Ein Stein kam ins Rollen – Kapitel 11 – Der Baum vor meinem Fenster

Erzählungen von Elise W. Schiftan

Im Sommer

Hoch, dicht belaubt, mit weit ausladender Krone steht er vor meinem Fenster. Er steht nicht allein, sondern in einer Gruppe oder auch Familie. Die Zweige halten untereinander Kontakt, berühren sich mal zärtlich, mal tänzelnd, scheinen aber auch mitunter zu streiten. Die Bäume können etwa 45 Jahre alt sein. Nach dem Krieg, als die Trümmer beseitigt und etwas zurück gesetzt ein neuer Häuserblock aufgebaut worden war, sprossen sie zwischen den zerbombten Fundamenten hervor und wuchsen zu prachtvollen Exemplaren. Ihr wohltuender Schatten schützt mich vor sommerlicher Hitze. Bei einfallendem Sonnenlicht schimmern die Blätter bald im dunklen, bald im hellen Grün. Leise wispernd wedeln sie mir kühle Luft zu.

Flüstern sie mit mir? Wollen sie mir etwas erzählen? Hat ihnen der Wind einen Gruß von den Verwandten im Wald überbracht? Ihre friedliche Stimmung überträgt sich auf mich. Ich träume von den Wäldern, durch die ich in der Jugend streifte, von schlanken Birken, mächtigen Eichen und dicht stehenden hohen Kiefern. Der Wald schenkte uns Pilze, Blaubeeren und Brennholz. Manchmal erblickten wir ein Reh, einen Hirsch, Hasen, selten einen Fuchs.

Erinnerungen steigen auf an fröhliche Wanderungen, an Abende in der Jugendherberge im Kreise von Freunden, an stimmungsvolle Stunden bei Sonnenuntergang am See. Ich habe wieder das Rauschen der Wipfel im Ohr und weiß doch, dass ich nicht im Wald bin, sondern im Sessel sitze und aus dem geöffneten Fenster schaue. Heiteren Sinnes suche ich in dem Blättergewirr nach den Meisen, die im Frühjahr im Vogelhäuschen nisteten. Wer weiß, wo sie jetzt umherschwirren. Erst im Herbst, wenn für sie die Nahrung knapp wird, werden sie sich wieder einfinden. Am Futterplatz vor dem Fenster werden sie sich dann mit den Spatzen um die Körner streiten. Bis dahin entschädigt mich die Drossel, die vom heraufziehenden Morgen an bis in die Abenddämmerung hinein ihr melodisches Lied singt. Singt sie es für mich? Natürlich auch für mich! Im Stillen bedanke ich mich bei ihr.

Mein Freund, der Baum, wirkt nicht immer so entspannt wie heute. Vor einigen Tagen spielte er übermütig mit dem Wind. Seine starken Äste bogen sich, so dass sich die dünnen Zweige ängstlich festhielten, los lassen mussten und wieder untereinander Halt suchten. Der Übermut steigerte sich. Plötzlich brach der Sturm los. Er peitschte die Krone. Wild tanzten die Blätter. Jetzt neigten sich die Äste tief und streiften die Erde. Welche Kraft, welche Energie steckt in dem Baum! Wie toll es der Wind auch trieb, er stand fest. Endlich kam der Regen, der die Gemüter abkühlte. Bald beruhigte sich der Wind. Jetzt hingen die Blätter schwer und müde in den Zweigen. Sie hatten genug vom wilden Spiel. Leiser Regen streichelte ihre Haut. Sie wogen sich gegenseitig in den Schlaf.

Wie oft schon beobachtete ich dieses Spiel der Kräfte, und jedes Mal fasziniert es mich von neuem. Heute jedoch ist „mein“ Baum ruhig. Seine Blätter winken mir zu. Ich sitze gemütlich im Sessel und lese. Aber ab und zu ruht mein Blick im Grün des Baumes.

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