Ein Stein kam ins Rollen – Kapitel 2

Kapitel 2 – Meine alte Nähmaschine erzählt

Autor: Elise W. Schiftan

Ich bin eine PFAFF-Nähmaschine, Baujahr 1938. In meiner Jugend galt ich als modern, denn ich hatte einen Motor.

Deine Eltern erwarben mich auf Abzahlung, weshalb ich von der ganzen Familie mit großem Respekt behandelt wurde. Als Dein Vater kurz darauf von den Nationalsozialisten verhaftet wurde und damit über Nacht der Ernährer fehlte, fürchtete ich schon, Euch verlassen und wieder in die Verkaufs stelle zurückkehren zu müssen.

Das hätte mir leid getan, denn Deine Mutter hatte sich mit mir einen Wunsch erfüllt und sich sehr über mich gefreut. Wie sie das Kunststück fertig brachte, für Euch drei junge Menschen allein aufzukommen, Euch alle Drei einen ordentlichen Beruf erlernen zu lassen und trotzdem noch über einen langen Zeitraum hinweg die Raten für mich pünktlich zu entrichten, bewunderte ich sehr. In dieser Zeit sah ich sie viel weinen. Aber ich freute mich auch, wie pfleglich Ihr mit mir umgegangen seid.

Nur einmal wurde ich ernstlich böse. Weil Du zu bequem warst, Dir eine harte Unterlage zu suchen, hast Du meine schöne glatte Arbeitsplatte missbraucht, hast einen grobkantigen Kloben Holz darauf gelegt und dann mittels Hammer und Locheisen Löcher in ein Stück Stoff geschlagen. Konntest Du Dir wirklich nicht denken, dass ich das nicht vertrage? Du hast mir tiefe Rillen und Schrammen zugefügt, die bleibende Narben hinterließen. Und ich war doch noch nicht einmal abbezahlt! Lange konnte ich Dir nicht zürnen, denn Du hast aus Deinem Fehler gelernt. Wie sorgfältig Du mich regelmäßig gereinigt hast und wie stolz Du Deiner Mutter meine Einzelteile erklären konntest, nachdem Du Dir in der Berufsschule das notwendige Wissen angeeignet hattest, das hat mein metallenes Herz erwärmt. Wir wurden schnell Freunde.

Damals warst Du Schneiderlehrling in einem kleinen Zwischenmeisterbetrieb. Nach Feierabend verbrachten wir so manche Stunde miteinander. Immer hattest Du etwas auszubessern, zu verändern oder aus Altem etwas Neues anzufertigen. Dann ratterte ich ruhig und zufrieden, immer darauf bedacht, Deinen Händen zu gehorchen.

Manchmal hatte ich das Gefühl, Deine Stimmung zu erkennen. Wenn Du traurig warst, weil Du die leidvollen Augen Deiner Mutter nur schwer ertragen konntest und weil Du Dir Sorgen um Deinen Vater machtest, hast Du Dich zu mir geflüchtet. Dann habe ich meine Nadel besonders behutsam durch den Stoff geführt in der Hoffnung, Dich auf andere Gedanken zu bringen. In solchen Momenten wollten wir von keinem gestört werden.

Gegen Ende des Krieges hast Du geheiratet. Schweren Herzens, aber dennoch gern, trennte sich Deine Mutter von mir und gab mich als Hochzeitsgeschenk in Deine Obhut. Ich hoffe, Du weißt zu schätzen, wie viel Liebe Deine Mutter darin verbarg.

Endlich kamen andere Zeiten. Die Familie war wieder beisammen. Lachend ratterte ich, als Du aus Resten mehrere Kinderkleider nähtest und sie unter dem Motto ,,Rettet die Kinder“ als Weihnachtsgeschenk zur Linderung der Not zur Verfügung stelltest. Das war so ganz nach meinem Geschmack. Ich glaube, das war Weihnachten 1946 oder 1947.

Überhaupt ging es jetzt trotz der immer noch schweren Zeit fröhlich bei Euch zu. Eure beiden Kinder waren ein munteres Völkchen, an denen Ihr Eure Freude hattet. Doch nun wurde ich erst recht gebraucht. Viel zu schnell wuchsen die Jungen aus ihrer Kleidung heraus.

Beim übermütigen Umhertollen ging auch rasch etwas entzwei. Da zahlte es sich aus, dass wir beide ein eingespieltes Team waren.

Fast 50 Jahre lebte ich mit Euch. Dabei darf man dann schon altersschwach werden. Als Ihr Euch schließlich eine neue, elektronische Koffernähmaschine anschafftet, mit der ich natürlich nicht mithalten konnte, durfte ich Eurem zweiten Sohn und Eurer Schwiegertochter noch mehrere Jahre gute Dienste erweisen.