Ein Stein kam ins Rollen – Kapitel 8 – Johanna Hoffmann, die erste Kranführerin Berlins

Erzählungen von Elise W. Schiftan

Durch einen in der Presse veröffentlichten Artikel von Dr. Norbert Podewin wurde ich an den Start des „Nationalen Aufbauwerkes Berlin“ am 2. Januar 1952 erinnert, an dem sich hunderttausende Berliner in ihrer Freizeit mit unbezahlten Aufbauschichten beteiligt hatten. Auch ich war dabei. Das war vor 50 Jahren. Johanna Hoffmann, Stammgast bei „RuDi- der Stralauer Kiezladen“, hatte damals als erste weibliche Kranführerin Berlin aus den Trümmern neu mit aufgebaut. Da bot es sich an, sie nach ihren Erinnerungen zu befragen.

Johanna, Du warst dabei, als Berlin aus Trümmern neu erbaut wurde.
An welchen Gebäuden hast Du als Kranführerin mit gebaut?

Mein Tätigkeitsfeld als Kranführerin war der Block G-Nord in der Frankfurter Allee zwischen Petersburger Straße und Proskauer Straße. Aber auch in der Koppenstraße und am Ostbahnhof habe ich den Kran geführt. In unserem Stralauer Kiez war ich am Bau des Blockes Stralauer Allee 24, 25, 25a zwischen Modersohnstraße und Rochowstraße beteiligt. Außer in Friedrichshain habe ich in Grünau, in Köpenick und weiteren Bezirken gearbeitet.

Kranfahren ist kein alltäglicher Beruf für eine Frau. Wie bist Du dazu gekommen?

Eigentlich durch Angeberei, worüber ich heute noch lachen muss. 1951 kam ich als 20jähriges Mädchen nach Berlin und verdiente meinen Lebensunterhalt wie Tausende anderer Frauen nach dem Krieg auf dem Bau, zunächst als Bauhilfsarbeiterin und 1952 nach entsprechender Ausbildung als Baumaschinistin. Eines Tages bekam unser Betrieb zwei Kräne, die ich neugierig beäugte und schließlich übermütig ausrief: „Das bisschen Kranfahren kann ich auch noch.“ Etwa ein viertel Jahr später – ich hatte schon nicht mehr daran gedacht – kam der Brigadier, der bei uns „Schieber“ hieß, mit dem Lehrmeister auf mich zu und forderte mich auf, einen Kran zu besteigen. Im ersten Moment war ich zwar überrascht, doch gespannt kletterte ich gemeinsam mit dem Meister hinauf. So wurde ich der erste weibliche Kranführerlehrling. Im Oktober 1953 legte ich die Prüfung als Kranführerin ab. Das notwendige Fingerspitzengefühl, ohne das man eine Maschine nicht qualitätsgerecht bedienen kann, musste ich mit der Erfahrung entwickeln. Später habe ich selber Lehrlinge am Kran ausgebildet, alles Männer, keine Frau.

Wie wurdest Du in der Männerbrigade aufgenommen?

Mit den Männern hatte ich keine Schwierigkeiten. Sie sahen, das ich couragiert und kräftig zupacken konnte und sie zuverlässig mit Baumaterial (Betonplatten u.a.) versorgte; denn das war für sie das Wichtigste, sonst hätten sie nicht zügig arbeiten können, was sich wiederum in ihrer Lohntüte bemerkbar gemacht hätte. Wir gingen gemeinsam durch dick und dünn, tranken auch mal gemeinsam ein Bier und gingen mitunter gemeinsam tanzen. Nur einmal gab es Schwierigkeiten. Das war ein Jahr später, als wir schon 13 Kranführer waren, die täglich den Baubrigaden zugewiesen wurden. Ich kam zu einem Brigadier, der es ablehnte, mit einer Frau zu arbeiten. Mit den Worten „Bei mir kommt keine Frau auf den Kran“ verweigerte er mir das Besteigen der Maschine. Wir hatten herrliches Wetter, also legte ich mich seelenruhig in die Sonne und wartete ab. So lange die Maurer genügend Material hatten, ging das noch an; doch als der Nachschub fehlte, wurden sie ungemütlich. Schließlich blieb dem Brigadier nichts anderes übrig, als mich zu bitten, auf den Kran zu steigen. Du kannst Dir vorstellen, wie ich innerlich feixte. Wir wurden schnell gute Kollegen.

Kranführerin zu sein heißt, bei Wind und Wetter draußen zu arbeiten.
Wie bist Du mit Wetterextremen zurecht gekommen?

Ja, wir waren bei jedem Wetter auf dem Kran, außer bei Sturmwarnung. Wenn im Sommer die Sonne unbarmherzig auf die Fahrerkabine schien, war es oft unerträglich heiß. Wir konnten uns dann nur durch das Öffnen von Luken etwas Zugluft verschaffen, doch führte das oft zu Erkältungserscheinungen. Im Winter machte uns die Kälte trotz Filzstiefel und Wattekleidung oft schwer zu schaffen. Als wir dann S-Bahn-Heizkörper bekamen, wurde es erträglicher. Später war die Heizung gleich in den Kran eingebaut. Aber kalte Füße hatte ich Immer.

Und der Wind?

Bei Wind schwankte der Kran tüchtig. Doch daran gewöhnt man sich, man merkt das gar nicht mehr.

Du warst 20 Jahre, bis 1973, Kranführerin.
Die „Berliner Zeitung“ schrieb am 13. Oktober 1954: „Johanna wurde Aktivistin auf dem Turmkran“.
Was ist das Schöne an diesem Beruf?

Ja, es stimmt, ich wurde mehrmals ausgezeichnet, darunter auch als „Verdienter Bauarbeiter“ Insgesamt war ich 39 Jahre auf dem Bau – bis zur Wende – hätte gerne die 4O erreicht. Dieser Beruf, so anstrengend er ist, hat viele schöne Seiten. Die Aussicht vom Kran ist einmalig. Du erlebst unvergessliche Sonnenaufgänge, du hast einen weiten Blick über Dächer und Türme, du siehst etwas entstehen. Durch den Bau habe ich Berlin kennen gelernt. Ich würde das immer wieder machen.

Johanna, Du hast vier Kinder groß gezogen. Wie konntest Du Beruf und Familie miteinander vereinbaren?

An den Arbeitstagen war es schwierig. Doch das Wochenende und der Haushaltstag gehörten den Kindern. Wir haben viel gemeinsam unternommen, haben gespielt, gebastelt, haben Drachen steigen lassen und hatten auf Ausflügen schöne Erlebnisse. Sie hatten eine gute Kindheit und sind tüchtige Menschen geworden.

Was für eine Wohnung bewohnst Du selber?

1959 bezog ich eine Dreiraum-Neubauwohnung (Typ Q3A), in der ich heute noch wohne.

Du bist nun schon seit längerer Zeit im Ruhestand. Interessiert Dich das Baugeschehen auch heute noch?

Mein Interesse an den Um- und Ausbauten in Berlin ist keineswegs erloschen. Mit wachen Augen verfolge ich das Entstehen der Oberbaum-City, nehme mit Freude an den Kiezrundfahrten und -spaziergängen durch „RuDi“ teil und möchte noch erleben, wie sich unser Stralauer Kiez zu einem Wohngebiet mit besserer Lebensqualität entwickelt.

Unter weiblicher Aufsicht

Den Block B Nord an der Stalinallee, den Ostbahnhof, die Rathauspassagen und zahllose Plattenbauten: Johanna Hoffmann hat sie alle von oben gesehen. Das aus Schlesien stammende Flüchtlingskind wurde 1953 Berlins erste Kranführerin.

Über Schlesien, Waldheim in Sachsen, und dem brandenburgischen Gransee kam Johanna Hoffmann 1951 in die Stadt. Arbeit fand die 21-jährige schließlich als Bauhilfsarbeiterin. „Das war keine schöne Arbeit“, sagt sie. Bei einem Lehrgang lernte sie Baumaschinen zu bedienen. Allerdings nur Mischer oder Bauaufzüge. Als sie später einen ihrer Kollegen aus diesem Lehrgang in einem Kran in luftiger Höhe besuchte, stand für sie fest: ,,Na, das bisschen könnte ich auch“.

Wenig später wurde sie tatsächlich gefragt, ob sie Kranführerin werden wolle. „Ich glaubte zuerst, die wollten mir eins auswischen“, lacht die 72 jährige. Schließlich gab es bis dato noch keine einzige Frau in dem Beruf. Im Block B Nord an der in Bau befindlichen Stalinallee bediente sie ihren ersten Kran.

Mädchen für alles

Bis 1973 blieb Johanna Hoffmann Kranführerin. Dann wurde sie Mädchen für alles auf Baustellen. Männer hatten nichts gegen die junge und unerschrockene Frau auf der Baustelle. Auch wenn so mancher unter der weiblichen „Aufsicht“ die eine oder andere männliche Selbstverständlichkeit aufgeben musste.

Als ein sich unbeobachtet wähnender Bauarbeiter wieder einmal in einer Ecke heimlich pinkelte, rief die junge Kranführerin dem Mann von ihrem exponierten Ausguckplatz respektlos zu: „Wirf einfach alles weg, was Du in der Hand hast.“ Das saß. Die Männer auf der Baustelle schüttelten sich vor. Lachen. Und Johanna hatte sich Anerkennung gesichert.

Natürlich gab es Ausnahmen. Ein Maurerbrigadier verbot Johanna Hoffmann einmal, den Kran zu besteigen, „Sie gehen da nicht rauf“, befahl er. Er warte auf einen „richtigen“ Kranführer. „Dann leg ich mich eben in die Sonne“, antwortete Johanna Hoffmann.

Ein anderer Kranführer kam nicht. Die Bauarbeiter konnten nicht arbeiten. Nach der Frühstückspause besann sich der Maurerbrigadier und bettelte Johanna an, endlich auf den Kran zu steigen. Auch Kollegenspäße machte sie gerne mit. 23 Gladiolen standen in ihrer Krankabinen an ihrem 23. Geburtstag. „ich hab sie alle heil heruntergebracht. In der einen Hand die Blumen und mit der anderen Hand immer an der Leiter festgehalten.“ Übrigens: Eins ihrer vier Kinder, eine Tochter, arbeitete jahrelang als Brückenkranführerin.

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