Ein Stein kam ins Rollen – Kapitel 10 – Hans, unser ältester Gast

Erzählungen von Elise W. Schiftan

Unsere Goldene Hochzeit feierten wir im September 1994 mit Kindern, Enkeln und dem Urenkel in unserem Garten. Auch unser 97-jähriger Gartennachbar, Hans, feierte mit. Das Abendessen hatten wir in der Gaststätte „Zur Tanne“ bestellt. Mit Kaffee und Kuchen, Plaudern und Erinnern war der milde Herbstnachmittag vergangen. Nun wurde es Zeit, sich auf den Weg zur nahe gelegenen „Tanne“ zu machen.

„Hans, soll ich Dich mit dem Auto…?“, weiter kam unser Sohn, Günter, nicht. Hans fiel ihm sofort ins Wort: „Junge, die paar Schritte! Noch machen die Beine mit.“ Betont aufrecht betrat er durch das Gartentor die unbefestigte, teils sandige, teils steinige, holprige Straße. Mit weicher Stimme bot sich unsere Schwiegertochter, Kerstin, an: „Darf ich mich bei Ihnen einhaken, Herr Bruder? Ich staune, Sie sind ja wirklich noch gut zu Fuß. Gehen Sie man schön langsam.“ „Was Du nur denkst, Kerstin“, hob ich seine Vitalität hervor, „Hans pflegt immer noch ein paar Beete seines Gartens selbst. Nur Umgraben, das geht nicht mehr.“ Der so angesprochene fühlte sich geschmeichelt: „So eine hübsche, junge Frau hatte ich schon lange nicht mehr an meiner Seite. Wissen Sie, früher, als ich so jung war, wie Sie,…“ „Ja, ja, Hans, was so‘n echter Seemann war, der hatte Schlag bei den Frauen“, lachte Günter verständnisvoll.

Bald erreichten wir das Gasthaus, wo wir freundlich von der Wirtin begrüßt wurden: „Herzlichen Glückwunsch zur Goldenen Hochzeit und noch viele schöne gemeinsame Jahre in Ihrem Garten.“ Ein allgemeines Stimmengewirr brach aus: „Sieht das festlich aus!“ „Schaut mal das Buffet!“ „Ich glaube, da werde ich schwach.“! Auch unser dreijähriger Urenkel meldete sich zu Wort: „Mama, krieg ich was zu trinken?“ Interessiert steckte der Wirt den Kopf durch die Tür: „Herr Bruder, Sie sind ja mit von der Partie! Das machen Sie richtig. Kürzlich sah ich Sie auf dem Fahrrad. Wie Sie die holprige Straße lang gefahren sind, alle Achtung!“ „Ja, ich bin zum Friedhof gefahren, gießen. Auf dem Rad geht’s besser als zu Fuß.“ Endlich brachte die Wirtin Ruhe in die quirlige Menge: „Nun nehmen Sie man erst alle Platz. Die Getränkekarten liegen auf den Tischen.“

„Hans, wie wär‘s, wenn Du Dich an meiner grünen Seite platzieren würdest?“, fragte ich fürsorglich. „Aber Mädchen, das weißt Du doch. Wer würde sich denn sonst um mich kümmern?“, kam es zustimmend zurück. „Was dürfen wir für Dich bestellen? Apfel- oder Orangensaft? Oder vielleicht ein Bierchen?“ „Wisst Ihr was, heute trinke ich zur Feier des Tages ein Glas Wein!“

Nachdem alle Getränkewünsche erfüllt waren, kam Bewegung in die Runde. Den spannenden Gang zum Buffet überließen wir erst einmal der Jugend. Anschließend erhoben auch wir uns. „Hans, ich werde Dir mal was Schnuckliges aussuchen und herbringen.“ „Lass man, das mache ich schon selbst Du brauchst nicht mit zu kommen“, kam es fast gekränkt zurück. Schmunzelnd meinte Waldek zu mir: „Sieh einer an, Hans wird wieder jung.“ Mit zufriedenem Gesicht und einem gefüllten Teller kehrte er an seinen Platz zurück: „Schau mal, Ilse, wieviel gebratene Hühnerkeulchen ich mir genommen habe. Ich knabbere doch zu gerne an den Knochen.“

Unterdessen ging es bei den Jüngeren lebhaft zu. Nach einer Weile näherten sich ein wenig ehrfurchtsvoll unsere beiden jüngsten Enkel, Sebastian und Constantin, 14- und 12-jährig. “Herr Bruder, ist es wahr, dass Sie ein Seemann waren, so richtig auf einem großen Schiff und auf dem Ozean?“ „Kinder, das ist lange her. Wir fuhren ja damals noch mit Dampf.“ „Was denn, richtig mit einem großen Schornstein?“ „Ja, zu Haus hab ich noch Fotos davon. Ich war Heizer, musste Kohlen schippen. Kinder, sah ich immer schwarz aus!“ „Zeigen Sie uns nachher Ihre Bilder?“ „Ja, wenn Ihr wollt. Ich hab auch noch ein Bild von dem Torpedoboot, mit dem ich im 1. Weltkrieg abgesoffen bin.“ Wie aus einem Munde riefen beide: „Abgesoffen?“ „Ja, 1916, bei der großen Seeschlacht im Skagerak. Ein Torpedo der Engländer hatte unser Schiff getroffen.“ Nach einer kleinen Pause dann etwas leiser: „Wie Ihr seht, wurde ich gerettet.“ Leise stieß mich Waldek an: „Gleich kommt Hans in Fahrt und vertieft sich in seine Seemanns- Erinnerungen.“ Doch nein, er wendete ab: „Heute lasst mich man in Ruhe mit den alten Geschichten. Bin froh, dass ich aus dem Schlamassel damals raus gekommen bin.“

Das Buffet war geplündert. Nachdem wir uns bei den Wirtsleuten bedankt hatten, traten wir satt, zufrieden und in froher Stimmung den kurzen Heimweg an. „Na Hans, wie sieht‘s aus, soll ich den Wagen holen?“, erkundigte sich Günter zuvorkommend. „Na ja, wäre vielleicht ganz schön. Es ist ja dunkel draußen. Die Straßenlaterne an unserer Ecke brennt auch immer noch nicht. Und dann der Wein, das eine Gläschen ist mir doch tatsächlich in den Kopf gestiegen.“ Bereitwillig setzte er sich ins Auto.

Der Trubel und der ungewohnte Tagesrhythmus forderten sein Recht. Wieder auf dem Grundstück angekommen, verabschiedete sich Hans. Mit der Taschenlampe begleiteten wir ihn bis vor sein kleines Häuschen. Unter dem Schein bunter Lampions ließen wir den schönen Tag ausklingen. Meine Gedanken gingen noch öfter hinüber zum Nachbarhaus, doch waren meine Sorgen unbegründet. Am nächsten Morgen kam uns Hans putzmunter entgegen.

Es war die letzte Feier gemeinsam mit unserem Nachbarn, der 100 Jahre alt werden wollte und dem nur lumpige drei Jahre daran fehlten. Ein halbes Jahr nach unserer Goldenen Hochzeit verlosch sein Lebenslicht. Er war nicht mehr dazu gekommen, Sebastian und Constantin von seinen abenteuerlichen Seemannsgeschichten zu erzählen.

29 Jahre hatte unsere Freundschaft gewährt. Erinnerung kann etwas sehr Schönes sein.

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