Ein Stein kam ins Rollen – Kapitel 7 – Auch wegen der Ladys vom Rudolfplatz …

Es war ein sonniger Spätsommertag. Unter Schatten spendenden Bäumen saßen wir auf einer Bank am Ufer der Spree und schauten dem munteren Treiben auf dem Wasser zu. Fröhlich lachend zog eine Familie mit drei Kindern in einem Leih-Ruderkahn vorbei, gefolgt von einem Tretboot, in dem sich junge Leute vergnügten. Von der Oberbaumbrücke her kam ein Ruder- Achter, schnittig, sportlich, gleichmäßiger Schlag. Er steuerte in Richtung Köpenick. Wohin mochte die Fahrt gehen? Das zügige Tempo ließ ahnen, dass noch eine längere Strecke zu bewältigen war. Während wir uns in Vermutungen ergingen, kam ein vollbesetztes Schiff der Stern- und Kreisschifffahrt vorbei, für uns immer noch die „Weiße Flotte“. Spree aufwärts fahrend brachte es die Passagiere zu einem der beliebten Ausflugsziele, vielleicht zum Müggelsee, vielleicht nach Woltersdorf oder sogar bis nach Grünheide. Heute war starker Betrieb auf dem Wasser. Viele, in beide Richtungen fahrende große Privat-Motorboote, die seit der Wende die Spree bevölkern, kündeten von der diesjährigen Urlaubssaison. „Wenn ich die Boote sehe, denke ich sofort an unsere Jugendjahre. Weißt du noch…?“, begann ich. Ja, wir wissen noch. Gern erinnern wir uns an die Zeit des Wasserwanderns, in der wir uns kennen lernten. Später paddelten wir mit zwei Kindern im kleinen Faltboot, bepackt mit Zelt und dem Nötigsten für die Familie, ins Wochenende. Damals wurde jeden Sonnabend bis Mittag gearbeitet. Nach Feierabend brachte uns die S-Bahn vom S-Bahnhof Ostkreuz in den Südosten Berlins. Wir denken an das Treppauf und Treppab mit Gepäck und Kinderwagen. Es war eine Plackerei, doch wir packten es. Als die Kinder flügge waren, genossen wir unbeschwerte Jahre auf dem Wasser – Erinnerungen, bei denen wir wieder jung werden. „Lass uns noch ein Stück gehen. Die Luft ist so angenehm frisch.“ Nach dieser freundlichen Aufforderung meines Mannes, setzten wir unseren Spaziergang fort. Zu gern pilgerten wir über die Stralauer Halbinsel. „Wie viel sich hier verändert hat.“ Diesmal war er es, der das Gespräch aufnahm. Die neu gestalteten Grünanlagen und der Uferwanderweg waren übersichtlich beschildert. Wir lasen: „Tübbecke-Ufer“, „Regatta- Ufer“, „Wendenwiese“, „Am Schwanenberg“. Bei dem Namen „Tübbecke“ dachte ich an einen Roman Theodor Fontanes. In „Irrungen, Wirrungen“ erzählt er die Liebesgeschichte von Botho und Lene, die im ehemaligen Lokal Tübbecke hoffnungsvoll begann und doch nur eine Sommerliebe blieb. Unser Weg führte vorbei an der 540 Jahre alten Stralauer Dorfkirche. Ihr Glockenklang tönt oft bis an unser Fenster. „Die Halbinsel ist so schön geworden, aber ein kleines Cafe hier an der Spitze fehlt immer noch“, stellten wir mit Bedauern fest. Sich bei einem Kaffee ausruhen zu können mit Blick auf das Wasser, das wünschten wir uns. Ob wir das noch erleben werden? Schlendernd traten wir den Rückweg an.

Wir leben gern im Stralauer Kiez, von dem man kaum glauben kann, dass er Teil der Hauptstadt ist. Keine Sparkasse, keine Post, kein Einkaufstempel – Wahrzeichen großstädtischen Flairs – stehen den hier wohnenden Bürgern zur Verfugung. Die Verkehrsanbindung an die Innenstadt ist dürftig. Abends kommen wir nicht einmal ins Friedrichshainer Kulturhaus „Alte Feuerwache“, so dass wir sehenswerte Kulturveranstaltungen entbehren. Trotzdem bleiben wir hier. Unsere Söhne versuchten vergeblich, uns den Umzug in eine andere Gegend schmackhaft zu machen. Sie würden selbstverständlich helfen. Wir lehnten ab. Der Stralauer Kiez gibt seine Schönheit nicht auf den ersten Blick preis. Man muss sich schon der Mühe eines zweiten Blickes unterziehen, um seine inneren Werte zu erkennen. Wir, die vom Wasser nicht loskommen, obwohl wir selber nicht mehr aktiv sein können, wollen auf die Spree nicht verzichten. Es sind nicht nur die Spaziergänge zur Halbinsel oder zur Rummelsburger Bucht oder zum nahe gelegenen Treptower Park, die uns für manchen Mangel entschädigen. Es ist auch die abwechslungsreiche Sicht aus dem Fenster unserer Parterrewohnung. Vor unseren Augen flutet dichter Verkehr. Brummis transportieren Güter aus ganz Europa durch die Stadt.

Reisebusse bringen erwartungsfrohe Touristen zu unbekannten Orten. Menschen fahren zur Arbeit oder nach Haus, fahren ins Theater oder ins Wochenende. Manchmal fahren unsere Gedanken mit. Wir fühlen uns mit dem Leben verbunden. Vom Fenster aus verfolgen wir den Wandel des Osthafens, der stillgelegt und einer anderen Nutzung zugeführt wird. Wir erleben die Sanierung der denkmalgeschützten Gebäude sowie das Werden einer Medienmeile. Und der Wandel geht weiter. Werden wir auch eine Spaziergänger freundliche Uferpromenade erleben? Die jüngste Neuigkeit vollzog sich am jenseitigen Ufer der Spree, auf der Kreuzberger Seite, genau uns gegenüber. Ein großes, in die Spree eingelassenes Bassin mit sauberem, vorgewärmtem Wasser ermöglicht den sonnen- und wasserhungrigen Berlinern und ihren Gästen riesigen Badespaß bis in die Nacht hinein. Das fröhliche Treiben aus der Ferne mit zu erleben, ist auch ein Vergnügen.

Das alles wäre schon Grund genug, die Gegend nicht zu verlassen. Doch das beste Bonbon des Stralauer Kiezes ist das RuDi- Nachbarschaftszentrum, auch unter dem Namen „RuDi“ – der Stralauer Kiezladen bekannt. Sein vielseitiges Angebot lockt Menschen aller Altersklassen weit über den Kiez hinaus an. Verständlich, dass wir zu den Stammgästen gehören. Hier wird das Miteinander ganz groß geschrieben. Interessante Menschen begegnen sich. Wir lernten Lieschen kennen, die leider nicht mehr lebt. Als Bootsmann auf einem Lastkahn half sie nach 1945, Berlin von Wasser her wieder aufzubauen. Da ist Johanna, die erste Kranführerin Berlins, die am Neubau von Wohnblöcken in Berlin, auch in unserem Kiez, mitwirkte. Da ist Hella, die einst als Schaffnerin auf der Straßenbahn fuhr und Erika, die Eisenbahnerin – Frauen mit nicht ganz alltäglichen Berufen. Da sind all die anderen Frauen, die zahlreichen RuDi- Aktivitäten den Stempel aufdrücken. Besonders beliebt sind ihre interessanten kulinarisch begleiteten Vorträge und Gesprächsrunden. Beim diesjährigen Kiezfest belegten einige Frauen einen Info-Stand.

Mit dunkler Brille und Schirmmütze vor sengender Sonne geschützt sahen sie so lustig und lebensfroh aus, das der RuDi-Fotograf sie sogleich im Bild festhielt und sie „die Ladys vom Rudolfplatz“ nannte. Fortan hatten sie ihren Namen weg. Bald darauf sah man sie sogar als Fotomodels beim Rundgang auf dem Platz. Es sind Frauen – oft auf sich allein gestellt – die allen Schwierigkeiten zum Trotz das Leben täglich neu meistern, prächtige Frauen, eben Ladys. Auch wegen der Ladys vom Rudolfplatz bleiben wir hier.

Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Der dunkle Punkt unseres Wohngebietes ist der altehrenwürdige S-Bahnhof Ostkreuz, den böse Zungen „Postkreuz“ nennen und der den Ansprüchen des modernen Großstadtverkehrs nicht mehr gerecht wird. „Wenn es wenigstens Rolltreppen gäbe“ seufze ich manchmal. Trotzdem ist er uns lieb geworden der Bahnhof, in dessen Umfeld wir seit 56 Jahren leben.

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