Ein Stein kam ins Rollen – Kapitel 9 – Ein Leben auf dem Wasser

Erzählungen von Elise W. Schiftan

Bei RuDi kann man interessanten Menschen begegnen, künstlerisch begabten Menschen ebenso wie Menschen, die in jüngeren Jahren außergewöhnliche Berufe ausgeübt hatten. So ein Mensch ist Liselotte Nagat, Jahrgang 1920, mit zwei ausgebildeten Berufen: Bootsmann und – später – Verkehrskaufmann… Lebenslustig und fröhlich, so ist sie im Kiez bekannt und geachtet. Über ihr „Leben auf dem Wasser“ erzählt sie:

„Als echtes Schifferkind bin ich in Ostpreußen beim Segeln auf dem Memelstrom geboren. Den Ort, wo meine Geburtsurkunde ausgestellt wurde, habe ich nie gesehen. Beim Vater habe ich alles gelernt, was zur Schiffsführung gehört und dadurch nach 1945 bis 1948 als Matrose bei den Russen gearbeitet. Ich hatte das Glück, nach meiner Ausweisung einen ostpreußischen Schiffer zu heiraten und habe bis 1963 die Eibe, die Saale und die märkischen Gewässer kennen gelernt.

Sieben Jahre haben wir Berlin aus dem Kahn aufbauen geholfen, haben Ziegel von Zedenick und Sand von Peetz (Hölzerner See) gefahren. In der Gegenrichtung war unser Schiff oft mit Schutt aus den Berliner Ruinen beladen, den wir nach Peetz brachten. Dabei habe ich drei Kinder unter vielen Gefahren großgezogen.

Einmal, wir befanden uns auf dem Finowkanal an der Schleuse Wolfswinkel, fiel mein dreijähriger Sohn ins Wasser und kam in den Sog des Wehres. Noch nie bin ich so schnell ins Beiboot gesprungen. Mein Kind kriegte ich gerade noch am Bein zu packen. Zwar schrie es fürchterlich, doch war es unverletzt geblieben.

Ein andermal, als wir in Neue Mühle bei Königswusterhausen schleusten, verlor ich beim Bugsieren den Halt und fiel so unglücklich ins Wasser, dass ich zwischen Schiff und Bollwerk eingeengt war. Zum Glück wurde es nicht an die Wand gedrückt, so dass ich mich aus eigener Kraft befreien konnte. Mein Mann war mit dem Einschleusen so beschäftigt, dass er den Unfall gar nicht bemerkt hatte. Erst als ich triefend nass vor ihm stand, war sein Schreck groß.

Unser Leben auf dem Wasser war von anstrengender Arbeit geprägt. So musste z.B. der Kahn für jede neue Fahrt umgerüstet werden, eine Schwerarbeit. Daneben musste ich für meine fünfköpfige Familie kochen und Berge von Wäsche waschen – Waschmaschinen gab es damals noch nicht. Zwischendurch stand ich am Steuer. In den wenigen Ruhepausen, die es gab, strickte oder häkelte ich für meine Kinder.

Wenn wir unter Brücken hindurch fuhren, winkten uns Passanten oft zu. Dabei hörten wir Bemerkungen wie „Das muss ein schönes Leben sein, beinahe wie Urlaub.“ Diese Leute sahen verständlicherweise nur die idyllische Seite unseres Berufes, das ruhig dahin schwimmende Schiff, die frische Luft, die Verbundenheit mit der Natur. Die eigentliche Arbeit blieb „Landratten“ weitgehend verborgen. Das Leben auf dem Wasser mit seinen schönen und seinen schweren Seiten habe ich geliebt. Ich war mit ganzem Herzen „Bootsmann“.

Heute ist Liselotte Nagat eine mitten im Leben stehende, verständnisvolle Seniorin, die sich fürsorglich ihrer Familie widmet, Kontakte zu Freunden und Bekannten pflegt und Stammbesucher von „RuDi“ – der Stralauer Kiezladen ist. Wenn sie aus ihrem Leben erzählt, hat sie immer interessierte Zuhörer um sich.

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