer noch – mich wegen meiner Gefühle auslachen würde. Sorgfältig versteckte ich die beschriebenen Blätter in der hintersten Ecke des Kleiderschrankes.

In unbeobachteten Augenblicken las ich sie heimlich und voller Befriedigung durch. Das konnte nicht mehr in Vergessenheit geraten. Der Anfang war getan. Ab sofort wurden Karls Berlin-Tage für mich zu Schreibtagen, leider viel zu selten.

Als die Wende kam, wurde die Gegenwart wichtiger als die Vergangenheit. Anfangs fast täglich, später in größeren Abständen notierte ich mehr oder weniger ausführlich meine Gedanken und Empfindungen zu all dem Neuen und Ungewohnten. Wie werde ich wohl im Jahr 2000 auf die gegenwärtigen, aufregenden Geschehnisse zurückblicken? „Was schreibst du bloß immer so viel?“, fragte Karl eines Tages. „Darf man das wenigstens mal lesen?“ In seinem Ton lag etwas Besonderes, so als wenn er mich bei einer verbotenen Handlung ertappt hätte. Mit klopfendem Herzen gab ich ihm als Erstes meine Schilderung über das Jahr 1945, die mir am gelungensten schien und wartete gespannt auf eine Reaktion. Dann kam es leise: „Das hast du aber schön geschrieben. So war es wirklich.“ Und nach einer Weile: „Das müssten unsere Kinder lesen. Sie sollten wissen, was das für eine Zeit war, in der wir unsere Familie gründeten.“ Ich staunte. Mir wurde ganz warm ums Herz. Karl lachte nicht, er hatte mich verstanden, welch ein Glücksgefühl! Endlich hatte die Geheimniskrämerei ein Ende. Von nun an wurde er mein erster und auf Jahre hinaus mein einziger Kritiker.

Die Wendezeit verging. Bürger der Bundesrepublik Deutschland zu werden war für einen DDR-Bürger kein leichter Prozess. Bedrückendes, Enttäuschendes, auch Erfreuliches waren fest zu halten. Gelegentlich schrieb ich für den Online-Kultstral kleine Texte.

Wie ich es mir an meinem 65. Geburtstag vorgenommen hatte, las ich am Silvestertag 1999 meine Erinnerungen. Es war schon ein eigenartiges Gefühl, Zeitzeuge eines Jahrhunderts zu sein und den Wechsel von 1999 zu der magischen Jahreszahl 2000 zu erleben. Vielleicht war ich durch meine Aufzeichnungen von Vergangenem und Gegenwärtigem für das Millennium, wie es allgemein bezeichnet wurde, besonders sensibilisiert. Ich nahm mir fest vor, auch künftig interessante Ereignisse aufzuschreiben.

Eines Tages wurde ich ermuntert, an dem Schreibwettbewerb „Ostkreuz zweimal täglich“ teilzunehmen, den RuDi‘s Kiezladen initiierte. Das war nun etwas völlig anderes. Bisher schrieb ich fast nur zu meiner eigenen Freude. Jetzt aber sollte mein Beitrag gemeinsam mit anderen in einem Buch gedruckt werden. Sollte ich mich daran beteiligen? Oder ließ ich lieber die Hände davon? Ich kam mir vermessen vor. Nach langem Überlegen setzte ich mich hin und schrieb eine Geschichte so gut ich es vermochte. Was konnte schon passieren? Wenn sie nicht angenommen werden sollte, wäre das auch kein Verlust. Dabei sein ist schließlich alles. Gespannt wartete ich auf die Texte der anderen Wettbewerbsteilnehmer. Wie würden sie sich diesem Thema nähern? Wie überrascht war ich, als ich einen der dritten Preise errang. Das hatte ich nicht erwartet. Meine Freude war groß. Sämtliche Beiträge kamen als Anthologie heraus. Es klingt vielleicht übertrieben und doch ist es so, das Buch ist mir besonders ans Herz gewachsen.

Damit kam ein Stein ins Rollen. Herr Tauchert, der Leiter von RuDi‘s Kiezladen, machte mich mit Katrin und Ramona bekannt, die ein Schreibprojekt ins Leben riefen. Eigentlich wollte ich das nicht. Ich wollte doch keine Schriftstellerin werden. Aber mal hingehen und anschauen konnte ja nicht schaden. Ich bereute es nicht.

Seit drei Jahren bin ich nun dabei. Was hatte ich anfangs für Bedenken! Auf Bestellung zu schreiben, wie sollte das gehen? Es berührte mich peinlich, vor fremden Menschen mein Leben auszubreiten. Werde ich überhaupt Wichtiges mitzuteilen haben? Werde ich mich so ausdrücken können, dass andere verstehen, was ich meine? Wozu mache ich das? Zweifel über Zweifel. Aber in meinem Gehirn wisperte es: „Versuch es! Aufhören kannst du immer noch“. Also versuchte ich es. Als ich meine erste Geschichte vorlas, ich glaube, es war eine Beschreibung über meinen Vater, zitterten mir Hände und Knie. Ich musste die Arme aufstützen, um das Blatt ruhig halten zu können. Wie erstaunt war ich, als die Zuhörer einfühlsame Worte für den Text fanden. Also hatte ich meine Empfindungen verständlich ausgedrückt – ein Erfolgserlebnis. Langsam, ganz langsam wuchs mein Selbstvertrauen, mit jeder Übung ein bisschen mehr. Gegenüber meiner eigenen Arbeit wurde ich kritischer und erwartete gespannt die Hinweise der Schreibfreunde. Und ich wurde mutiger, schrieb Erlebnisse auf, die mir auch heute noch Herzschmerzen bereiten. Ramona und Katrin gelang es, Erinnerungen, die längst vergessen schienen, ins Bewusstsein zurück zu holen. Mitunter wollte ich ein Thema einfach auslassen, sagte mir: „Das muss ich mir nicht antun. Das will ich endlich vergessen.“ Aber dann schrieb ich doch, wollte mir keine Blöße geben. Wieder so ein Aha-Erlebnis: Auch andere Freunde schrieben von schmerzlichen Erinnerungen. Die eigenen Erfahrungen relativierten sich. Bald waren mir die ganz unterschiedlichen Schreibfreunde nicht mehr fremd. Da saßen junge, berufstätige Frauen und Männer neben Senioren, Menschen aus Ost und West, gläubige Christen neben Atheisten. Welch eine Vielfalt und was für eine Bereicherung! Wie dankbar bin ich für diese Erfahrung! Das Schwere wurde leichter, die Sonne schien heller. Durch das Schreiben fügte ich meinem Leben eine neue Seite hinzu. Inzwischen entstanden viele Geschichten, ernste, besinnliche und heitere. Karl kennt sie alle. Geheimnistuerei gibt es nicht mehr. Katrin und Ramona gaben zwei Broschüren mit Texten der Schreibfreunde, auch meinen Texten, heraus. Diese Bücher sind mein ganz persönlicher Schatz. Und der Stein rollt weiter.

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