Purple Haze – Teil 3

Am Freitagabend betrat ich die Empfangshalle des Radisson Blu um 20:30 Uhr. Ich kannte die Location gut, da ich hier schon unter anderem einige gute Deals abgeschlossen hatte. Die Haupthalle erinnert irgendwie an einen der alten Hinterhöfe in Prenzlauer Berg, nur eben mit Überdachung. Die Zimmer des Hotels haben Fenster mit Blickrichtung zur Halle, sodass wenn man Gast ist, jederzeit die Möglichkeit hat nahezu unbemerkt einen Blick in die Halle zu werfen. Wie oft ich Sex mit offenen Gardinen und an die Fenster angelehnten Mädchen hatte, während ich das Treiben im Hotel beobachtete. Herrlich. Und das riesige Aquarium über der hochpreisigen Bar hatte noch immer eine faszinierende Wirkung auf mich.

Ich bestellte einen Gin Tonic, hielt nach Unregelmäßigkeiten Ausschau und ging auf die Toilette. Nachdem ich eine Kabine betreten und die Tür verschlossen hatte, schloss ich den Klodeckel. Ich wischte ihn mit Klopapier ab und legte mir eine halbe Zentimeter breite und gute fünfzehn Zentimeter lange Bahn Koks darauf. Letzte Woche habe ich davon ein Kilo in reinster Form bekommen, mit Hilfe von Lidocain eins Komma drei Kilo daraus gemacht und es in fünfzig bis einhundert Gramm Portionen weiter gegeben. Davor habe ich mir zwanzig Gramm für den Eigenbedarf abgemacht, von denen ich mir nun einen Teil durch die Nase jagte.

Die eine Hälfte der Line zog ich ins linke Nasenloch. Ich hustete. Was würdest Du wohl an meiner Stelle tun, Pablo? Ihn töten? Und was ist mit dem Geld? Erst das Geld nehmen und ihn dann für die Respektlosigkeit töten? Scheiße Pablo, wir sind hier in Deutschland. So eine Nummer würde viel zu viel Aufmerksamkeit erregen. Ausserdem sind es doch nur zweihunderttausend. Ich spürte, dass ich Pablo Escobar zu schwach war. Ich zog den Rest der Line ins rechte Nasenloch und verließ den Toilettenbereich.

Zurück im Gastrobereich des Hotels sah ich Mustafa an einem der Tische sitzen. Auf dem Weg zu ihm, gab ich dem Barkeeper mit einem Blick zu verstehen, mir meinen Drink an den Platz zu bringen. Ich begrüßte Mustafa mit einem Handschlag. Der dumme Wichser machte sich nicht die Mühe aufzustehen, stattdessen grinste er mich frech an. „Na, wie läufts?“, fragte er. „Ich bekomme zweihunertvierzigtausend Euro von Dir. Morgen, um 20 Uhr, an diesem Tisch“, war meine Antwort. „Glaubst Du?“, fragte er. „Dass ich das Geld bekomme,“, entgegnete ich ihm, „weiß ich jetzt schon. Wenn ich mir Dich allerdings so so anschaue, wird Dein Ego das, was innerhalb der nächsten acht Minuten passiert vermutlich nur schwerlich verkraften können. Der Gesichtsverlust, den Du erleiden wirst, wird es Dir schwer machen, mir noch einmal unter die Augen zu treten. Ich glaube, Du wirst jemanden schicken, um mir mein Geld zu bringen. Vielleicht Jenny?“. Für einen Moment entglitten Mustafa sämtliche Gesichtszüge. Doch er hatte sich schnell wieder gefangen. „Ja, ich denke Du wirst Jenny schicken. Wen sonst? Deinen Freunden wirst Du von dieser Nummer sicherlich nichts erzählen.“. Mustafa wirkte etwas verunsichert, überlegte einen Moment und entgegnete dann: „Woher kennst Du Jenny? Was hat sie Dir erzählt?“. Ich schwieg. „Bisher habe ich nur Dein Geld genommen. Aber wenn Du dummer Wichser mir noch einmal drohst, mach ich Dich dich kalt. Jetzt und hier.“. Er zog zur Drohgebärde den Daumen seiner linken Hand von der rechten Seite seines Halses zur linken. Ich nahm einen großen Schluck Gin-Tonic. „Ich habe Dir nicht gedroht.“, sagte ich, nachdem ich das Glas präzise in der Mitte des Bierdeckels platzierte. „Ich habe Dir lediglich gesagt, wie es laufen wird. Es sei denn…“, Mustafa unterbrach mich. „Es sei denn was, Du dummer Spast?“. Ich beobachtete ihn aufmerksam, während er eine Serviette von dem auf dem Tisch liegenden Stapel nahm und sie so unter die Tischkante führte, dass ich nicht sehen konnte, was er dort mit ihr tat. Er griff in seine rechte Hosentasche und packte das dort hervorgeholte anscheinend in die Serviette. Er legte die gefaltete Serviette vor sich auf den Tisch, sah mir zornig in die Augen und schob sie zu mir. „Guck da rein und sag mir noch einmal wie es laufen wird, Du dreckiger Bastard.“. Ich nahm sie, hielt sie unter die Tischkante und schaute hinein.

Nachdem ich sie geöffnet und einen Blick hineingeworfen hatte, schloss ich sie und legte sie wieder vor mir auf den Tisch. Ich sah ihn lange und eindringlich an und nickte.

„Hast Du jetzt verstanden, was ich mit Dir machen werde?“, fragte er mich. „Hmmh… . Ich habe verstanden, was Du mir sagen möchtest.“, antwortete ich und schaute zum Aquarium über der Bar. Nach einer kleinen Pause fragte ich ihn: „Machst Du das eigentlich öfter? Mit anderen Menschen eine Geschäfts- oder Vertrauensbeziehung aufbauen, um sie dann zu verarschen?“. Er grinste dreist. „Den einen oder anderen Euro habe ich so schon gemacht.“, prahlte er. „Also was ist jetzt?“, wollte er wissen, „Denkst Du immer noch, dass Du mein Geld in zwei Tagen bekommst?“. „Sein Geld.“, ging es mir durch den Kopf, „Was für ein arrogantes Arschloch. Glaubt der Typ ernsthaft, dass ich mich von einer in Papier eingewickelten neun Millimeter Patrone davon abhalten lasse, mir mein Geld zurück zu holen?“. „Ja, das denke ich.“, sagte ich, „Es sei denn, Du möchtest, dass es knallt und mindestens Du einen lebenseingreifenden Schaden von diesem Abend tragen wirst.“.

Ich nahm eine weitere Serviette vom Stapel, betrachtete sie und seufzte. „Bist Du behindert Du Opfer?“, fragte Mustafa und ich schaute zu ihm, „Weißt Du nicht, was das bedeutet? In weniger als zehn Minuten ist diese Tischplatte mit Deinem Hirn bedeckt.“. Ich nahm die Serviette unter den Tisch und breitete sie auf meinem Schoß aus. Danach griff ich in meine linke Jackenaußentasche. Meine Hand war voll mit Patronen unterschiedlicher Größe. Während ich die Munition in die Serviette fallen ließ, entstand ein Geräusch das undefinierbar, unüberhörbar und dennoch für Eingeweihte alles sagend war. Ich sah aus dem Augenwinkel, wie sich Mustafas Mimik veränderte. Die Serviette hatte ich zu einem Säckchen gebastelt, es so weit wie möglich zugedreht, vor mir auf den Tisch gelegt und es anschließend zu Mustafa herüber geschoben. Ich beobachtete ihn aufmerksam, wie er das Säckchen unter dem Tisch öffnete, als ich den letzten Schluck Gin-Tonic trank. Er war sichtlich überrascht. Die neun Millimeter Patrone, die er mir herüber geschoben hatte, sollte signalisieren, dass entweder er selber oder einer seiner vor dem Hotel wartenden Leute eine Handfeuerwaffe oder, was unwahrscheinlicher war, eine Maschinenpistole dabei hatte. Auch wenn solch eine Situation nicht zum Tagesgeschäft gehörte, wusste ich dennoch mich und mein Geld zu schützen.

Als er mein Säckchen öffnete, fand er dort neben einer neun Millimeter Patrone, eine Magnumpatrone, eine Mittelpatrone vom Typ sieben zweiundsechzig und eine vom Typ sieben neununddreißig, daneben eine Patrone vom Typ dreißig dreißig Winchester. Die Anzahl der verschiedenen Patronen ließ ihn darauf schließen, wenn er noch klar denken konnte, dass mindestens fünf bewaffnete Männer alle Ein- und Ausgänge, inklusive der Tiefgerage bewachten. Unabhängig davon welche Waffen sie nun tatsächlich trugen, war ihm sicherlich klar, dass er am Arsch war. Er setzte auf eine Pistole, ich auf eine kleine Armee. Die von mir angeheuerten osteuropäischen Söldner waren ehemalige Militärs und Paramilitärs, die in verschiedenen Kriegen dieser Welt schlimme Dinge gesehen, oder aus Liebe zu ihrem Beruf noch schlimmere Dinge getan hatten.

Der Barkeeper, der nun auch als Kellner auftrat, kam an unseren Tisch und fragte, ob es noch etwas sein dürfe. Ich winkte ab: „Wir sind fertig. Die Rechnung bitte.“. Zu Mustafa gewandt fragte ich: „Weißt Du, was das bedeutet?“. Er nickte mit gesenktem Blick. „Also morgen um zwanzig Uhr dreißig an diesem Tisch. Zweihundervierzigtausend Euro. Jenny soll meine Tasche aus Krokodilleder mitbringen.“, sagte ich. Er schaute noch immer auf den Boden. „Ach ja, damit Du nicht auf die Idee kommst zu flüchten.“, ich holte aus der Brusttasche meines Hemdes einen Zettel und schob ihn zu ihm herüber. Er öffnete ihn, schaute rein und ich meine Tränen in seinen Augen gesehen zu haben. Auf dem Zettel stand der Name seines Vaters, dazu die Adresse seines Obstgeschäftes in Kreuzberg. Wie sich heraus stellte, sollte Marco doch nützlicher sein, als ich dachte. Denn während ich ihn vorgestern anschrie, bevor ich auflegte, wollte er mir sagen, dass als er Mustafa verfolgte die beiden an jenem besagten Obstladen hielten und Mustafa sich ungewöhnlich innig mit dem Verkäufer zu verstehen schien. Nachdem er Mustafa verloren hatte, fuhr Marco zurück zum Obstladen und unterhielt sich mit dem Verkäufer. Dieser erzählte voller Stolz von seinem Sohn und seiner Freundin und dass dieser wohl einmal sein Geschäft und die über dem Laden befindliche Wohnung übernehmen werde. Dieser Marco. Ich kannte ihn schon so lange, aber hätte ihm niemals zugetraut, solche Informationen aus Leuten zu bekommen.

Die Übergabe meiner Tasche voll Geld mit Jenny am Folgetag war reine Formsache. Kurz danach bezahlte ich die Söldner, am Folgetag wie vereinbart meine Partner und machte am Ende der Woche noch zehn Scheine Plus. Wenigstens etwas.

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