Ein Stein kam ins Rollen – Kapitel 4

Alt wie ein Baum

Autor: Elise W. Schiftan

Wenn alles gut geht, werden sie in zwei Jahren das Fest der diamantenen Hochzeit feiern. Dem Mann will man im ersten Moment seine 84 Lebensjahre nicht abnehmen und auch der Frau glaubt man kaum, dass sie auf die 80 zugeht. Doch beim näheren Hinsehen erkennt man die Spuren, die die Jahre hinterlassen haben. So geht der Mann zum Beispiel nicht ohne Stock auf die Straße. Die Füße wollen nicht mehr so recht. Auf die Augen kann er sich nicht richtig verlassen. Doch dessen ungeachtet steht er mitten im Leben und nimmt aktiv Anteil am gesellschaftlichen Geschehen. Auch die Frau muss mit ihren Kräften haushalten. Das wöchentliche Wandern in einer Seniorengruppe musste sie aufgeben. Beim Tanzen ist sie ruhiger geworden. Es geht ja alles noch, nur eben langsamer. Sie brauchen beide für den Alltag mehr Zeit und häufiger eine Ruhepause. „Das steht uns doch jetzt zu“, sagt die Frau, wenn die Grenzen ihrer Belastbarkeit deutlich werden. Aber noch immer hilft der Mann seiner Frau in den Mantel oder reicht ihr beim Aussteigen den Arm, den sie dankbar annimmt. Noch immer winkt die Frau aus dem Fenster, wenn der Mann wegen einer Besorgung das Haus verlässt. Sie sind glücklich, für einander da sein zu können. Gemeinsam alt werden ist nicht immer leicht, aber es kann etwas sehr Schönes sein.

Eine Wegstrecke von 58 Jahren sind sie gemeinsam gegangen, gute und auch schwere Jahre, Jahre voller Übereinstimmung, aber auch Jahre, in denen es knirschte. So manche Bewährungssituationen hatten sie zu bestehen. In der Regel führte das zu einem noch festeren Zusammenhalt, denn in den wichtigsten Fragen des Lebens zogen sie an einem Strang, und – was wohl ebenso wichtig war – sie verloren nie die Achtung voreinander. Viel eher gab es Reibereien in den banalen, alltäglichen Dingen. Besonders groß waren die Belastungen in den ersten Jahren, als die Kinder noch klein und die Frau oft krank war, auch im Krankenhaus lag. Dann wurde offensichtlich, dass er nicht nur ein liebevoller Mann, sondern auch ein verantwortungsbewusster Vater war.

In den Jahren des Fernstudiums seiner Frau, die kein Ende nehmen wollten, stand er ihr kritisch, geduldig zur Seite. Lagen abends die Kinder im Bett, brühte er zum Munterbleiben vorsorglich eine Kanne Kaffee auf. Nach Mitternacht mahnte er, endlich die Bücher beiseite zu legen. Die Nächte waren kurz in dieser Zeit. Die Frau, die ihren Beruf liebte, verlangte viel Einsicht von ihrem Mann. Einen Ausgleich bot ihnen der Wassersport, bei dem sie sich einst kennen gelernt hatten. Beim gemeinsamen Paddeln und Zelten erholte sich die ganze Familie und schöpfte Kraft für den Alltag. Solche unbeschwerten Stunden genossen die Kinder, und die Eltern hatten ihre Freude daran. Sie fühlten sich als eine glückliche Familie.

Als dann die Kinder flügge und es im Haus ruhiger wurde, kam bei ihnen keine Leere auf. Jetzt hatten beide Zeit, ihre gemeinsamen Interessen zu pflegen. Boot und Zelt blieben ihre Leidenschaft, solange es die Gesundheit der Frau erlaubte. Danach wurde es der Garten.

Schließlich wurden sie Rentner, schieden planmäßig aber doch abrupt aus dem Arbeitsleben aus. Trotz aller Freude über die gewonnene Freizeit war es eine große Umstellung. Aber sie waren viel zu aktiv, als dass Langeweile oder gar Gleichgültigkeit aufkommen konnten. Garten, Reisen, gesellige Zusammenkünfte in der Seniorengruppe, das wurden die Inhalte, die ihr Leben von nun an ausfüllten. Viel Freude empfingen sie durch die Familien der beiden Söhne, zu denen sie ein gutes Verhältnis pflegten. Die Enkelkinder bereicherten ihr Leben. Inzwischen waren längst Urenkel da, vier an der Zahl, die leider zu weit weg lebten, um sie öfter sehen zu können. Da musste das Telefon als Mittler dienen.

Dann kam die Zeit, wo sie den Garten, der für sie dreißig Jahre lang liebstes Domizil gewesen war, aufgeben mussten. Wieder gaben sie sich gegenseitig Kraft. Anfangs konnten an die Stelle des Gartens größere Reisen treten und damit gemeinsame Erlebnisse, die sie nie vergessen werden.

Nun ist auch das fast vorbei. Geblieben sind ihnen tägliche Spaziergänge, mit denen sie sich beweglich halten. Den Tierpark besuchen sie gern und oft. Dem Wasser sind sie auf ihre Weise treu geblieben. Sie schippern jetzt öfter mit den Schiffen der „Weißen Flotte“ über Seen und Flüsse, über die sie früher gepaddelt sind und lassen so noch einmal ihre Jugend lebendig werden.

Mit den Jahren wurde es ruhiger um die beiden. Mitnichten leben sie zurück gezogen für sich allein, sondern pflegen soziale Kontakte und treffen sich regelmäßig mit anderen Senioren zum geselligen Beisammensein, zu interessanten Führungen oder Ausflügen oder auch nur zum Gedankenustausch. Die Anstöße dazu kommen mehr von der Frau, die ihn immer wieder drängt, überallhin mit zu kommen, während dem Mann die Unternehmungslust der Frau mitunter zu viel wird. Er kann auf Geselligkeit eher verzichten. Die ruhigen Stunden an ihrer Seite sind schön. Sie geben sich gegenseitig Wärme und Geborgenheit. Wenn er sie um die Schultern fasst und sich ihre weichen Lippen sanft berühren, durchströmt sie beide ein Gefühl inniger Dankbarkeit für die langen Jahre gemeinsam gelebten Lebens.