Roter Lippenstift

Autor: Katja Frühauf

Schnipp. Schnapp. Schnipp. Schnapp.

Ihre Haare Fallen auf den Boden. Nun sind sie wieder kürzer. Umspielen ihre Schultern nicht mehr. Nur noch ihr spitzes Kinn, welches sie nach vollendeter Arbeit stolz nach vorn reckt. Ja, jetzt fühlt sie sich besser. Frei. All die alten Erinnerungen hat sie abgeschnitten. Sie ist nicht mehr verträumt. Sie ist gefallen und wieder aufgestanden und nur ihr Glaube hat ihr dabei geholfen. Sie ist stark, auch wenn sie sich nicht immer so fühlt. Deshalb die neue Frisur. Als Symbol. Sie färbt sie neu ein, streift die alte Farbe, Person, die sie war, ab.

Die Farbe wirkt ein und der beißende Geruch nach dem Tönungsmittel schmeichelt ihrer Nase. Der Duft der Selbstbestimmtheit. Wie als würde diese Veränderung aus ihr einen neuen Menschen machen. Symbolisch.

Und so fühlt sie sich auch. All die Tränen der letzten Monate sind getrocknet. Ihr gebrochenes Herz heilt und auch wenn die Narben nicht komplett verschwinden werden, der alte Schmerz kann ihr nichts mehr anhaben.

Sie hat ihn überwunden, hat alles hinter sich gelassen und einen Neustart gewagt. Neue Wohnung, neue Kleidung, neue Möbel, neue Freunde. All jene, die sich nie für sie interessierten, hat sie endgültig abgeschrieben. Sie wird ihnen nicht mehr hinterher rennen.

Während sie die Reste der Haarfarbe vom Kopf herunter spült, überlegt sie, was sie wohl mit dem angebrochenen Abend anstellen soll. Die neue Frisur ist es wert, ausgeführt zu werden, denkt sie.

And then she’d say: It’s OK, I got lost on the way. But I’m a Supergirl and Supergirls don’t cry.
And she’d say: It’s all right, I got home late last night. But I’m a Supergirl and Supergirls just fly.

Sie lächelt. Zum ersten Mal seit langer Zeit. Rea Garvey hat Recht, einfach die Angst weit weg schieben und wieder aufstehen. Sie hatte es geschafft und sie würde nicht mehr weinen. Es wird ihr Abend.

Streift die alten Klamotten ab und sucht sich neue aus dem unberührten Stapel. Sie will sich besonders fühlen. Zeigen, wie stark sie geworden ist, dass sie auch allein zurecht kommt.

Schicke Unterwäsche, das muss sein. Heute will sie das Komplettpaket und sich rundum wohl fühlen. Schwarzes Top und ein schickes T-Shirt darüber. Die enge Röhrenjeans an, die ihre langen Beine perfekt in Szene setzt. Dazu die passenden Turnschuhe, Lederjacke und ihr Lieblingsparfüm. Der süße, leichte Duft vermischt mit dem ihrer frisch gefärbten Haare gibt ihr Kraft. Sie atmet tief durch und stellt sich vor den Spiegel, betrachtet ihr Werk. Es fehlt nur noch die passende Schminke.

Augen betonen, Wimperntusche, Rouge auf die Wangen. Fast perfekt. Sie lächelt ihr Spiegelbild an. Nur noch der rote Lippenstift fehlt. Doch diesmal nicht zu ihrem Business-Outfit, diesmal soll er ihre Weiblichkeit betonen, ihre Freiheit, ihre Leichtigkeit. Der rote Lippenstift ist ihr kleiner Mutmacher geworden. Wie oberflächlich, denkt sie. Eigentlich ist er nur eine Maske, hinter die sie sich zurück zieht, wenn sie nicht mehr gerade stehen kann, weil ihr die alte Angst und der Schmerz wieder in den Rücken fallen. Ihr Versteck, in dem sie vor Gott tritt und sich wieder auftanken lässt, bis sie wieder stark genug ist, um der Welt entgegen zu treten. Doch diese Seite wird sie nie mehr nach außen kehren. Nach außen hin will sie stark bleiben, damit niemand mehr auf sie eintritt, sie nicht mehr verletzen kann. Dazu der rote Lippenstift, ihr Mutmacher, Versteck. Ein weiteres Symbol. Und auch wenn ihre Augen in einem Moment nicht lachen, so betont der Lippenstift das falsche Lächeln auf ihren Lippen, das sie tapfer aufrecht erhält. Rein äußerlich, wenn ihr Innerstes zusammenbricht, dann steht noch immer die Mauer, die sie in den vergangenen Monaten um sich herum aufgebaut hat. Und los, die Nacht ruft.

Tasche umgehangen und noch einen letzten Blick in den Spiegel geworfen. Sie strahlt. Ihr Lächeln ist seit Langem das erste Mal wieder echt. Ihre Augen glitzern. Es wird ihre Nacht. Sie fühlt sich wohl, schließt die Tür hinter sich. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Alles oder nichts.

Sie will tanzen, sich der Musik ganz hingeben, die Augen schließen und alles hinter sich lassen, für einen Moment vergessen, wer sie ist. Ihren Körper in Trance zu dröhnenden Beats bewegen und sich frei fühlen. Sie muss niemandem etwas beweisen, will keinen Mann für die Nacht. Nur sie und die Musik für eine Nacht. Mit rotem Lippenstift.

Sie läuft durch die Nacht. Die Luft ist lau und überall tummeln sich partywütige Menschen. Sie lachen. Manche haben schon etwas viel Alkohol im Blut. Paare, die eng umschlungen durch die mit Straßenlaternen erhellten Straßen flanieren.

Und sie geht in der Menge unter. Zumindest stellt sie sich das vor, während sie mit durchgestrecktem Rücken und langen, wiegenden Schritten zielstrebig zu ihrem Lieblingsclub läuft. Lange war sie schon nicht mehr dort gewesen. Es ist ihre erste Nacht, die sie allein durchtanzen will. Sonst war sie immer mit ihren Freundinnen unterwegs gewesen, weil sie sich dann sicher fühlte. Doch heute haben sie alle abgesagt. Aber heute ist sie stark. Heute trägt sie ihren roten Lippenstift und stößt die Schwingtür auf, steigt die Treppen hinunter, der Musik entgegen.

Es riecht nach frisch gewischtem Boden. Nur wenige Menschen sind da. Kein Wunder, die Nacht ist noch jung. Sie bestellt sich einen Caipirinha. Bittersüß und kalt. Es ist zu viel Wodka. Aber bald schmilzt das Eis. Bitter-sauer-süß. Der Geschmack ihres Abends. Es ist ihr Lieblingsgetränk.

Die Wärme breitet sich in ihr aus und sie lächelt noch immer. Steht am Rand der Tanzfläche und stellt sich auf die Musik ein, fühlt den Takt, den Bass, die Drums. Sie schließt die Augen. Ihr Kopf wippt. Und immer wieder nimmt sie einen Schluck vom bittersüßen Cocktail, ihr Lippenstift hinterlässt Spuren am Strohhalm. Sie tanzt allein. Versucht, die Blicke der anderen zu ignorieren, die in Gruppen tanzend auf der Tanzfläche verteilt den Abend beginnen. Lächelt ihnen zu. Sie ist stark, trägt roten Lippenstift. Sie kennen sie nicht.

Der Club füllt sich. Die Musik wird lauter. Ihr Glas ist leer, doch der Geschmack bleibt. Bittersüß. Sie tritt vom Rand weg, auf die Tanzfläche. Schwingt die Hüften, dreht sich, will sich der Musik hingeben, fühlt den Bass im Bauch vibrieren. Schwummriges Licht wechselt die Farbe und die Nebelmaschine hüllt sie ein. Und sie schwimmt in der Musik, die Lippen bewegen sich zum Text. So soll es für den Rest der Nacht bleiben. Nur die Musik und sie, mit rotem Lippenstift.

Immer mehr Leute drängen auf die Tanzfläche. Sie tanzt sich durch die Lücken zwischen ihnen. Die Luft wird knapp. Sie riecht Schweiß, Parfüm, Nikotin. Sie schmeckt bittersüß. Ein sanftes Lächeln auf ihrem Gesicht. Das Lächeln hinter rotem Lippenstift.

Überall um sie herum fremde Menschen. Sie lächeln. Irgendwie fühlt sie sich mit ihnen verbunden. Verbunden in der Musik. Verbunden für eine Nacht, in dem sie zum selben Beat tanzen. Doch sie kann nicht loslassen. Da sind Hände. Hände auf ihrem Körper, die fremden Männern gehören. Sie will das nicht. Jemand hält ihre Hand fest, will sie an sich ziehen. Sie zieht die Hand zurück, doch der Fremde kommt zu ihr heran. Nein, sie will nichts trinken. Nein, sie will nicht mit ihm gehen. NEIN schreien ihre Augen ihm entgegen, doch er versteht sie nicht. Zieht sie wieder zu sich, legt die Hände auf ihre Hüften. Sie dreht sich aus seiner Umarmung, die ihr wie ein Gefängnis scheint. Er nimmt ihre Arme, will sie um sich schlingen, sie zieht weg. Er will mit ihr gehen, NEIN wiederholt sie. Schüttelt bestimmt den Kopf. Ihre kurzen Haare fliegen dabei. Doch er versteht nicht. Wendet sich ab.

Doch immer kommt er wieder, tut, als wäre sie seine Begleitung. Sie versucht, sich ihm zu entziehen, versucht, in der Menge unterzutauchen. Doch immer findet er sie. Sie kann nicht loslassen, kann die Musik nicht genießen, ihre Augen suchen ihn, immer versucht, sich vor ihm zwischen all den tanzenden Menschen zu verstecken. Doch immer findet er sie. Immer entwindet sie sich ihm, immer verneint sie. Hilfesuchend blickt sie in die Gesichter der anderen, doch sie scheinen ihre Verzweiflung nicht zu begreifen, sie hören ihren stummen Hilfeschrei nicht. Lächeln sie nur stumm an. Sie tanzt weiter. Halbherzig. Schmeckt bittersüß. Kaut an ihren Lippen.

Sie will nicht gehen, es soll doch ihre Nacht werden. Sie beobachtet zwei Frauen, die ihre Körper elegant zur Musik winden, in einer Wolke aus Innigkeit versunken. So will sie auch tanzen können. Aber sie kann nicht mehr loslassen. Schon wieder Hände auf ihrem Körper. Sie muss weg, geht zur Bar. Unterhält sich mit einer Fremden, die traurig aussieht, fragt sie, ob alles okay ist. Mutig, dass du allein hier bist, meint die Fremde. Ihr Freund kommt, die Fremde geht rauchen.

Der Mann zieht sie wieder auf die Tanzfläche. Sie unterhalten sich. Er ist nett und für einen Moment tanzt sie und genießt den Abend, weil er auf sie aufpasst, als hätte er ihren Hilferuf gehört. Er zieht sie näher an sich. Es stört sie nicht, denn er ist zart zu ihr, sie tanzen zusammen. Ihre Bewegungen verschmelzen, doch er kommt ihr immer näher. Seine Hände auf ihren Hüften, auf ihrem Bauch. Sie rutschen tiefer und sie entzieht sich ihm. Er hat eine Freundin und sie will keine Schlampe sein. Er akzeptiert den Abstand für eine Weile, doch sie merkt, wie er scharf wird, fühlt die harte Stelle zwischen seinen Beinen, während er sich von hinten an sie heran schiebt, während sie ihre Hüften kreisen lässt. Seine Bartstoppeln kitzeln sie am Hals, seine Lippen kommen gefährlich nah an ihren Hals, ihre Ohren. Und in diesem Moment fasst sie sich wieder, alle Lockerheit ist verschwunden. Sie bewegt sich nur noch halbherzig zur Musik, die Hüften versteift, die Arme nah an ihrem Körper.

Der andere Typ kommt wieder, er verfolgt sie. Sie fühlt sich gehetzt wie ein Tier. Ihr Wille wird nicht akzeptiert. Als wäre sie nicht die selbstbestimmte Frau, die sie immer sein wollte. Als müsste sie sich von den Fremden anfassen lassen und nach ihrem Willen tanzen. Doch das will sie nicht. Sie verkrampft immer mehr, tritt im Takt auf der Stelle, verkrampft ihre Lippen. Die Augen sind leer, ihr Lächeln verschwunden. Sie zieht die Hände weg, die der Fremde immer wieder zu schnappen versucht, dreht sich weg, schreit ihm ICH WILL NICHT entgegen. Sie nagt an ihren Lippen, der rote Lippenstift verwischt.

Die Luft wird ihr zu stickig. Sie kann nicht mehr atmen, kann nicht mehr tanzen. Die Musik ist zu laut. Der Nebel ist zu dicht. Sie bekommt den Kopf nicht frei. Zu viele fremde Männer, die ihr zu aufdringlich werden und denken, ihre Hände auf ihren Körper legen zu müssen, obwohl sie ihnen ausweicht. Sie fühlt sich wie ein aufgeschrecktes Tier. Hastet zum Ausgang.

Die kalte Luft schlägt ihr entgegen. Endlich! Jetzt ist sie frei. Weg von all den Fremden, weg von der dröhnenden Musik. Es ist nicht ihre Nacht.

Sie läuft durch die Straßen. Trifft Leute, die auf dem Weg zu Partys sind, trifft Betrunkene, Paare und all die zwielichtigen Gestalten, denen die Stadt in der Nacht gehört. Sie gehört nicht dazu. Sie kann nicht in der Menge untertauchen. Und Märchen sind nicht real.

Sie steckt sich die Ohrstöpsel ein. Ihr Handyakku ist fast leer. Aber jetzt braucht sie ihre Musik, die sie beruhigt und wieder zu sich selbst bringt. Sie atmet die klare Luft, hört auf die Geräusche der Nacht, während sie zur Straßenbahn läuft. Der rote Lippenstift ist verwischt, ihre Schminke vom Schwitzen verschmiert, ihre Haare hängen platt an ihrem Kopf herunter. Ihr Schritt ist schnell, aber nicht mehr wiegend. Nur weg hier.

In der Bahn ist das Licht grell, es nimmt die Illusion der Nacht, dass alle Menschen im dämmrigen Licht schön sind. Mit leerem Blick starrt sie aus dem Fenster, während die Lichter der Stadt an ihr vorbeiziehen. Nimmt die Betrunkenen um sich herum nicht wahr, bemerkt nicht die angetörnten Pärchen, für die die Nacht noch längst nicht zu Ende ist. Für sie schon und es war nicht ihre Nacht. Sie nagt an ihren Lippen, schmeckt ihr Blut. Metallisch auf bittersüß. Der rote Lippenstift verblasst, nur noch ein Schimmer des frühen Abends.

Sie steigt aus, läuft die dunkle, verlassene Straße nach Hause. Es war nicht ihre Nacht. Aber sie ist sie selbst geblieben. Sie muss niemandem etwas beweisen. Ihre Musik umhüllt sie. Ihre eigene Melodie, die sie mit niemandem anders teilt, sie taucht ganz darin ein, in der dunklen Nacht, auf der menschenleeren Straße. In diesem Moment fühlt sie sich frei. Frei von all den fragenden Blicken, warum sie allein unterwegs ist, frei von den fordernden fremden Händen.

Sie riecht einen Hauch ihres Parfüms, sie riecht Schweiß und fremde Gerüche, die in ihrer Kleidung hängen geblieben sind. Fühlt sich schmutzig. Sie muss unbedingt noch duschen, auch wenn sie am liebsten nur noch ins Bett will, muss die dreckigen Klamotten so schnell wie möglich ablegen und all den Schweiß und das Gefühl nach den fremden Händen abspülen, sich einhüllen in den süßen Geruch ihres Duschbades. In den Geruch aus Sauberkeit und Geborgenheit. Und sie will allein einschlafen, sich unter der warmen Decke vor der Nacht verstecken und den Anfang des Tages verschlafen.

Es beginnt zu regnen. Gleich ist sie zu Hause. Sie lächelt, riecht den Geruch der Nacht, riecht, wie der Regen den Staub der Stadt abwäscht. Riecht nasse Erde. Ihre Augen strahlen mit den Sternen um die Wette. Sie ist frei. Sie muss niemandem etwas beweisen. Sie ist sie selbst und wird es immer bleiben, wird immer sagen, wenn sie etwas nicht will, wird nicht nach dem Willen Fremder tanzen.

Ihr Lachen hört niemand, nur sie selbst und der Gott, dem sie so dankbar ist, dass er sie behütet, wenn sie durch die Nacht läuft, der sie wieder auftankt, wenn sie schwach ist und der sie nie verlässt. Und sie tanzt durch die Straße, im Licht der Laternen, während der Regen auf sie tröpfelt und den letzten Hauch roten Lippenstifts hinweg wischt…