Ein Stein kam ins Rollen – Kapitel 5

Berlin – Mein Lebensort

Autor: Elise W. Schiftan

Morgensonne Verheißungsvoller Tag
Steh auf Beginne!
Nicht gezaudert, frisch gesungen
Vorwärts!

Wohnsilos, in denen Menschen anonym leben – stillgelegte Fabriken, deren Schlote einst giftige Gase in die Luft bliesen und in denen tausende Menschen Lohn und Brot fanden, heute zur Industriebrache verkommen – Berlin. Luxuriöse Villenviertel – Licht durchflutete Siedlungen – Berlin. Alte Kirchen, manche von niedrigen Häusern umgeben, mit einem kleinen Kirchhof dabei, mitunter auch einem Dorfteich – Berlin. Wasser und Wald wie kaum eine andere Großstadt – Berlin. In dieser Stadt lebe ich seit meiner Geburt. Wenn auch die Lebensbedingungen mehrere Ortswechsel erzwangen, so blieb es doch immer Berlin.

Britz, dieser Name klingt noch heute wie Musik in meinen Ohren. Britz, das war behütete Kindheit. Ich sehe den kleinen Teich, grünes Ufer, heller Parkweg von halbhohen Häuserblöcken hufeisenförmig umrandet. Davon ausgehend in Strahlen angeordnet sehe ich niedrige Häuserzeilen mit kleinen, gepflegten Gärten – eine familienfreundliche Neubausiedlung der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Ideal für uns Kinder war der in der Nähe gelegene alte Britzer Gutspark. Zwischen dichten Büschen spielten wir Verstecken. Unter hohen Laubbäumen fuhren wir unsere Puppen aus. Die Jungen, mein Bruder mittendrin, trieben oft Schabernack, ließen die Luft aus den Fahrradreifen des unbeliebten Gutsinspektors und beobachteten aus sicherem Versteck schadenfroh dessen Drohung: „Wartet nur, wenn ich euch kriege!“ Meistens kriegte er sie nicht. An die weltliche Schule, die wir in Britz besuchten, denke ich gerne zurück. Mög die Erinnerung an die frühe Jugend verklärt sein, die Gedanken an meine Kindheit erwecken dennoch in mir überwiegend gute Gefühle.

Berlin SO 36: In einer Straße, die direkt auf den Neuköllner Schifffahrtskanal zulief, standen vierstöckige, altberliner Mietshäuser mit Erker an der Vorderfront und mehreren engen Hinterhöfen. Wenn ich aus dem Erkerfenster sah, konnte ich vorüberziehende Lastkähne beobachten, die durch tonnenschwere Ladung beachtlichen Tiefgang hatten. Keuchend und schwitzend stakten Männer das Schiff vorwärts. Manchmal zogen Ausflugsdampfer vorbei. Es wurde erzählt, dass diese Gegend einmal gutbürgerlich gewesen sei. Offiziere, die in der nahe gelegenen Wrangelkaserne Dienst leisteten, sollen hier zur Miete gewohnt haben.

Die Wohnungen in den Hinterhäusern mit Blick auf den dunklen Hof, mit einer Außentoilette für mehrere Mietsparteien, bevölkerten dagegen Menschen mit sehr kleinem Einkommen. Der Blumentopf am Fenster war das einzige Grün. In der wenige Meter entfernten Eckkneipe verbrachte so mancher Familienvater seinen Feierabend. Aus der verqualmten Wirtsstube drangen trunkene Laute, hitzige Debatten, manchmal auch Streit. Torkelnde, lallende Männer flößten mir Angst ein. Kamen wir Sonntags vom Ausflug in die grüne Lunge Berlins nach Haus, den würzigen Waldgeruch noch in der Nase, widerte mich der miefige Dunst besonders an. Hier in „SO 36“ , einer Gegend, die Jahrzehnte später durch soziale Kämpfe in die Schlagzeilen geriet, wurde ich erwachsen. Hier erlebte ich die Verfolgung durch die Nazis und erlebte die Schrecken des Krieges. Hier heiratete ich und hier wuchsen wir zu einer vierköpfigen Familie. Zu meiner Erinnerung gehören Leid und Trauer, aber auch Freude und Glück.

Besonders bedeutsam war für mich das Jahr 1945. Ich erwartete mein erstes Kind. Ende Juni/ Anfang Juli sollte es auf die Welt kommen. Mein Mann war an der Front, mein Vater im Konzentrationslager und mein Bruder wurde an der Ostfront vermisst. Ich lebte bei meiner Mutter und meiner Schwester. Wir drei Frauen standen uns gegenseitig bei und halfen uns, wo immer Hilfe nötig war. Der Hunger war quälend, aber schlimmer waren die Nächte im Luftschutzkeller. Um uns herum weinten Kinder, Frauen schrien vor Angst, wenn in der Nähe Bomben einschlugen, manche beteten. Wir Drei verhielten uns still, wollten nicht auffallen. Die Mitbewohner distanzierten sich von uns: „Der Mann war ein Sozi. Jetzt saß er dafür im KZ. Das hatte die Familie nun davon.“ Nur der Schuhmacher aus der Ladenwohnung im Parterre tuschelte nicht mit. Heimlich hörte er Radio London. Darauf stand die Todesstrafe! Vorsichtig zog er unsere Mutter ins Vertrauen. Seine Informationen gaben ihr Trost und Hoffnung. Durch ihn erfuhr sie auch von der Befreiung des Konzentrationslagers, in dem sich unser Vater befand. Ob er am Leben war? Wir hofften es. In der Endphase des Krieges wurde Berlin fast pausenlos aus angloamerikanischen Flugzeugen heraus bombardiert. Den Keller konnten wir Tag und Nacht nicht mehr verlassen. Wir dachten immer nur das Eine: Wie lange noch? Kommen wir hier jemals wieder heraus? Nur Schluss mit diesem entsetzlichen Krieg. Die Front rückte immer näher. Schon wurde in den Straßen Berlins gekämpft. Zwei sowjetische Soldaten, die unseren Keller nach versteckten SS-Leuten und Wehrwölfen durchsuchten, verkündeten das Ende des Krieges: „Hitler kaputt! Krieg aus!“ Wir krochen aus dem dunklen Keller. Stille, unheimliche Stille. Keine Flugzeuge, keine Bomben. Tageslicht! Niedergeschlagen und hilflos schaute ich auf die Trümmer. „Deutschland, was ist aus dir geworden?“ Wie ein Mühlrad kreiste dieser Gedanke in meinem Kopf, nur allmählich begriff ich, dass die Waffen schwiegen. Langsam drang in mein Bewusstsein: Der Krieg ist aus – wir leben.

Wie wir Drei ganz auf uns allein gestellt den schweren Anfang meisterten, ist mir heute noch ein Rätsel. Kein Gas, kein Strom, kein Wasser, eine bombengeschädigte Wohnung mit einem zerstörten Dach, mit leeren Fensterhöhlen und aus den Angeln gerissenen Türen. Der Lebenswillen muss übermächtig gewesen sein.

Mit unseren schwachen Kräften beseitigten wir notdürftig die gröbsten Schäden. Wie oft seufzten wir: Wenn doch einer von unseren Männern hier wäre, dann wäre alles leichter zu ertragen.

Es war der 11. oder 12. Mai, da klingelte es an der Wohnungstür. Als ich öffnete, stand vor mir eine fremde Frau. „Sind Sie Frau Schiftan?“ „Ja“. „Ich soll von Ihrem Mann…“ mir stockte der Atem, „einen Gruß bestellen. Er liegt verwundet in Halbe.“

Da brach es aus mir heraus: „Mutti, hörst du, Bernd lebt. Komm schnell her, hier ist eine Frau, die Grüße bestellt.“ Die Frau, es war die Tochter des Bürgermeisters von Halbe, berichtete von der schweren Kesselschlacht, von den vielen Toten und Verwundeten und von Verletzten, die in einem Haus notdürftig untergebracht wurden, darunter auch mein Mann. Sie gehe morgen wieder zurück nach Halbe. Wenn wir für den Mann etwas mitgeben möchten, würde sie das gerne entgegennehmen. Wir waren in heller Aufregung. Keine Frage, natürlich würden wir etwas mitgeben. Plötzlich platzte meine Schwester heraus, es sei das beste, wenn sie sich zu der Tochter des Bürgermeisters gesellte und mit nach Halbe gehe. Vielleicht brauchte Bernd Hilfe. Ich selbst konnte mir eine solche Strapaze nicht mehr zumuten, da ich in ca. 6 Wochen mein Baby erwartete. Die beiden Frauen machten sich zu Fuß auf den beschwerlichen, risikoreichen Weg. In Halbe ergab sich inzwischen für alle Verwundeten, die laufen konnten, die Möglichkeit, in ihre Heimatorte zurück zu kehren. Es ist erstaunlich, was die Frauen, die gerade einen weiten, anstrengenden Weg hinter sich hatten, in kürzester Zeit zuwege brachten. In dem Chaos, das überall herrschte, trieben sie einen klapprigen Leiterwagen auf und fingen ein herrenloses Pferd ein. Sie nähten sich Rot-Kreuz-Binden an ihre Ärmel und beschafften eine Rot-Kreuz-Fahne. Aus Bohnenstangen stellte der Bürgermeister für Bernd zwei Krücken her. Damit konnte der provisorische Verwundetentransport mit mehreren Insassen losgehen. Es war ein abenteuerliches Unternehmen, von dem keiner vorhersagen konnte, wie es enden würde. Für das abgemagerte Pferd war kein passendes Geschirr am Wagen. Futter fehlte. Die Frauen wussten nicht, mit Pferden umzugehen. Bernd, der sich damit auskannte, lag verwundet auf dem Wagen und konnte nur Ratschläge erteilen. Immer wieder blieb das arme Tier stehen. Es scheute, wenn es an brennenden Wäldern vorbeizog. Flüchtlinge verstopften die Straßen. Nach großer Mühsal und einer Übernachtung bei hilfsbereiten Menschen kamen sie schließlich bis zur Stadtgrenze von Berlin.

Bernd war als einziger Verwundeter auf dem Transport übrig geblieben. Die anderen waren an einem geeigneten Verbandsplatz vom Wagen gestiegen. Da stießen sie plötzlich auf einen sowjetischen Wachtposten, der jeden kontrollierte. Was nun? Sie hielten die Luft an. Bernd war in Wehrmachtsuniform. Sollte jetzt alles aus sein? Der Wachtposten ließ sie mit einer lässigen Handbewegung passieren. Glück gehabt! Nun noch durch die zerstörte Stadt und zu Hause auf den unförmigen Krücken Treppen erklimmen. Die Wiedersehensfreude war unbeschreiblich. Bernd und meine Schwester hatten sich bereits auf der Straße mit herzlichen Dankesworten von der hilfsbereiten Tochter des Bürgermeisters verabschiedet, die mit Pferd und Wagen weiter zog. Der Dank an meine Schwester blieb ein Leben lang bis heute. Durch ihren selbstlosen Einsatz blieb Bernd eine Kriegsgefangenschaft erspart. Dank ärztlicher Hilfe genas er relativ schnell.

Mit Bernd kehrte neue Hoffnung in unser Dasein. Wenige Wochen später wurde unser Junge geboren. Die Wohnung war gerade wieder mit elektrischem Licht, oft durch Stromsperren unterbrochen, und mit Wasser ausgestattet. So konnten wir das Neugeborene sauber und hygienisch versorgen. Die Säuglingssterblichkeit war zu jener Zeit enorm. Wir taten alles, um das junge Leben zu schützen. Dabei unterstützte uns die ganze Familie.

Unser Kind war zwei Wochen alt, da klopfte das Glück noch einmal an unsere Tür. Mein Vater, der die Hölle von Dachau überlebt hatte, kam nach Hause. Wieder herrschte übergroße Freude. Dass er Großvater geworden war, konnte er kaum fassen.

Langsam normalisierte sich das Leben. Meine Eltern, die bis jetzt ihre Wohnung mit uns teilten, zogen wieder nach Britz. Meine Schwester zog mit. Zum ersten mal wohnten wir in eigenen vier Wänden: zwei große Zimmer, Küche, Innentoilette. Die Freude währte nicht lange. Uns stand nur eine Stube zu. Die zweite mussten wir an ausgebombte Menschen abgeben. Wieder hatten wir Glück. Uns wurde ein älteres, kränkliches Paar zugewiesen, das sich als grundehrlich und kinderlieb erwies. Mehrere Jahre, bis zu unserem Auszug, lebten wir gemeinsam. Für unseren Jungen waren sie wie Oma und Opa. So manchen Winterabend saßen wir zusammen in der Küche. Jeder spendierte eine Kohle oder etwas Holz. Es wurde gemütlich warm. Bernd holte den Plattenspieler und seine Schellackplatten in die Küche und reihum durfte sich jeder ein Musikstück wünschen. Dazu erzählten wir uns unsere Lebensgeschichten bis das Feuer heruntergebrannt war. Die Jahre vergingen. Trotz guten Willens auf beiden Seiten war das Zusammenleben auf engem Raum anstrengend. Ich war wieder schwanger. Unglücklicherweise wurde das provisorisch reparierte Dach des Hauses undicht. Bei Regenwetter stellten wir in unserer Stube Eimer und Wannen auf. Für die Nächte trugen wir das Bettzeug in die Küche und schliefen auf dem Fußboden. Die Stube der Untermieter war nicht betroffen. Hier wollten wir nicht länger bleiben. Wir suchten eine trockene Wohnung mit möglichst zwei Zimmern.

Friedrichshain, endlich eine menschenwürdige Wohnung! Viel Sonne, Balkon, Bad, das beste für unsere Kinder! In dem Gebiet um das Ostkreuz herum verlebten wir glückliche Jahre, in denen die Kinder flügge wurden und ihr Elternhaus verließen. Das Nest wurde leer, die Wohnung zu groß. Mit einem weinenden und einem lachenden Auge wechselten wir noch einmal den Ort. Aber das liegt schon 25 Jahre zurück. Wir erfreuen uns längst an einem Lebensraum, der unseren Kräften angemessen ist. Wieder wohnen wir an einer Wasserstraße. Wenn Containerzüge nicht die Sicht versperren, sehen wir den regen Schiffsverkehr auf der Spree. Hier möchten wir bleiben.

Abendstimmung
Mildes Licht Erinnerung zaubert leise
Lächeln auf mein Gesicht
Abendfrieden