Purple Haze – Teil 2

1

Rakim und Johnson waren um sieben Uhr abends bei Marco. Fati kam eine halbe Stunde später. Ich schickte Marco mit drei Hundertern und ausgefüllten Wettscheinen zu Tipico am Kottbusser Tor. Er musste bei dem Gespräch nicht dabei sein. Außerdem half mir Wetten schon immer gegen den Stress, den der Job mit sich brachte.

Ich erklärte meinen Kollegen, dass wir allem Anschein nach übers Ohr gehauen wurden. Sie gaben mir zu verstehen, dass nicht wir es waren, sondern ich. Nach einigen Einwänden meinerseits waren sich die anderen einig, dass ich für den entstandenen Schaden aufzukommen hätte. Im Grunde war ich mir dessen bewusst, versuchte dennoch Einspruch zu erheben.

Es war nicht so, dass ich nicht innerhalb von ein paar Stunden und nach zwei, drei Telefonaten das zehnfache des zur Rede stehenden Geldes auf den Tisch hätte packen können. Damals wie heute geht es hierbei ums Prinzip. Ich lass mich doch nicht abziehen. Wie steh ich denn dann da? Wie eine Witzfigur! Und für einen Mann in meiner Position ist es nicht gerade geschäftsfördernd, wie eine Witzfigur dazustehen. Im Gegenteil. Meine Partner wären natürlich dankbar darüber gewesen, dass ich die Kohle wieder so schnell beschafft hätte, die Art und Weise würde sie allerdings an meiner Stärke zweifeln lassen. Das hätte natürlich niemand so gesagt. Aber es wäre so gewesen.

Ich sagte Ihnen, dass ich mich bei Ihnen melden würde, sobald die Sache geklärt ist. Das wurde abgelehnt. Es war nicht so, dass die Männer auf die Gewinne akut angewiesen waren. Sie hatten ihre Schäfchen, genau wie ich, im Trocknen. Allerdings hatten auch sie ihrerseits Verabredungen getroffen, um das Weed unter die Leute zu bringen. Das Nichterscheinen von Mustafa verursachte, dass einige Pusher Berlins, trotzdem sie ziemlich nervös und angepisst waren, auf dem Trocknen saßen. Diese hatten fest mit der Lieferung gerechnet und meine Partner mussten sich nun schnellstmöglich um Alternativen bemühen.

Das Gramm Haze wird auf den Straßen Berlins für zehn Euro und mehr gehandelt. Und die meisten Mitarbeiter auf den unteren Rängen waren sehr wohl auf die Gewinne angewiesen. Sei es, um ihre Frauen glücklich zu machen, ihre Süchte zu finanzieren oder für sonstigen Schnickschnack. Dementsprechend klingelten die Zweit- und Dritthandys aller Anwesenden ununterbrochen. Nach zig Gesprächsunterbrechungen a la: „Einen Moment mal kurz…. Ja? Hey, alles gut bei Dir? Ja, ich habe gerade Tom getroffen. Er meinte Moni kommt heure wahrscheinlich nicht, aber sie sagt noch mal Bescheid. Yo, ich melde mich. Bis dann, ciao.“, wurde einstimmig entschieden, die Handy erst einmal lautlos zu stellen. Das Ergebnis der folgenden Unterhaltung war, dass ich eine Frist von fünf Tagen bekam. Sonntag um zwanzig Uhr hatte das Geld da zu sein.

Ich versuchte nach dem Treffen mit den Männern noch einige male erfolglos Mustafa zu erreichen. Ich gab Marco den Auftrag den Eingang von Mustafas Haus zu beobachten und sich umgehend bei mir zu melden, sollte er das Haus verlassen oder betreten.

Gegen Mitternacht begab um ich mich ins kreuzberger Nachtleben um Zerstreuung zu finden. Ich wollte die Folgen nicht bedenken, die es hätte, sollte Mustafa sich nicht melden. Mein schöner Ruf… .

2

Ich hatte Kopfschmerzen. Also lebte ich noch. Ich öffnete schwerfällig meine Augen. Es war ziemlich dunkel, aber durch den vorhandenen, aber geringen Lichteinfall sah ich, dass ich Zuhause war. Meine mehr als teuren Jalousien erfüllten ihren Zweck mehr als gut. Draußen war es mittlerweile hell. Der Versuch mich auf die andere Seite des Doppelbettes zu bewegen, um mein Handy zu finden, wurde durch etwas im Weg liegendes gestoppt. Ich fiel zurück. Ach ja… .
Sie war ja auch noch da. Die Zeugin meiner erfolgreichen Zerstreuung. Ich hatte sie gestern in irgendeiner Bar aufgegabelt. Hübsch. Überdreht und dem Kokain nicht abgeneigt. Es war lustig gestern. Aber heute ist heute und ich hatte noch etwas zu erledigen. Ich stieg vorsichtig und leise über den Fußbereich aus dem Bett und fand mein Handy in meiner Hosentasche. Es war mittlerweile nach vierzehn Uhr und es zeigte mir 19 Anrufe in Abwesenheit. Die meisten konnte ich ignorieren. Keiner ließ auf Mustafa schließen. Marco allerdings hatte versucht mich fünf mal anzurufen. Zusätzlich hatte er eine SMS geschickt: „Hey, ich hab was. Ruf zurück.“. Bevor ich ihn anrief, versuchte ich es noch einmal bei Mustafa: „Der Teilnehmer ist zur Zeit nicht zu erreichen. Bitte versuchen sie es zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal.“.

Ich rief Marco an. Er erzählte mir, dass Mustafa heute morgen sein Haus im Beisein einer Frau betreten und es kurz darauf wieder mit ihr verlassen hatte. Vor Wut rasend fragte ich ihn, warum er mich nicht angerufen hatte. „Aber Dicker, dass habe ich doch.“, sagte er. Und Scheiße! Er hatte Recht. Er hatte die beiden auf seinem Roller verfolgt, doch sie irgendwann verloren. Unfähiger Penner. Ich beleidigte ihn wüst und legte auf, als er etwas erwiderte. Trotz oder gerade wegen der hervorragenden Qualität meines Kokses habe ich geschlafen wie ein Stein. Fuck.

Ich traf mich mit einem befreundeten Dealer, der es ähnlich weit gebracht hatte wie ich und erzählte ihm von meiner Situation. Mit Jerome hatte ich quasie angefangen die ersten Deals zu machen und er war einer von den wenigen alten Bekannten, die nicht mehr von ihrem Stoff genommen hatten als sie verkauften. Langsam spielte ich mit dem Gedanken meine Partner zu bezahlen. Ich hätte es nicht gerne getan, aber hätte alles nichts geholfen, hätte ich in den sauren Apfel beißen müssen. Während Jerome mir erklärte, was er an meiner Stelle tun würde, klingelte eines meiner Prepaid Handys. Mustafa.

„Hallo.“, sagte ich. Stille. „Du hast versucht mich azurufen. Was willst Du?“, waren seine Worte. „Wir waren gestern bei Marco verabredet.“, sagte ich, „Weißt Du noch?“. „Die Sache hat sich erledigt. Ich habe kein Interesse mehr.“, entgegnete er mir. „Ok… ok… . Das Ding ist nur Mustafa, Du hast etwas, das mir gehört. Und ich will es zurück. Mit Zinsen.“. Mustafa fing an zu lachen. „Was ist so lustig?“, wollte ich wissen. „Ich frage mich, was ein Knilch wie Du gegen jemanden wir mich ausrichten will.“. Zu kurz gedacht, ging es mir durch den Kopf. Auf rein körperlicher Ebene und mit bloßen Händen, wäre er mir wahrscheinlich überlegen gewesen. Immerhin ist er zwei Köpfe größer und wiegt gute 40 Kilo mehr als ich. Auch wenn die schon lange keine sportliche Betätigung mehr gesehen hatten. Mustafa hatte allen Grund anzunehmen, dass er mir in einer körperlichen Auseinandersetzung überlegen gewesen wäre. Wenn er allerdings gewusst hätte, dass ich mich schon seit meiner Kindheit durch die Straßen Berlins geprügelt habe, nur um Geld zu beschaffen oder um es zu verteidigen, ungeachtet dessen wie groß meine Gegner waren, dann hätte er mein müdes Lächeln verstanden, welches er nicht sehen konnte. Diverse Narben zierten meinen Körper und wurden stumme Zeugen all der Kämpfe, die durch Stiche beendet wurden. „Ich will nichts gegen Dich ausrichten. Ich will nur, was mir gehört. Ich wäre Dir dankbar, wenn wir das in Ruhe besprechen können.“, sagte ich. „In Ruhe besprechen…“, erwiderte er lachend, „Du bist mir vielleicht ein Witzbold. Nun gut. Damit ich meine Ruhe vor Dir habe: Lass uns das in Ruhe besprechen. Aber denke nicht, dass ich Dir entgegen kommen werde.“. „Alles klar.“, sagte ich, „Wir treffen uns übermorgen, also am Freitag um 21 Uhr im Barbereich des Radisson Blu im Dom Aquarée am Alex.“. „Alles klar Kleiner. Dann bis Freitag.“, war seine Antwort.

Wir beendeten das Telefonat. Dieser Wichser. Was dachte er sich dabei, so mit mir zu reden. Ich erzählte Jerome, dass Mustafa sich auf ein Treffen einließ. Der Grund meines Besuches bei Jerome hatte sich erledigt. Nun wusste ich, was zu tun war. Ich verabschiedete mich eilig und machte mich auf den Weg. Es waren Vorbereitungen zu treffen.

Fortsetzung folgt.

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