Ein Stein kam ins Rollen – Kapitel 3

Kapitel 3 – Ein Achtel Pfund Butter

Autor: Elise W. Schiftan

Ein Weihnachtsabend im Jahre 1940 Elfriede war schon im Mantel, zog noch die Mütze über die Ohren und verabschiedete sich von ihren Kindern. Bedrückt begleiteten Lieselotte und Irmgard sie zur Tür, während der jüngere Bruder die Mutter mit den Worten umarmte: „Schade, Mutti, dass du ausgerechnet heute arbeiten musst.“ Hastig, beinahe flüchtend, eilte sie die Treppe hinab. Auf der Straße schlug ihr ein eisiger Wind entgegen, der Regen mit Schnee vermischt vor sich her trieb. Das Wetter passte zu ihrer Stimmung. Es war nun schon das zweite Weihnachtsfest, das sie ohne ihren Mann verbringen musste. Vor zwei Jahren hatten ihn die Nazis abgeholt und in ein Konzentrationslager gesperrt. Ehemals gute Freunde kannten sie plötzlich nicht mehr. Einige Monate später fiel die deutsche Wehrmacht in Polen ein. Der Krieg begann. Elfriede zog sich zurück, pflegte fast nur noch Kontakt zu Familienangehörigen. Ohne einen Pfennig Unterstützung musste sie allein für ihre drei halbwüchsigen Kinder aufkommen. Lieselotte, die Siebzehnjährige, wird im nächsten Herbst ausgelernt haben und endlich etwas zum Wirtschaftsgeld bei steuern können. Ein halbes Jahr später wird Irmgard, die Sechzehnjährige, so weit sein. Dann wird es hoffentlich leichter für sie. An Weihnachtsgeschenke war nicht zu denken. Das war es aber nicht, was sie so bedrückte. Es fehlte der Familienvater, und es war nicht ratsam über seinen Verbleib zu reden. Das empfanden sie als das Allerschlimmste. Im Sommer hatte sie auch noch ihre Mutter verloren. Es war zu viel. Traurige Feiertage, nein, dann lieber gar keine. So teilte sie ihren Töchtern mit, dass Weihnachten in diesem Jahr für sie ausfällt. Lieselotte und Irmgard protestierten: „Das kannst du doch nicht machen. Das wäre nicht in Papa‘s Sinn.“ Es half nichts. Sie verwiesen auf den jüngeren Bruder. Horst sei doch erst 14 und ginge noch zur Schule. Die Mutter blieb hart. Sie wolle das Wort „Weihnachten“ nicht mehr hören. Die ganze Weihnachtsdudelei ging ihr auf die Nerven. Niemandem durfte sie ihr Leid zeigen. Vor der betagten Schwiegermutter musste sie stark sein. Vor ihren Kindern musste sie stark sein. Ihrem Mann musste sie in den wenigen Briefen, die sie schreiben durfte, Kraft spenden. Dazu kam der zermürbende Kampf um das tägliche Brot, das nie reichte. Keiner fragte, wie sie damit fertig wurde. Wie sollte sie da den gefühlsbetonten Heiligabend ertragen? Wenn er nur erst vorüber wäre. Das der Meister sie für die Spätschicht am 24. Dezember einteilte, kam ihr gerade recht. In bittere Gedanken versunken, begann sie schweigend die Schicht.

Lieselotte, Irmgard und Horst, allein geblieben, setzten sich still an den großen Tisch. Wie leer die Wohnung plötzlich war. Wie laut die Uhr tickte. Die Zeit schlich dahin. Lange hielt es Lieselotte nicht aus. Sie schob ihre trüben Gedanken beiseite und stand mit einem Ruck auf. „Dann wollen wir mal! Wir hatten uns doch etwas vorgenommen“, erinnerte sie die Geschwister. Richtig, sie wollten Mutters Weigerung nicht hinnehmen. Ihre letzten Groschen hatten sie zusammen gekratzt. Es reichte gerade für ein paar Tannenzweige, Zuckerkringel und Pfefferkuchen. Horst musste alles im Keller verstecken. „Gib acht, dass Mutti nichts merkt“, ermahnten ihn die Mädchen, was er als total überflüssig empfand. Immer behandelten sie ihn wie einen kleinen Jungen. Von den Heimlichkeiten schien die Mutter wirklich nichts gemerkt zu haben. Nun holten sie geschwind ihre Schätze aus dem Keller. Den Karton mit dem Weihnachtsschmuck fanden sie auch. Zuerst mussten sie aber die Stube aufräumen und Staub wischen. Erst dann bedeckten sie die Kommode mit Weihnachtspapier. In die Mitte kam die Vase mit den Tannenzweigen, die sie mit Kugeln, Lametta und einigen Zuckerkringeln verzierten. Von den restlichen Zuckerkringeln und den Pfefferkuchen bereiteten sie einen bunten Teller. Den stellten sie links von der Vase. Auf die rechte Seite kam ein Geschenk für die Mutter. Lieselotte und Irmgard hatten mehrmals ihr Fahrgeld eingespart, indem sie einige Strecken zu Fuß liefen. Davon kauften sie eine Schachtel mit feinem Briefpapier und passenden Umschlägen. Jeden Monat durfte die Mutter einen Brief an den Vater schreiben. Mit diesem Briefpapier hatte er gewissermaßen teil an dem Geschenk. Als sie ihr Werk betrachteten, kam Ihnen die Kommode doch etwas leer vor. Horst, der gerne bastelte, meinte, die leeren Plätze könnten sie mit Papierketten füllen. Gesagt, getan. Schere, Klebstoff und Buntpapier kamen auf den Tisch, und zu Dritt wuchs schnell eine lange Kette. Nun sah ihr Weihnachtstisch nicht mehr so dürftig aus. Zuletzt deckten sie ihre Überraschung mit einem sauberen Laken ab, so dass nur der geschmückte Strauß heraus sah und würzigen Duft verbreitete. Irmgard schrieb noch einen Zettel: „Liebe Mutti, bitte nicht neugierig sein. Warte mit dem Aufdecken, bis wir aufgestanden sind. Deine Kinder“. Zufrieden legten sie sich schlafen.

Unterdessen arbeitete Elfriede wie an jedem anderen Werktag. Für Augenblicke vergaß sie den Weihnachtstrubel. Leider teilte Meta nicht die Schicht mit ihr. Sie war die einzige Kollegin, mit der sie gelegentlich ein vertrauliches Wort wechselte. Meta war geschieden. Ihr Sohn befand sich als Soldat an der Front. Gerade heute hätte sie sich über eine freundliche Zuwendung gefreut. Plötzlich hielt sie inne. Von den Kollegen drangen Gesprächsfetzen an ihr Ohr. Nein, das konnte nicht sein. Sie musste sich verhört haben. Sie hatte sich nicht verhört. Meta‘s Sohn würde nicht wiederkommen. Gefallen für Großdeutschland, wie es in der Amtssprache hieß. Nun ist Meta ganz allein, kein Mann und keine Kinder. Was wird aus ihr werden? Wie ein Blitz schoss es Elfriede durch den Kopf: Du hast auch einen Sohn! Noch ist er jung. Aber wenn sich der Krieg hinzieht, wirst auch du eines Tages Feldpostbriefe schreiben. Bei diesem Gedanken krampfte sich ihr Herz zusammen. Nur mit Mühe konnte sie weiter arbeiten. Unvermittelt erfasste sie Sehnsucht nach ihren Kindern, vor allem nach dem Sohn. Jetzt tat es ihr leid, sie am Weihnachtsabend allein gelassen und auch nichts Weihnachtliches vorbereitet zu haben. Nicht einmal einen einfachen Kuchen hatte sie gebacken. Was war nur mit ihr los? Sie konnte sich zu nichts aufraffen. Endlich hieß es „Feierabend“. „Frohes Fest!“ klang es allenthalben zum Abschied. Elfriede hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten.

Zuhause angekommen betrat sie leise das Schlafzimmer. Die friedlichen Gesichter der Schlafenden und deren tiefe Atemzüge wirkten beruhigend auf ihre angespannten Nerven.

Bevor sie sich selbst zur Ruhe legte, wollte sie noch einen Moment im Sessel sitzen und den Abend überdenken. Da entdeckte sie im Wohnzimmer den geschmückten Tannenstrauß, dessen Duft ihr angenehm in die Nase stieg. Sie las auch den Zettel. Bekamen es die Mädchen doch nicht fertig, Weihnachten ausfallen zu lassen! Hatten einfach Mutters – zugegebenermaßen ungerechten – Wunsch ignoriert. Elfriede konnte nicht böse sein. Im Gegenteil, sie atmete erleichtert auf. Dahinter steckte bestimmt Lieselotte, die etwas Aufmüpfige. Irmgard war mehr die Fügsame. Egal, die Überraschung war gelungen. Jetzt durfte sie ihr Trio, wie sie die Drei manchmal nannte, nicht enttäuschen. Sie brauchte drei Weihnachtsgeschenke und seien sie noch so klein. „Lass dir etwas einfallen, Elfriede“, sagte sie zu sich selbst. Sie hatte auch schon eine Idee. Doch zuerst musste sie ein paar Stunden schlafen.

Am Morgen des ersten Feiertages standen Lieselotte und Irmgard mit der Mutter vor der Kommode, während Horst feierlich das Laken abnahm. Berührt blickte Elfriede über den bescheidenen Gabentisch. Dann drückte sie Horst fest an sich. „Wenn ich euch nicht hätte…“, sprach sie mit weicher Stimme zu den Mädchen und bekam die Gedanken an Meta nicht aus dem Kopf. Ja, das Briefpapier sei genau das richtige Geschenk für sie, musste sie Horst immer wieder versichern. „Ach, ich habe in der Küche etwas vergessen“, rief sie plötzlich, lief davon und kehrte mit geheimnisvoller Miene zurück. „Das ist mein Weihnachtsgeschenk für euch“. Damit überreichte sie jedem einen Teller, auf dem gleichgroße Butterwürfellagen. Jeder Würfel wog genau ein Achtel Pfund, das sind 62,5 Gramm. Es war die Sonderration, die jede Person zu Weihnachten zusätzlich auf seine Lebensmittelkarte erhielt. „Ihr könnt das Achtel verspeisen, wie ihr möchtet. Ob ihr alles auf eine Scheibe Brot streicht, oder ob ihr die Butter in weitere kleine Portionen teilt, ist euch überlassen.“ Lieselotte und Irmgard jubelten.

Selbst entscheiden zu dürfen in einer Zeit, in der die Mutter aus der Not heraus jedem seinen Anteil zuwies, das zählte. Sie werden das unerwartete Butterklümpchen sorgsam einteilen. Ganz anders reagierte der ewig hungrige Horst. Mit großen Augen nahm er den Teller entgegen. Gleich zum Frühstück wird er sich sein Brot dick mit Butter bestreichen. Lieber einmal richtig gegessen, als immer nur gekostet. Elfriede schmunzelte. Sie wusste schon, was sie mit ihrem eigenen Achtel anfangen wird. Zufrieden setzten sie sich an den Frühstückstisch. Die Geschwister bedankten sich bei der Mutter, und Elfriede bedankte sich bei ihrem Trio. Den nächsten Brief an ihren Mann wird sie auf dem neuen Briefpapier schreiben. Sie wird ihm ausführlich berichten, wie sie sich gegenseitig Freude schenkten.