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Schwimmbadgeflüster – Eine Trilogie hinter den Kulissen – Teil 2

Der Saunamann

Autorin: Katja Frühauf
Endlich Mittwoch! Ihr Verwöhntag. Und endlich Sauna. Sie ist spät dran. Natürlich hatte der Chef sie noch kurz vor Feierabend aufgehalten. Aber immerhin ist sie gerade noch pünktlich zum Aufguss. Flink zieht sie sich die enge Bürokleidung vom Körper, wirft sich ihre Tasche über die Schulter und dreht sich auf dem Weg zur Dusche die Haare im Nacken zusammen. Unter der Dusche gönnt sie sich eine kurze Verschnaufpause. Der warme Strahl massiert ihre verspannten Schultern. Nun muss sie sich aber sputen. Mit geübten Bewegungen verteilt sie die Seife auf ihrem Körper und braust diese dann flink ab, um sich anschließend in den flauschigen Bademantel einzuwickeln. Mit zielstrebigem Schritt läuft sie zur Saunahütte und legt ihre Tasche und den Mantel im Vorraum ab. Da sie knapp dran ist, muss sie sich mit einem Platz in der mittleren Reihe begnügen, die besten Sitzplätze sind natürlich schon weg. Als sie endlich auf ihrem Saunahandtuch Platz genommen hat, verschnauft sie. Nun kann die Entspannung beginnen. Mit dem Aufgusstrog in der Hand, betritt der Saunameister einige Augenblicke später die Blockhütte und schließt die Tür hinter sich, welche zuvor zum Durchlüften geöffnet war. Alle Blicke ruhen auf ihm, als er die Gäste zum Aufguss begrüßt und die Duftmischung, die er mitgebracht hat, nennt. Während der anschließenden kurzen Belehrung hat sie genug Zeit, ihn zu mustern. Ein drahtiger Mann mit ersten grauen Haaren und Dreitagebart. Genau ihr Typ. Dann würde es diesmal nicht nur Verwöhnung für ihre angespannten Schultern, sondern auch für ihre vom Bildschirm müden Augen werden. Fabelhaft! „Also dann, frohes Schwitzen.“ Mit einer hölzernen Kelle benetzt er die heißen Steine großzügig mit der Duftmischung. Es zischt und dampft. Mit einem Handtuch, welches zuvor auf seinen Schultern lag, verteilt er die heiße Luft über jedem einzelnen der Gäste. Einige keuchen schon. Sie lehnt sich entspannt zurück und atmet die Luft tief ein. Beim Ausatmen spürt sie bereits, wie ihre Nacken- und Schultermuskeln sich anfangen zu entspannen. Sie lächelt wohlig. Normalerweise würde sie die Augen schließen, aber dieser Saunameister war ein Sahneschnittchen. Genau das, was sie nach endlosen Zahlenketten zur Abwechslung braucht. Er war ihr schon mehrmals aufgefallen. Nur hatte er hin und wieder die Ruheräume kontrolliert und hinter der Bar gestanden. Beim zweiten Durchgang bedient er sich eines großen Fächers. Die ersten verlassen schwitzend die Hütte. Er schaut ihnen lächelnd nach, bevor er noch einmal das Handtuch schwingt. Auch bei ihr fängt der Schweiß langsam zu laufen an. Die kürzeren Haare kleben schon an ihrem Hals. Fahrig streicht sie sich übers Gesicht. Ihr Herz klopft. Ob sie nur durch den Aufguss so in Wallung ist? Auf der trainierten Brust des Saunameisters rinnen die ersten feinen Schweißtropfen. Sein Handtuch, welches er um die Hüfte geschlungen trägt, sitzt leider erstaunlich fest. Sie ermahnt sich. Solche Gedanken sind ja nun wirklich mehr als unangebracht. Als sie die Augen beim dritten Aufguss doch schließt, bemerkt sie nicht, dass auch er sie bewundert. Ihren feingliedrigen Körper, die blonden Haare, welche verlockend an ihrem Hals kleben. Ja, er macht seine Arbeit gern. Er genießt es, die Menschen ins Schwitzen zu bringen. Noch dazu hält auch er sich auf diese Weise gesund und fühlt sich nach einem langen Arbeitstag trotzdem entspannt. Gekonnt beobachtet er die Körper vor sich. Er kann es nicht leugnen, er mag sie alle. Solch ein Wunderwerk und solch ausgeklügelte Systeme und Funktionen. Natürlich sind nicht alle so ästhetisch gebaut, umso mehr genießt er es, wenn eine fast elfengleiche Schönheit mit in der Sauna sitzt. Und offenbar hält sie auch einiges aus. Der Schweiß rinnt über ihren zarten Körper, ein kleines Lächeln liegt auf dem nunmehr entspannten Gesicht. Wie schön sie aussieht! Noch bevor sie die Augen wieder öffnet, hat er seinen Blick abgewandt. Mittlerweile weiß er, wie er die Menschen anschauen kann, ohne dass sie sich zu aufdringlich beobachtet vorkommen. Als der Aufguss vorbei ist, eilen die meisten zur Tür. Sie bleibt noch einen Moment sitzen und wird sich der inneren Ruhe bewusst, die sich allmählich ausbreitet. Als das Getümmel weniger wird, erhebt auch sie sich und läuft an der frischen Luft zuerst eine Runde um die Pools, bevor sie sich in die angenehme Kühle des Tauchbeckens begibt. Alle Adern ziehen sich zusammen, als sie in das eiskalte Wasser untertaucht. Einige Sekunden verharrt sie, bevor sie aus dem Becken steigt. Der Saunameister steht noch an der Tür zur Blockhütte. Jetzt muss sie zwangsläufig an ihm vorbei, um an ihre Sachen zu kommen. Sie bemerkt seinen verstohlenen Blick, der über ihren Körper gleitet. Wasserperlen rinnen an ihr herab, während die Wärme kribbelnd in ihre Beine zurückkehrt. Und ihr Herz klopft schon wieder aufgeregt. Innerlich schämt sie sich, dass sie wie ein kleines Mädchen auf seine Anwesenheit reagiert. Seiner Aufmerksamkeit bewusst, strafft sie die Schultern und läuft mit langsamen, wiegenden Schritten an ihm vorbei. Wenn er sie schon anstarrte, dann wollte sie es ihm auch etwas schwerer machen, wegzuschauen. Ein kleines Grinsen schleicht sich in ihre Mundwinkel. Immerhin möchte auch sie einen kleinen Spaß bei der Sache haben. Als sie zum Ausgang zurück geht, den Bademantel locker um ihren Körper gewickelt, steht er noch immer in der Tür. Als sie an ihm vorbei läuft, spürt sie eine flüchtige Berührung an ihrer Hüfte, fast ein Lufthauch. „Entschuldigung?“, sie dreht sich zu ihm herum. Die meisten Saunagänger sind schon nach drinnen in den Ruheraum zurückgekehrt. Sie bemerkt ihr starkes Herzklopfen und wie ihr die Röte in die Wangen steigt. „Ja?“, kommt seine schelmische Antwort prompt. „Wieso beobachten Sie mich?“, fragt sie geradeheraus. Wenn schon, denn schon. Sie will ihm zeigen, dass seine Blicke nicht unbemerkt geblieben sind. Auch wenn sie sich insgeheim geschmeichelt fühlte. „Habe ich das? Ich glaube, das beruht auf Gegenseitigkeit.“ Man, der war ja dreist. Aber er sah einfach zu gut aus. Woher sie auf einmal den Mut genommen hatte, war ihr im Nachhinein nicht klar. Ihr Erröten war ihm nicht entgangen. Auch er muss zugeben, dass er den Blick nicht von ihr lassen konnte, auch wenn er es ihr nicht offen gestehen würde. „Kennen Sie eigentlich unsere neue Regendusche schon?“, fragt er ganz unverfänglich, jedoch nicht ganz ohne Hintergedanken. „Ääh, nein. Aber die muss doch irgendwo hier draußen sein, oder?“ „Kommen Sie, ich zeig sie Ihnen. Wird Ihnen sicherlich gefallen.“ Er begleitet sie auf dem mit kleinen Lampions beleuchteten Weg zu einer etwas abgelegenen Ecke, die mit Steinwänden gegen Blicke von außen geschützt war. Seine Hand ruht noch immer auf ihrer Hüfte, als er sie vorsichtig in den gewundenen Gang schiebt. Mit fragendem Blick dreht sie sich zu ihm um. „Wollen Sie mit mir zusammen duschen?“ Normalerweise hätte sie jedem diese unanständige Frage ausgeschlagen. Doch dieses gewisse Knistern zwischen ihnen machte sie neugierig. Und schließlich kann sie hier niemand beobachten. Keck lässt sie den Bademantel von ihren Schultern rutschen, den er mit schneller Reaktion auffängt. „Na dann mal los.“ Während er das Handtuch von seinen Hüften wickelt, verschlingt sie mit pochendem Herzen seinen sportlichen Körper. Sixpack und ein knackiger Hintern, kräftige Oberarme… „Erwischt.“ Mit schnellem Griff packt er sie an der Hüfte und ehe sie vor Schreck einen Mucks machen konnte, presst er sie bereits gegen die Mauer. Er drückt einen Knopf an ihrer rechten Seite und lauwarmes Wasser sprudelt sanft über ihre Körper. Mit pochenden Herzen stehen sie beide einen Moment wie angewurzelt da, ehe er mit sanften Bewegungen über ihre Schultern und Arme streicht. „So ein schöner Körper.“, flüstert er. Geschmeichelt durch seine Worte, setzt sie an zu entgegnen: „Danke, du siehst aber auch nicht…“ Als seine Lippen sanft die ihrigen berühren und sie zum Verstummen bringen. Ihre Hände streicheln voller Bewunderung über seine Brustmuskeln, während er ihrem Hals mit zarten Küssen schmeichelt und ihr Begehren nach diesem Mann wie Wellen durch ihren Körper flutet. Seine Lippen wandern herab zu ihren Brüsten, die er voller Bewunderung in beiden Händen hält. Ihre Brustwarzen stellen sich bei seiner federleichten Liebkosung auf. Seine Hände haben sich nun zu ihrem Bauch vorgewagt und kreisen um ihren Nabel und ihre Hüften. Seine Zunge spielt noch immer mit ihren harten Nippeln, ihr Atem geht immer schneller, als er sich wieder aufrichtet. Einen Moment sind sie wie gefangen in den Blicken des anderen, sie können das Verlangen förmlich riechen. Die Regendusche prasselt weiter angenehm auf sie ein, während sie sich stürmisch küssen, als hätten sie sich gesucht und gefunden. Seine Hände umfassen ihren Po, während sie nicht aufhören kann seine Muskeln zu erkunden. Eng aneinander gedrückt, spürt sie immer mehr die Berührung zwischen ihren Beinen. Ihre Finger tasten sich vorsichtig dahin vor, während sie seinen Hals küsst. Seine starke Atmung ermutigt sie, weiterzumachen. Sie nimmt seine Erektion in die Hand. Immer schneller und fester reibt sie, begleitet vom Regen der Dusche. Von Zeit zu Zeit unterbricht sie, um seinen Körper näher an ihrem zu spüren. Wie sehr sie ihn begehrte! Als er kommt, merkt sie die warme Flüssigkeit an ihrem Oberschenkel kleben, bevor sie abgewaschen wurde. Noch immer stark atmend, dreht er sie mit dem Rücken zu sich und knurrte ihr mit betörender Stimme ins Ohr: „Und jetzt bist du dran.“ Seine heißen Küsse auf ihrem Hals, seine Hände überall. Sie schwimmt auf den Wellen ihres Verlangens und ihre Mitte fühlt sich bereits kochend heiß an. Als ob er es wüsste, greift seine Hand in die Kuhle zwischen ihren Beinen, die andere kreist weiter über ihre Hüften. Er weiß genau, wo er sie berühren muss, um sie weiter heiß zu machen. Und es macht ihn umso mehr an, zu sehen, dass er damit Erfolg hat. Er drückt seinen Körper von hinten gegen sie, reibt seine erneute Erektion zwischen ihre leicht geöffneten Oberschenkel. Besonders prickelnd ist es durch die schmeichelnden Tropfen der Dusche, die ihre Körper mit warmem Wasser verwöhnt. Der Knoten ihrer Haare hatte sich bereits gelöst, zärtlich schiebt er die losen Strähnen hinter ihre Ohren. Als er ihr Ohrläppchen vorsichtig zwischen die Lippen nimmt, merkt er, wie sich ihr Körper unter seinen streichelnden Berührungen wölbt. Bald würde sie soweit sein. Und er würde ihr diesen Moment so schön wie möglich gestalten. Sie kommt zwischen seinen Händen, seinen Küssen auf ihrem Hals und dem Reiben seines steifen Penis von hinten. Die Regendusche plätschert fröhlich weiter als sie atemlos ihr Gesicht an seine Schulter legt. „Und, habe ich zu viel versprochen?“ „Nein, es war wirklich einzigartig.“, gibt sie zu, als sie ihre Handtücher vom Boden aufklauben und sich gegenseitig abrubbeln, als wären sie ein Paar und nicht zwei sich beinahe unbekannte Menschen. Sie wickelt sich in ihren Bademantel ein und schweigend laufen sie nebeneinander zur Bar. Jeder ein heimliches Lächeln im Gesicht. Keiner würde von dem Zauber zwischen ihren Körpern erfahren. Ein kleines Geheimnis, was sie beide verbinden würde. Er notiert etwas auf seinem Block und als sie den frisch gepressten Orangensaft ausgetrunken hatte, verabschiedeten sie sich förmlich. Sein kurzes Zwinkern und eine hauchfeine Berührung an ihrer Hüfte blieben ihr jedoch nicht verborgen. „Ich schätze, man sieht sich?“, grinst er schief. „Denke schon. Tschüss.“ Mit wiegendem Schritt läuft sie zum Ruheraum. Als sie abends zu Hause ankommt und die Wäsche auf die Leine hängt, fällt ihr ein kleiner Zettel aus dem Bademantel in die Hand. Es steht eine Nummer drauf. Lächelnd speichert sie sich diese in ihr Handy ein, unter dem Namen „Saunamann“. Schätze, bis bald….

Purple Haze – Teil 1

 

Irgendetwas war schief gelaufen. Da waren sich alle einig. Da ich allerdings die Kohle eingesammelt und alle von diesem Geschäft überzeugt hatte, war ich verantwortlich.

Aber zum Anfang. Ich lernte Mustafa auf einer Sauftour kennen. Wir waren auf einer Welle und checkten schnell, dass der andere seine Gelder abseits von Steuerabgaben machte. In den folgenden Monaten machten wir ein paar Geschäfte. Nichts großes. Ein paar Kilo Gras halt.

Wie jeder halbwegs erfolgreiche Dopeticker erzählte Mustafa mir, seine Matte sei richtig geil, top Shit, das beste was man unter dem vom Smog bedeckten Himmel in Berlin bekommen könnte und so nen Zeug halt. Ich kannte das Gequatsche aus der Szene und so war er halt ein weiterer Typ der sich wichtig machen und sein Dope an den Mann bringen wollte. Nichts besonderes. Business as usual. Alles cool.

Eines Tages, ich nahm ihm gerade fünf Kilo irgendeines Hazes ab, zeigte er mir eine von Kristallen glänzende Knolle mit lila Härchen. Er sagte mir, dass wenn ich ihm davon einhundert Kilo abnehmen würde, er mir das Zeug für nen zweier machen könnte. Das bedeutet zwei Euro pro Gramm, Gesamtpreis zweihunderttausend Euro.

Er gab mir gute zehn Gramm davon mit und meinte, ich solle es mir überlegen.

Ich setze so fünfzig bis einhundert Kilo Dope im Monat um, ohne dass es besonders aufregend war. Es gab Zeiten, da habe ich wesentlich mehr gemacht. Und so hat es sich ergeben, dass ich schon damals ziemlich voll hing und auf so ein Geschäft nicht angewiesen war. Fünf Kilo konnte ich sofort an zwei meiner Jungs weiter geben. Bei einhundert müsste ich mir allerdings Gedanken um die Unterbringung machen.

Außer ich würde ein ein paar meiner Kollegen fragen, ob sie mit einsteigen wollen. Ich probierte Mustafas Purple Haze und war high as fuck. Ich wollte das Geschäft machen und bot Rakim, Johnson und Fati das Gramm für nen zwei fünfziger an und fragte ob sie mitmachen wollten. Das war noch immer ein Top-Preis und nachdem sie sich das Zeug angeschaut und getestet hatten, wollten sie, auch wenn es Vorkasse war, dabei sein.

Jeder gab mir zweiundsechszigtausendfünfhundert Euro, ich legte die restlichen zwölftausendfünfhundert rauf und traf mich mit Mustafa im Tauro am Senefelder Platz zum Essen und um ihm das Geld zu geben. Es war in einen DIN A4 Umschlag eingepackt. Hauptsächlich fünfhundert und zweihundert Euro Scheine. Er ging mit der Sporttasche aus Krokodilleder, die ich mitbrachte. Wir verabredeten uns für den Folgetag, Dienstag zwölf Uhr bei Marco, einem meiner Mitarbeiter, Nähe Kotbusser Tor für die Lieferung der Ware. Ich sagte den anderen Bescheid, dass sie zu dreizehn Uhr ihre Leute schicken sollten, um ihren Anteil abzuholen. In der Zwischenzeit würden wir die Ware wiegen, aufteilen und geruchsneutral verpacken.

Ich kam viertel vor zwölf zu Marco. Er saß zusammengekauert auf seinem teilweise aufgerissenem Ledersofa und sah wie immer so aus, als wenn er gerade aufgestanden war. „Was los Dicker? Alles cool?“, fragte ich. „Alles cool.“, antwortete er. Ich gab ihm ein paar Anweisungen, die dazu dienten alles vorzubereiten.

Mustafas Leute sollten zu dritt kommen und das Dope in jeweils ca. 30kg Kisten bringen. Als sie um 12:20 Uhr noch nicht da waren, rief ich Mustafa an. „Der Teilnehmer ist zur Zeit nicht zu erreichen. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal.“. „Sie sind sicher gleich da.“, dachte ich. Als sie um 12:35 Uhr noch nicht da waren, rief ich nochmal bei Mustafa an. Handy aus. Ich versuchte es noch einmal. Und noch einmal.

Um 12:45 Uhr rief ich nacheinander Fati, Rakim und Johnson an und sagte ihnen, dass Susi bisher nicht gekommen ist und ich mich später noch einmal bei ihnen melden werde. Auch wenn wir keinen Code ausgemacht hatten, da ich mehr als überzeugt davon war, dass das Geschäft zustande kommen würde, bekam ich von allen dreien eine verständige Bestätigung und sie würden ihren Leuten Bescheid geben, nicht bei Marco vorbei zu kommen.

Nachdem das geklärt war, versuchte ich noch ein paar mal erfolglos bei Mustafa anzurufen. Ich sagte Marco, er solle warten und wenn Mustafas Leute hier aufkreuzen sich umgehend bei mir melden. Wo waren seine Leute?

Mustafa wohnte unweit von Marco entfernt und ich begab mich auf den Weg zu ihm. Bei seiner Haustür angekommen, drückte ich mehrfach auf die Klingel mit seinem Namen. Keine Reaktion. Als Leute das Haus verließen, nutzte ich die offene Tür um es zu betreten. Von Wut beflügelt, flog ich in den dritten Stock und hämmerte wie ein Wahnsinniger gegen die rechte Wohnungstür. Das Gefühl beschissen worden zu sein nahm immer Raum in mir ein und so trat und prügelte ich gegen die Tür, während ich laut Schimpfwörter ausspieh. „Was tun Sie da? Hören Sie auf, oder ich rufe die Polizei!“, ich wussre nicht, wo die alte Dame hergekommen war, die mir plötzlich von hinten drohte. Ich versuchte die Fassung zu gewinnen: „Geh wieder rein und kümmere Dich um Dein Kram Mütterchen.“, sagte ich ihr offensichtlich aussagekräftig genug. Sie machte kehrt und ich hörte, wie sie mehrere Treppen hinunter ging. „Wenn sie jetzt die Bullen ruft, komme ich in Erklärungsnot.“, ging es mir durch den Kopf, „Und mein Problem löst es auch nicht.“. Mustafa schien nicht da zu sein, mindestens tat er so. Ich beschloss zu gehen.

Da ich einen Schlüssel für Marcos Wohnung hatte, verschaffte ich mir Zutritt und öffnete mit Blick auf mein zwanzig Euro Samsung Handy die Tür zu seinem Wohnzimmer. „War jemand da, oder hat sich gemeldet?“, fragte ich die Nummer von Johnson suchend. Aus dem Augenwinkel sah ich Marco auf der Couch sitzen. Keine Antwort. Ich schaute auf und ihn direkt an. Er machte geschäftig mit seiner Hose rum. „Alter, hast Du gerade gewichst?“, fragte ich entrüstet. „Wir erwarten hier jeden Moment einhundert Kilo feinstes Weed und Du hast nichts besseres zu tun, als Dir genüsslich einen von der Palme zu wedeln?“. Er schwieg. Die Hose war mittlerweile wieder geschlossen und er machte mit dem vor sich auf dem Tisch liegenden Spiegel Anstalten, sich eine Nase zu legen. Ich starrte ihn fassungslos an. Nach einem Moment, indem ich ihn gewähren ließ, fragte ich: „Bist Du völlig behindert? Weißt Du mit Deinem Leben nichts besseres anzufangen als zu wichsen und zu koksen?“. Schweigen. Mittlerweile war er regungslos und saß einfach nur da. Ich starrte weiter. „Dicker was erwartest Du von mir?“, fragte er kleinlaut. „Nichts Marco. Ich erwarte gar nichts von Dir.“. Auch wenn er ein passives Stück Scheiße war, so war er mir bisher immer nützlich und konnte nichts für mein Problem.

Ich rief Johnson und die anderen beiden an und sagte ihnen, dass wir uns noch heute Abend treffen müssen.

Fortsetzung folgt.

Ein Stein kam ins Rollen – Kapitel 4

Alt wie ein Baum

Autor: Elise W. Schiftan

Wenn alles gut geht, werden sie in zwei Jahren das Fest der diamantenen Hochzeit feiern. Dem Mann will man im ersten Moment seine 84 Lebensjahre nicht abnehmen und auch der Frau glaubt man kaum, dass sie auf die 80 zugeht. Doch beim näheren Hinsehen erkennt man die Spuren, die die Jahre hinterlassen haben. So geht der Mann zum Beispiel nicht ohne Stock auf die Straße. Die Füße wollen nicht mehr so recht. Auf die Augen kann er sich nicht richtig verlassen. Doch dessen ungeachtet steht er mitten im Leben und nimmt aktiv Anteil am gesellschaftlichen Geschehen. Auch die Frau muss mit ihren Kräften haushalten. Das wöchentliche Wandern in einer Seniorengruppe musste sie aufgeben. Beim Tanzen ist sie ruhiger geworden. Es geht ja alles noch, nur eben langsamer. Sie brauchen beide für den Alltag mehr Zeit und häufiger eine Ruhepause. „Das steht uns doch jetzt zu“, sagt die Frau, wenn die Grenzen ihrer Belastbarkeit deutlich werden. Aber noch immer hilft der Mann seiner Frau in den Mantel oder reicht ihr beim Aussteigen den Arm, den sie dankbar annimmt. Noch immer winkt die Frau aus dem Fenster, wenn der Mann wegen einer Besorgung das Haus verlässt. Sie sind glücklich, für einander da sein zu können. Gemeinsam alt werden ist nicht immer leicht, aber es kann etwas sehr Schönes sein.

Eine Wegstrecke von 58 Jahren sind sie gemeinsam gegangen, gute und auch schwere Jahre, Jahre voller Übereinstimmung, aber auch Jahre, in denen es knirschte. So manche Bewährungssituationen hatten sie zu bestehen. In der Regel führte das zu einem noch festeren Zusammenhalt, denn in den wichtigsten Fragen des Lebens zogen sie an einem Strang, und – was wohl ebenso wichtig war – sie verloren nie die Achtung voreinander. Viel eher gab es Reibereien in den banalen, alltäglichen Dingen. Besonders groß waren die Belastungen in den ersten Jahren, als die Kinder noch klein und die Frau oft krank war, auch im Krankenhaus lag. Dann wurde offensichtlich, dass er nicht nur ein liebevoller Mann, sondern auch ein verantwortungsbewusster Vater war.

In den Jahren des Fernstudiums seiner Frau, die kein Ende nehmen wollten, stand er ihr kritisch, geduldig zur Seite. Lagen abends die Kinder im Bett, brühte er zum Munterbleiben vorsorglich eine Kanne Kaffee auf. Nach Mitternacht mahnte er, endlich die Bücher beiseite zu legen. Die Nächte waren kurz in dieser Zeit. Die Frau, die ihren Beruf liebte, verlangte viel Einsicht von ihrem Mann. Einen Ausgleich bot ihnen der Wassersport, bei dem sie sich einst kennen gelernt hatten. Beim gemeinsamen Paddeln und Zelten erholte sich die ganze Familie und schöpfte Kraft für den Alltag. Solche unbeschwerten Stunden genossen die Kinder, und die Eltern hatten ihre Freude daran. Sie fühlten sich als eine glückliche Familie.

Als dann die Kinder flügge und es im Haus ruhiger wurde, kam bei ihnen keine Leere auf. Jetzt hatten beide Zeit, ihre gemeinsamen Interessen zu pflegen. Boot und Zelt blieben ihre Leidenschaft, solange es die Gesundheit der Frau erlaubte. Danach wurde es der Garten.

Schließlich wurden sie Rentner, schieden planmäßig aber doch abrupt aus dem Arbeitsleben aus. Trotz aller Freude über die gewonnene Freizeit war es eine große Umstellung. Aber sie waren viel zu aktiv, als dass Langeweile oder gar Gleichgültigkeit aufkommen konnten. Garten, Reisen, gesellige Zusammenkünfte in der Seniorengruppe, das wurden die Inhalte, die ihr Leben von nun an ausfüllten. Viel Freude empfingen sie durch die Familien der beiden Söhne, zu denen sie ein gutes Verhältnis pflegten. Die Enkelkinder bereicherten ihr Leben. Inzwischen waren längst Urenkel da, vier an der Zahl, die leider zu weit weg lebten, um sie öfter sehen zu können. Da musste das Telefon als Mittler dienen.

Dann kam die Zeit, wo sie den Garten, der für sie dreißig Jahre lang liebstes Domizil gewesen war, aufgeben mussten. Wieder gaben sie sich gegenseitig Kraft. Anfangs konnten an die Stelle des Gartens größere Reisen treten und damit gemeinsame Erlebnisse, die sie nie vergessen werden.

Nun ist auch das fast vorbei. Geblieben sind ihnen tägliche Spaziergänge, mit denen sie sich beweglich halten. Den Tierpark besuchen sie gern und oft. Dem Wasser sind sie auf ihre Weise treu geblieben. Sie schippern jetzt öfter mit den Schiffen der „Weißen Flotte“ über Seen und Flüsse, über die sie früher gepaddelt sind und lassen so noch einmal ihre Jugend lebendig werden.

Mit den Jahren wurde es ruhiger um die beiden. Mitnichten leben sie zurück gezogen für sich allein, sondern pflegen soziale Kontakte und treffen sich regelmäßig mit anderen Senioren zum geselligen Beisammensein, zu interessanten Führungen oder Ausflügen oder auch nur zum Gedankenustausch. Die Anstöße dazu kommen mehr von der Frau, die ihn immer wieder drängt, überallhin mit zu kommen, während dem Mann die Unternehmungslust der Frau mitunter zu viel wird. Er kann auf Geselligkeit eher verzichten. Die ruhigen Stunden an ihrer Seite sind schön. Sie geben sich gegenseitig Wärme und Geborgenheit. Wenn er sie um die Schultern fasst und sich ihre weichen Lippen sanft berühren, durchströmt sie beide ein Gefühl inniger Dankbarkeit für die langen Jahre gemeinsam gelebten Lebens.

Ein Stein kam ins Rollen – Kapitel 3

Kapitel 3 – Ein Achtel Pfund Butter

Autor: Elise W. Schiftan

Ein Weihnachtsabend im Jahre 1940 Elfriede war schon im Mantel, zog noch die Mütze über die Ohren und verabschiedete sich von ihren Kindern. Bedrückt begleiteten Lieselotte und Irmgard sie zur Tür, während der jüngere Bruder die Mutter mit den Worten umarmte: „Schade, Mutti, dass du ausgerechnet heute arbeiten musst.“ Hastig, beinahe flüchtend, eilte sie die Treppe hinab. Auf der Straße schlug ihr ein eisiger Wind entgegen, der Regen mit Schnee vermischt vor sich her trieb. Das Wetter passte zu ihrer Stimmung. Es war nun schon das zweite Weihnachtsfest, das sie ohne ihren Mann verbringen musste. Vor zwei Jahren hatten ihn die Nazis abgeholt und in ein Konzentrationslager gesperrt. Ehemals gute Freunde kannten sie plötzlich nicht mehr. Einige Monate später fiel die deutsche Wehrmacht in Polen ein. Der Krieg begann. Elfriede zog sich zurück, pflegte fast nur noch Kontakt zu Familienangehörigen. Ohne einen Pfennig Unterstützung musste sie allein für ihre drei halbwüchsigen Kinder aufkommen. Lieselotte, die Siebzehnjährige, wird im nächsten Herbst ausgelernt haben und endlich etwas zum Wirtschaftsgeld bei steuern können. Ein halbes Jahr später wird Irmgard, die Sechzehnjährige, so weit sein. Dann wird es hoffentlich leichter für sie. An Weihnachtsgeschenke war nicht zu denken. Das war es aber nicht, was sie so bedrückte. Es fehlte der Familienvater, und es war nicht ratsam über seinen Verbleib zu reden. Das empfanden sie als das Allerschlimmste. Im Sommer hatte sie auch noch ihre Mutter verloren. Es war zu viel. Traurige Feiertage, nein, dann lieber gar keine. So teilte sie ihren Töchtern mit, dass Weihnachten in diesem Jahr für sie ausfällt. Lieselotte und Irmgard protestierten: „Das kannst du doch nicht machen. Das wäre nicht in Papa‘s Sinn.“ Es half nichts. Sie verwiesen auf den jüngeren Bruder. Horst sei doch erst 14 und ginge noch zur Schule. Die Mutter blieb hart. Sie wolle das Wort „Weihnachten“ nicht mehr hören. Die ganze Weihnachtsdudelei ging ihr auf die Nerven. Niemandem durfte sie ihr Leid zeigen. Vor der betagten Schwiegermutter musste sie stark sein. Vor ihren Kindern musste sie stark sein. Ihrem Mann musste sie in den wenigen Briefen, die sie schreiben durfte, Kraft spenden. Dazu kam der zermürbende Kampf um das tägliche Brot, das nie reichte. Keiner fragte, wie sie damit fertig wurde. Wie sollte sie da den gefühlsbetonten Heiligabend ertragen? Wenn er nur erst vorüber wäre. Das der Meister sie für die Spätschicht am 24. Dezember einteilte, kam ihr gerade recht. In bittere Gedanken versunken, begann sie schweigend die Schicht.

Lieselotte, Irmgard und Horst, allein geblieben, setzten sich still an den großen Tisch. Wie leer die Wohnung plötzlich war. Wie laut die Uhr tickte. Die Zeit schlich dahin. Lange hielt es Lieselotte nicht aus. Sie schob ihre trüben Gedanken beiseite und stand mit einem Ruck auf. „Dann wollen wir mal! Wir hatten uns doch etwas vorgenommen“, erinnerte sie die Geschwister. Richtig, sie wollten Mutters Weigerung nicht hinnehmen. Ihre letzten Groschen hatten sie zusammen gekratzt. Es reichte gerade für ein paar Tannenzweige, Zuckerkringel und Pfefferkuchen. Horst musste alles im Keller verstecken. „Gib acht, dass Mutti nichts merkt“, ermahnten ihn die Mädchen, was er als total überflüssig empfand. Immer behandelten sie ihn wie einen kleinen Jungen. Von den Heimlichkeiten schien die Mutter wirklich nichts gemerkt zu haben. Nun holten sie geschwind ihre Schätze aus dem Keller. Den Karton mit dem Weihnachtsschmuck fanden sie auch. Zuerst mussten sie aber die Stube aufräumen und Staub wischen. Erst dann bedeckten sie die Kommode mit Weihnachtspapier. In die Mitte kam die Vase mit den Tannenzweigen, die sie mit Kugeln, Lametta und einigen Zuckerkringeln verzierten. Von den restlichen Zuckerkringeln und den Pfefferkuchen bereiteten sie einen bunten Teller. Den stellten sie links von der Vase. Auf die rechte Seite kam ein Geschenk für die Mutter. Lieselotte und Irmgard hatten mehrmals ihr Fahrgeld eingespart, indem sie einige Strecken zu Fuß liefen. Davon kauften sie eine Schachtel mit feinem Briefpapier und passenden Umschlägen. Jeden Monat durfte die Mutter einen Brief an den Vater schreiben. Mit diesem Briefpapier hatte er gewissermaßen teil an dem Geschenk. Als sie ihr Werk betrachteten, kam Ihnen die Kommode doch etwas leer vor. Horst, der gerne bastelte, meinte, die leeren Plätze könnten sie mit Papierketten füllen. Gesagt, getan. Schere, Klebstoff und Buntpapier kamen auf den Tisch, und zu Dritt wuchs schnell eine lange Kette. Nun sah ihr Weihnachtstisch nicht mehr so dürftig aus. Zuletzt deckten sie ihre Überraschung mit einem sauberen Laken ab, so dass nur der geschmückte Strauß heraus sah und würzigen Duft verbreitete. Irmgard schrieb noch einen Zettel: „Liebe Mutti, bitte nicht neugierig sein. Warte mit dem Aufdecken, bis wir aufgestanden sind. Deine Kinder“. Zufrieden legten sie sich schlafen.

Unterdessen arbeitete Elfriede wie an jedem anderen Werktag. Für Augenblicke vergaß sie den Weihnachtstrubel. Leider teilte Meta nicht die Schicht mit ihr. Sie war die einzige Kollegin, mit der sie gelegentlich ein vertrauliches Wort wechselte. Meta war geschieden. Ihr Sohn befand sich als Soldat an der Front. Gerade heute hätte sie sich über eine freundliche Zuwendung gefreut. Plötzlich hielt sie inne. Von den Kollegen drangen Gesprächsfetzen an ihr Ohr. Nein, das konnte nicht sein. Sie musste sich verhört haben. Sie hatte sich nicht verhört. Meta‘s Sohn würde nicht wiederkommen. Gefallen für Großdeutschland, wie es in der Amtssprache hieß. Nun ist Meta ganz allein, kein Mann und keine Kinder. Was wird aus ihr werden? Wie ein Blitz schoss es Elfriede durch den Kopf: Du hast auch einen Sohn! Noch ist er jung. Aber wenn sich der Krieg hinzieht, wirst auch du eines Tages Feldpostbriefe schreiben. Bei diesem Gedanken krampfte sich ihr Herz zusammen. Nur mit Mühe konnte sie weiter arbeiten. Unvermittelt erfasste sie Sehnsucht nach ihren Kindern, vor allem nach dem Sohn. Jetzt tat es ihr leid, sie am Weihnachtsabend allein gelassen und auch nichts Weihnachtliches vorbereitet zu haben. Nicht einmal einen einfachen Kuchen hatte sie gebacken. Was war nur mit ihr los? Sie konnte sich zu nichts aufraffen. Endlich hieß es „Feierabend“. „Frohes Fest!“ klang es allenthalben zum Abschied. Elfriede hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten.

Zuhause angekommen betrat sie leise das Schlafzimmer. Die friedlichen Gesichter der Schlafenden und deren tiefe Atemzüge wirkten beruhigend auf ihre angespannten Nerven.

Bevor sie sich selbst zur Ruhe legte, wollte sie noch einen Moment im Sessel sitzen und den Abend überdenken. Da entdeckte sie im Wohnzimmer den geschmückten Tannenstrauß, dessen Duft ihr angenehm in die Nase stieg. Sie las auch den Zettel. Bekamen es die Mädchen doch nicht fertig, Weihnachten ausfallen zu lassen! Hatten einfach Mutters – zugegebenermaßen ungerechten – Wunsch ignoriert. Elfriede konnte nicht böse sein. Im Gegenteil, sie atmete erleichtert auf. Dahinter steckte bestimmt Lieselotte, die etwas Aufmüpfige. Irmgard war mehr die Fügsame. Egal, die Überraschung war gelungen. Jetzt durfte sie ihr Trio, wie sie die Drei manchmal nannte, nicht enttäuschen. Sie brauchte drei Weihnachtsgeschenke und seien sie noch so klein. „Lass dir etwas einfallen, Elfriede“, sagte sie zu sich selbst. Sie hatte auch schon eine Idee. Doch zuerst musste sie ein paar Stunden schlafen.

Am Morgen des ersten Feiertages standen Lieselotte und Irmgard mit der Mutter vor der Kommode, während Horst feierlich das Laken abnahm. Berührt blickte Elfriede über den bescheidenen Gabentisch. Dann drückte sie Horst fest an sich. „Wenn ich euch nicht hätte…“, sprach sie mit weicher Stimme zu den Mädchen und bekam die Gedanken an Meta nicht aus dem Kopf. Ja, das Briefpapier sei genau das richtige Geschenk für sie, musste sie Horst immer wieder versichern. „Ach, ich habe in der Küche etwas vergessen“, rief sie plötzlich, lief davon und kehrte mit geheimnisvoller Miene zurück. „Das ist mein Weihnachtsgeschenk für euch“. Damit überreichte sie jedem einen Teller, auf dem gleichgroße Butterwürfellagen. Jeder Würfel wog genau ein Achtel Pfund, das sind 62,5 Gramm. Es war die Sonderration, die jede Person zu Weihnachten zusätzlich auf seine Lebensmittelkarte erhielt. „Ihr könnt das Achtel verspeisen, wie ihr möchtet. Ob ihr alles auf eine Scheibe Brot streicht, oder ob ihr die Butter in weitere kleine Portionen teilt, ist euch überlassen.“ Lieselotte und Irmgard jubelten.

Selbst entscheiden zu dürfen in einer Zeit, in der die Mutter aus der Not heraus jedem seinen Anteil zuwies, das zählte. Sie werden das unerwartete Butterklümpchen sorgsam einteilen. Ganz anders reagierte der ewig hungrige Horst. Mit großen Augen nahm er den Teller entgegen. Gleich zum Frühstück wird er sich sein Brot dick mit Butter bestreichen. Lieber einmal richtig gegessen, als immer nur gekostet. Elfriede schmunzelte. Sie wusste schon, was sie mit ihrem eigenen Achtel anfangen wird. Zufrieden setzten sie sich an den Frühstückstisch. Die Geschwister bedankten sich bei der Mutter, und Elfriede bedankte sich bei ihrem Trio. Den nächsten Brief an ihren Mann wird sie auf dem neuen Briefpapier schreiben. Sie wird ihm ausführlich berichten, wie sie sich gegenseitig Freude schenkten.

Ein Stein kam ins Rollen – Kapitel 2

Kapitel 2 – Meine alte Nähmaschine erzählt

Autor: Elise W. Schiftan

Ich bin eine PFAFF-Nähmaschine, Baujahr 1938. In meiner Jugend galt ich als modern, denn ich hatte einen Motor.

Deine Eltern erwarben mich auf Abzahlung, weshalb ich von der ganzen Familie mit großem Respekt behandelt wurde. Als Dein Vater kurz darauf von den Nationalsozialisten verhaftet wurde und damit über Nacht der Ernährer fehlte, fürchtete ich schon, Euch verlassen und wieder in die Verkaufs stelle zurückkehren zu müssen.

Das hätte mir leid getan, denn Deine Mutter hatte sich mit mir einen Wunsch erfüllt und sich sehr über mich gefreut. Wie sie das Kunststück fertig brachte, für Euch drei junge Menschen allein aufzukommen, Euch alle Drei einen ordentlichen Beruf erlernen zu lassen und trotzdem noch über einen langen Zeitraum hinweg die Raten für mich pünktlich zu entrichten, bewunderte ich sehr. In dieser Zeit sah ich sie viel weinen. Aber ich freute mich auch, wie pfleglich Ihr mit mir umgegangen seid.

Nur einmal wurde ich ernstlich böse. Weil Du zu bequem warst, Dir eine harte Unterlage zu suchen, hast Du meine schöne glatte Arbeitsplatte missbraucht, hast einen grobkantigen Kloben Holz darauf gelegt und dann mittels Hammer und Locheisen Löcher in ein Stück Stoff geschlagen. Konntest Du Dir wirklich nicht denken, dass ich das nicht vertrage? Du hast mir tiefe Rillen und Schrammen zugefügt, die bleibende Narben hinterließen. Und ich war doch noch nicht einmal abbezahlt! Lange konnte ich Dir nicht zürnen, denn Du hast aus Deinem Fehler gelernt. Wie sorgfältig Du mich regelmäßig gereinigt hast und wie stolz Du Deiner Mutter meine Einzelteile erklären konntest, nachdem Du Dir in der Berufsschule das notwendige Wissen angeeignet hattest, das hat mein metallenes Herz erwärmt. Wir wurden schnell Freunde.

Damals warst Du Schneiderlehrling in einem kleinen Zwischenmeisterbetrieb. Nach Feierabend verbrachten wir so manche Stunde miteinander. Immer hattest Du etwas auszubessern, zu verändern oder aus Altem etwas Neues anzufertigen. Dann ratterte ich ruhig und zufrieden, immer darauf bedacht, Deinen Händen zu gehorchen.

Manchmal hatte ich das Gefühl, Deine Stimmung zu erkennen. Wenn Du traurig warst, weil Du die leidvollen Augen Deiner Mutter nur schwer ertragen konntest und weil Du Dir Sorgen um Deinen Vater machtest, hast Du Dich zu mir geflüchtet. Dann habe ich meine Nadel besonders behutsam durch den Stoff geführt in der Hoffnung, Dich auf andere Gedanken zu bringen. In solchen Momenten wollten wir von keinem gestört werden.

Gegen Ende des Krieges hast Du geheiratet. Schweren Herzens, aber dennoch gern, trennte sich Deine Mutter von mir und gab mich als Hochzeitsgeschenk in Deine Obhut. Ich hoffe, Du weißt zu schätzen, wie viel Liebe Deine Mutter darin verbarg.

Endlich kamen andere Zeiten. Die Familie war wieder beisammen. Lachend ratterte ich, als Du aus Resten mehrere Kinderkleider nähtest und sie unter dem Motto ,,Rettet die Kinder“ als Weihnachtsgeschenk zur Linderung der Not zur Verfügung stelltest. Das war so ganz nach meinem Geschmack. Ich glaube, das war Weihnachten 1946 oder 1947.

Überhaupt ging es jetzt trotz der immer noch schweren Zeit fröhlich bei Euch zu. Eure beiden Kinder waren ein munteres Völkchen, an denen Ihr Eure Freude hattet. Doch nun wurde ich erst recht gebraucht. Viel zu schnell wuchsen die Jungen aus ihrer Kleidung heraus.

Beim übermütigen Umhertollen ging auch rasch etwas entzwei. Da zahlte es sich aus, dass wir beide ein eingespieltes Team waren.

Fast 50 Jahre lebte ich mit Euch. Dabei darf man dann schon altersschwach werden. Als Ihr Euch schließlich eine neue, elektronische Koffernähmaschine anschafftet, mit der ich natürlich nicht mithalten konnte, durfte ich Eurem zweiten Sohn und Eurer Schwiegertochter noch mehrere Jahre gute Dienste erweisen.

Ein Stein kam ins Rollen – Kapitel 1

Kapitel 1 – Ein Stein kam ins Rollen

Autor: Elise W. Schiftan

Der Morgen zeigte sich sonnig und warm. Meisen und Rotschwänzchen flatterten schon munter zwischen den Obstbäumen umher, als ich auf der Terrasse Platz nahm. Ich blickte auf einen bunten Blumenteppich. Dahinter versprachen Möhren, Kohlrabi, Kohl und Küchenkräuter reiche Ernte und viel Arbeit. Bei solch einem Anblick griff ich normalerweise unverzüglich zu Hacke, Schere oder Gießkanne. An diesem Tag drängte es mich zu einer ganz anderen Tätigkeit. Die Geräte blieben im Schuppen. Der Garten musste warten. Ich begann ein Vorhaben zu verwirklichen, das mir schon lange durch den Kopf ging. Heute sollte es endlich Gestalt annehmen. Ich wollte Erinnerungen aus meinem Leben aufschreiben. Mein Jahrhundert näherte sich dem Ende. In der Zeit der Inflation geboren, hatte ich seinen größten Teil erlebt. In zwölf Jahren werden das 21. Jahrhundert und sogar ein neues Jahrtausend beginnen. Es reizte mich, Rückschau auf mein ganz persönliches Leben zu halten. Aber was wird mein Gedächtnis dann noch hergeben, wo es jetzt schon große Lücken aufweist? Was weiß ich zum Beispiel noch von meiner Einschulung? Nur wenige Bilder sind davon in meinem Kopf geblieben, gar nicht zu reden von der Zeit davor. Wenn ich jetzt nicht anfange, mein Gedächtnis zu Papier zu bringen, werde ich wohl später nur noch eine Aufzählung von Ereignissen zustande bringen. An meinem 65. Geburtstag, im Frühjahr 1988, nahm ich mir vor, meine Gedanken aufzuschreiben. Unter dem Titel „Mein Jahrhundert geht zu Ende – Erlebnisse, Gedanken, Erinnerungen“ wollte ich wichtige Ereignisse aus meinem Leben schriftlich festhalten, ganz für mich allein und so lebendig, wie es mir möglich war. Silvester 1999 wollte ich dann Einkehr halten.

Für den Start war der Tag günstig gewählt. Mein Mann fuhr frühmorgens nach Berlin und würde erst am späten Nachmittag zurück sein. Ich war ungestört. Auf dem Tisch stand eine Kanne mit starkem Kaffee. Es konnte losgehen. Als Erstes wollte ich über jene Erlebnisse schreiben, die am nachhaltigsten mein Leben beeinflusst hatten. Das waren die Kriegs- und Nachkriegsjahre. Also rief ich mir die Jahre 1944 und 1945 ins Gedächtnis zurück.

Ein Ich vergaß alles um mich herum und schrieb und schrieb. Mein Gesicht glühte, mein Herz tat weh, aber ich schrieb mir alles von der Seele, was mich nach über vierzig Jahren immer noch belastete. Notgedrungen machte ich nachmittags Schluss, denn ich erwartete Karl zurück, der von meiner Schreiberei nichts erfahren sollte. Ich genierte mich. Wer weiß, ob er sich dafür interessieren oder – schlimmer noch – mich wegen meiner Gefühle auslachen würde. Sorgfältig versteckte ich die beschriebenen Blätter in der hintersten Ecke des Kleiderschrankes.

In unbeobachteten Augenblicken las ich sie heimlich und voller Befriedigung durch. Das konnte nicht mehr in Vergessenheit geraten. Der Anfang war getan. Ab sofort wurden Karls Berlin-Tage für mich zu Schreibtagen, leider viel zu selten.

Als die Wende kam, wurde die Gegenwart wichtiger als die Vergangenheit. Anfangs fast täglich, später in größeren Abständen notierte ich mehr oder weniger ausführlich meine Gedanken und Empfindungen zu all dem Neuen und Ungewohnten. Wie werde ich wohl im Jahr 2000 auf die gegenwärtigen, aufregenden Geschehnisse zurückblicken? „Was schreibst du bloß immer so viel?“, fragte Karl eines Tages. „Darf man das wenigstens mal lesen?“ In seinem Ton lag etwas Besonderes, so als wenn er mich bei einer verbotenen Handlung ertappt hätte. Mit klopfendem Herzen gab ich ihm als Erstes meine Schilderung über das Jahr 1945, die mir am gelungensten schien und wartete gespannt auf eine Reaktion. Dann kam es leise: „Das hast du aber schön geschrieben. So war es wirklich.“ Und nach einer Weile: „Das müssten unsere Kinder lesen. Sie sollten wissen, was das für eine Zeit war, in der wir unsere Familie gründeten.“ Ich staunte. Mir wurde ganz warm ums Herz. Karl lachte nicht, er hatte mich verstanden, welch ein Glücksgefühl! Endlich hatte die Geheimniskrämerei ein Ende. Von nun an wurde er mein erster und auf Jahre hinaus mein einziger Kritiker.

Die Wendezeit verging. Bürger der Bundesrepublik Deutschland zu werden war für einen DDR-Bürger kein leichter Prozess. Bedrückendes, Enttäuschendes, auch Erfreuliches waren fest zu halten. Gelegentlich schrieb ich für den Online-Kultstral kleine Texte.

Wie ich es mir an meinem 65. Geburtstag vorgenommen hatte, las ich am Silvestertag 1999 meine Erinnerungen. Es war schon ein eigenartiges Gefühl, Zeitzeuge eines Jahrhunderts zu sein und den Wechsel von 1999 zu der magischen Jahreszahl 2000 zu erleben. Vielleicht war ich durch meine Aufzeichnungen von Vergangenem und Gegenwärtigem für das Millennium, wie es allgemein bezeichnet wurde, besonders sensibilisiert. Ich nahm mir fest vor, auch künftig interessante Ereignisse aufzuschreiben.

Eines Tages wurde ich ermuntert, an dem Schreibwettbewerb „Ostkreuz zweimal täglich“ teilzunehmen, den RuDi‘s Kiezladen initiierte. Das war nun etwas völlig anderes. Bisher schrieb ich fast nur zu meiner eigenen Freude. Jetzt aber sollte mein Beitrag gemeinsam mit anderen in einem Buch gedruckt werden. Sollte ich mich daran beteiligen? Oder ließ ich lieber die Hände davon? Ich kam mir vermessen vor. Nach langem Überlegen setzte ich mich hin und schrieb eine Geschichte so gut ich es vermochte. Was konnte schon passieren? Wenn sie nicht angenommen werden sollte, wäre das auch kein Verlust. Dabei sein ist schließlich alles. Gespannt wartete ich auf die Texte der anderen Wettbewerbsteilnehmer. Wie würden sie sich diesem Thema nähern? Wie überrascht war ich, als ich einen der dritten Preise errang. Das hatte ich nicht erwartet. Meine Freude war groß. Sämtliche Beiträge kamen als Anthologie heraus. Es klingt vielleicht übertrieben und doch ist es so, das Buch ist mir besonders ans Herz gewachsen.

Damit kam ein Stein ins Rollen. Herr Tauchert, der Leiter von RuDi‘s Kiezladen, machte mich mit Katrin und Ramona bekannt, die ein Schreibprojekt ins Leben riefen. Eigentlich wollte ich das nicht. Ich wollte doch keine Schriftstellerin werden. Aber mal hingehen und anschauen konnte ja nicht schaden. Ich bereute es nicht.

Seit drei Jahren bin ich nun dabei. Was hatte ich anfangs für Bedenken! Auf Bestellung zu schreiben, wie sollte das gehen? Es berührte mich peinlich, vor fremden Menschen mein Leben auszubreiten. Werde ich überhaupt Wichtiges mitzuteilen haben? Werde ich mich so ausdrücken können, dass andere verstehen, was ich meine? Wozu mache ich das? Zweifel über Zweifel. Aber in meinem Gehirn wisperte es: „Versuch es! Aufhören kannst du immer noch“. Also versuchte ich es. Als ich meine erste Geschichte vorlas, ich glaube, es war eine Beschreibung über meinen Vater, zitterten mir Hände und Knie. Ich musste die Arme aufstützen, um das Blatt ruhig halten zu können. Wie erstaunt war ich, als die Zuhörer einfühlsame Worte für den Text fanden. Also hatte ich meine Empfindungen verständlich ausgedrückt – ein Erfolgserlebnis. Langsam, ganz langsam wuchs mein Selbstvertrauen, mit jeder Übung ein bisschen mehr. Gegenüber meiner eigenen Arbeit wurde ich kritischer und erwartete gespannt die Hinweise der Schreibfreunde. Und ich wurde mutiger, schrieb Erlebnisse auf, die mir auch heute noch Herzschmerzen bereiten. Ramona und Katrin gelang es, Erinnerungen, die längst vergessen schienen, ins Bewusstsein zurück zu holen. Mitunter wollte ich ein Thema einfach auslassen, sagte mir: „Das muss ich mir nicht antun. Das will ich endlich vergessen.“ Aber dann schrieb ich doch, wollte mir keine Blöße geben. Wieder so ein Aha-Erlebnis: Auch andere Freunde schrieben von schmerzlichen Erinnerungen. Die eigenen Erfahrungen relativierten sich. Bald waren mir die ganz unterschiedlichen Schreibfreunde nicht mehr fremd. Da saßen junge, berufstätige Frauen und Männer neben Senioren, Menschen aus Ost und West, gläubige Christen neben Atheisten. Welch eine Vielfalt und was für eine Bereicherung! Wie dankbar bin ich für diese Erfahrung! Das Schwere wurde leichter, die Sonne schien heller. Durch das Schreiben fügte ich meinem Leben eine neue Seite hinzu. Inzwischen entstanden viele Geschichten, ernste, besinnliche und heitere. Karl kennt sie alle. Geheimnistuerei gibt es nicht mehr. Katrin und Ramona gaben zwei Broschüren mit Texten der Schreibfreunde, auch meinen Texten, heraus. Diese Bücher sind mein ganz persönlicher Schatz. Und der Stein rollt weiter.

Stunde Null: Ultimatum – Kapitel 10

Autor: Sebastian Dobitsch
Bei Amazon: Stunde Null: Ultimatum

Das Wort Rache klang in Thoms Ohren wie eine Melodie. Für ihn bedeutete es süße Genugtuung für Jahre voller Leid und einen endgültigen Abschluss seines ehemaligen Lebens. Die Knechtschaft war vorüber und es wurde Zeit, eine neue Existenz einzuläuten, auch wenn diese mit dem Vergießen von Blut begann. Nachdem er den letzten Tag zusammen mit Hassan seine Rache geplant hatte, war der ersehnte Moment nun endlich gekommen.

Tiefe Nacht war über die Stadt hereingebrochen, düstere Wolken schoben sich vor den Mond und ein kühler Luftzug brachte die Äste der umliegenden Bäume zum Knirschen. Völlig reglos verharrte Thom in der Deckung einer hoch aufragenden Fichte, seine klammen Finger um das Okular eines Nachtsichtgerätes geschlossen. Vor seinen Augen zeichnete sich hügeliges Terrain ab, das vom grünen Schleier des Nachtsichtgerätes eingefärbt wurde. Von der bewaldeten Anhöhe, auf der er sich befand, offenbarte sich ein ausgezeichnetes Sichtfeld.

Zu seiner Linken erstreckte sich ein unbewohntes Waldgebiet, wogegen auf der rechten Seite eine Landstraße in die Ausläufe der Stadt mündete. Eine Weile lang betrachtete er wortlos den sanft vor ihm abfallenden Hügel, bis sein Augenmerk schließlich auf dem quadratischen Bau eines Herrenhauses haften blieb. Es handelte sich um ein großes, von allen Seiten ummauertes Gebäude. Die Front zeigte auf die hell erleuchtete Straße, wohingegen die Rückseite auf eine große Weide gerichtet war. Ein tiefer Seufzer entstieg Thoms Kehle, dann wandte er seinen Kopf zu Hassan.

»Das ist Ivans Anwesen, sagst du?«

»Ja«, antwortete Hassan, ohne seinen Blick von dem entfernten Gebäude abzuwenden. »Erkennst du es nicht? Es sieht genauso aus wie auf den Bildern, die ich dir gezeigt habe. Die Informationen unseres Gönners lassen keinen Zweifel daran.« Unruhe beschlich Thoms brennende Entschlossenheit und Hassan legte ihm beschwichtigend die Hand auf seine Schulter. »Alles in Ordnung?«, fragte er und musterte Thom mit einem eindringlichen Blick.

»Ja, natürlich.« Er sog scharf die kühle Nachtluft ein. »Ich bin nur ein wenig angespannt, mehr nicht.« Ein verständnisvolles Brummen drang aus Hassans geschlossenen Lippen.

»Bist du dir wirklich sicher, dass du das alleine machen willst? Ich kann dir helfen.«

»Ich bin sicher«, beharrte Thom stur. »Wir dringen gemeinsam in das Anwesen ein, aber den Rest muss ich alleine erledigen, verstehst du? Das ist etwas Persönliches.«

»Wie du meinst.« Hassan zuckte mit den Schultern und löste sich aus dem Schatten der hoch aufragenden Bäume. »Bist du bereit? Dann lass uns beginnen.« Er schlich den Hügel hinab, dicht gefolgt von Thom. Ihre Körper verloren in der Dunkelheit jegliche Kontur, sie zerflossen geradezu im Mosaik des trüben Zwielichts. Kein Geräusch erklang, während sie sich langsam dem schwach beleuchteten Anwesen näherten, außer dem leisen Rascheln des Grases. Bei jedem Schritt begann Thoms Herz schneller zu schlagen, fast so, als spränge es gleich aus seiner Brust.

Hastig folgte er den Schritten seines Vordermanns, bis sie nur noch wenige Meter von der Gebäudeumfriedung entfernt waren. Vor ihnen ragte das gänzlich in Weiß gestrichene Herrenhaus empor, dessen durch Kameras gesicherte Mauer für einen Laien unüberwindbar erschien. Für Thom und Hassan stellten diese trivialen Sicherheitsvorkehrungen jedoch keine Abwehr dar. Bereits im Vorfeld hatten sie die bestehenden Hindernisse analysiert und sich einen geeigneten Plan zurechtgelegt. Zu ihren Gunsten befand sich auf der Umfriedung nur eine geringe Anzahl an Kameras, wodurch es ohne größeren Aufwand möglich war, diese an der richtigen Stelle zu umgehen. Beinahe lautlos überquerten sie die letzten wild bewachsenen Meter, ehe sie im Schatten der groben Steinmauer angelangten. Thom blickte prüfend an ihr hinauf und wandte sich ein letztes Mal zu Hassan um. Dieser schüttelte nur kurz den Kopf, deutete einige Meter weiter nach links und positionierte sich von Neuem.

»Bist du bereit?«, fragte Hassan, während sich sein kräftiger Körper gegen den kühlen Stein der Grundstücksmauer presste.

»Ja bin ich.«

»Dann los!« Mit einer schnellen Bewegung trat Thom in Hassans gefaltete Hände, zog sich an dem rauen Gestein empor und ließ sich wie eine Schlange über den höchsten Punkt der Mauer hinweg gleiten. Die Dunkelheit verschlang seinen Körper binnen Sekunden. Nur wenige Augenblicke später stieg auch Hassan über das Hindernis. Seine Bewegungen wirkten routiniert und präzise. Nicht das leiseste Geräusch war entstanden, fast als wäre er über das Hindernis geschwebt. Durch ein flüchtiges Nicken symbolisierte Thom, dass er bereit war und pirschte auf den dunklen Schatten des Anwesens zu. Vor ihnen erstreckte sich eine weitläufige und bizarr wirkende Poollandschaft. Eine Reihe von Palmen steckte im frostigen Boden, neben welchen sich große, entwässerte Becken unter einer bleichen Plane ins Erdreich gruben. Etwas irritiert wechselte Thom mit Hassan einen Blick, ehe sie sich abermals in Bewegung setzten.

Das schimmernde Neonlicht der Becken vertrieb mit einem Mal die schützende Dunkelheit und tauchte das Grundstück in einen trüben Dschungel gedämpfter Farben. Vorsichtig schlich Thom durch die unwirkliche Landschaft und ging neben einer faserigen Stechpalme in Deckung. Von diesem Punkt aus eröffnete sich ein weites Blickfeld, das bis zur gläsernen Fassade der Terrasse reichte. Im Inneren des Gebäudes brannte zwar Licht, doch war keine Menschenseele zu erkennen.

»Gut«, schlussfolgerte Hassan neben ihm gedämpft und ging leicht in die Hocke. »Bis hierhin war es einfach. Nun bist du wohl auf dich alleine gestellt.« Eine kurze Pause entstand und Hassan zog einen länglichen Gegenstand aus dem Inneren seiner Jacke. »Das könntest du vielleicht gebrauchen.« Seine Finger hielten ihm das umwickelte Bündel entgegen. »Hast du so etwas schon einmal benutzt?« Thom ergriff den Saum des Tuches, schlug es beiseite und blickte auf den geschwärzten Griff einer Pistole.

»Nein. Aber ich weiß, wie sie funktioniert.« Ein gerissenes Lächeln erschien auf seinen Lippen, bevor er dankbar Hassans Hand ergriff. »Das weiß ich zu schätzen. Ich werde dich und den Gönner nicht enttäuschen!« Hassan klopfte ihm verabschiedend auf die Schulter.

»Genieße es. Das hier ist deine Rache.« Mit diesen Worten lösten sich seine Umrisse aus dem Schatten der Palme und verschwanden im trüben Nebel der Nacht. Stille kehrte ein und Thom blickte mit gemischten Gefühlen auf die Waffe in seinen Händen. Das war alles, was er die letzten Jahre begehrt hatte und nun war der Moment gekommen. Ein warmes Prickeln pulsierte durch die Spitzen seiner Finger. Er steckte die Pistole beiseite, blickte sich um und kroch weiter durch den künstlichen Urwald. Nur wenige Meter vor ihm erstreckte sich bereits eine Terrasse aus dunklem Holz, an deren Ende eine geöffnete Glastür stand. Wie hypnotisiert blickte Thom zu der sich ergebenden Chance herüber. Jegliche Furcht war nun aus seinen Knochen gewichen und an ihre Stelle trat eiserne Entschlossenheit.

Mit raschen Schritten verließ er das trübe Dickicht, erklomm die Stufen zur Terrasse und trat durch die gläserne Eingangstür.

Seufzend verließ Ivan die dampfend heiße Luft der Sauna, streckte seine müden Glieder und wickelte sich ein Handtuch um die breite Hüfte. Der Ruhestand war herrlich und so war er nicht herum gekommen einige Kilo zuzunehmen. Mit selbstgefälligem Gang setze er sich in Bewegung, ergriff eine Hand voll Eiswürfel und presste sie gegen seine aufgeheizte Haut. Ein wohliges Stöhnen drang aus seiner Kehle, während er wankend vor einem vergoldeten Spiegel hielt. Die Jahre zeichneten sich bereits deutlich auf seiner Haut ab, allerdings störte er sich daran nicht im Geringsten. Er hatte alles erreicht, was sich ein Mensch nur vorstellen konnte und lebte nun sein ruhiges Leben. Dieser Reichtum war all die vergangenen Mühen wert. Zu Beginn seiner Laufbahn war er nur ein Kleinkrimineller unter vielen gewesen, bis ihn sein finanzieller Scharfsinn schnell vorangebracht hatte. Er bereute nichts. Gemächlichen Schrittes verließ Ivan die beheizten Bodenfliesen und stieg die hölzerne Treppe hinauf. Obwohl er unmittelbar mit schnellen Schritten begann, wurde er bereits nach wenigen Stufen langsamer. Er war tatsächlich nicht mehr in bester Form und so zeichneten sich am Ende der Treppe bereits dicke Schweißperlen auf seiner Stirn ab. Die Frage, ob er sich einen Aufzug einbauen sollte, hatte sich soeben geklärt. Pfeifend durchwanderte er den hellen Wohnraum, ließ sich ächzend auf die Couch sinken und nahm eine Zigarre vom gläsernen Beistelltisch. Das duftende Tabakblatt roch herrlich, weichte aber unter seinen nassen Fingern unangenehm auf. Ivan warf schimpfend die Zigarre zu Boden, rieb sich die Finger am ledernen Bezug der Couch ab und entzündete eine neue. Noch während er genüsslich einen tiefen Schwall dunstigen Rauches in den Raum blies, wanderte sein Blick über die Fasern des Teppichbodens, auf deren Oberfläche ein bräunlicher Fußabdruck prangte. Irritiert richtete sich Ivan auf und begutachtete den Fleck.

Ein schlammiger Fußabdruck besudelte das herrliche Weiß seines Bodens und eine zornige Röte schoss ihm in die Backen. Vermutlich war Pavel draußen im Regen herumgelaufen und hatte nicht auf seine schmutzigen Sohlen geachtet. Ein verächtliches Schnauben blähte seine Nüstern.

»Pavel?«, rief er seinen Leibwächter hitzig und ließ sich wieder auf sein Sofa fallen. Der Fleck störte ihn im Wesentlichen kaum. Einem Mann wie ihm ging es vielmehr um den Respekt. Höfliche Unterwürfigkeit seitens anderer Menschen war das Mindeste, das Ivan erwartete. Zeitgleich vernahm er das Geräusch näher kommender Schritte, die langsam hinter ihm zum Stehen kamen. »Ah, da bist du ja«, brummte er in strengem Ton und deutete auf den befleckten Teppich. »Wie kannst du dir das erklären?« Er verzog seine Augenbrauen zu einem erbosten Stirnrunzeln. Keine Antwort erklang. »Du fühlst dich wohl nicht angesprochen, oder?«, herrschte er mit einem Mal los, wirbelte herum und erstarrte. Vor ihm stand nicht Pavel, sondern eine gänzlich fremde Person. Mit bebenden Lippen stolperte er zurück, blickte sich nervös um und besann sich abermals seiner gewohnten Dominanz. »Was wollen Sie hier? Sie haben auf meinem Anwesen nichts zu suchen. Verschwinden Sie, oder ich lasse Sie erschießen!«, zeterte er mit geballter Faust. Ungerührt dieser Drohung ging Thom weiter auf ihn zu, beugte sich auf provozierende Nähe heran und zog seine Pistole. Ivans rote Gesichtszüge erblassten schlagartig und er hob beschwichtigend die Hände. »Glaub mir, das würdest du bereuen«, zischte er vorsichtig drohend und wich langsam zurück. »Wer schickt dich? Ich bin schon lange aus dem Geschäft!« Wortlos ging Thom weiter auf ihn zu, unternahm aber keine Mühe, zu antworten. »Ich habe Geld!«, argumentierte Ivan schließlich in versöhnlichem Ton. Jegliche Selbstsicherheit war aus seinen fleischigen Gesichtszügen verschwunden. »Wir können das auch anders klären. Sag mir deinen Preis.« Ohne auf die verzweifelten Angebote einzugehen, trat Thom nach vorne, fixierte Ivan mit verachtendem Blick und schlug ihm die Pistole ins Gesicht.

Mit einem überraschten Jaulen hielt dieser sich die schmerzende Stirn, fluchte leise in seinen Schnurrbart und taumelte zurück. Noch bevor seine bebenden Lippen etwas erwidern konnten, ergriff Thom bereits das Wort.

»Schweig!«, befahl er gebieterisch und richtete den Lauf der Waffe direkt auf seine Stirn. »Du wirst jetzt genau tun, was ich dir sage!« Ein unsicheres Stammeln erklang, bevor Ivan seine gehässige Tonlage wieder fand.

»Du begehst einen schweren Fehler. Sobald ich rufe, wird mein Leibwächter deinen erbärmlichen Körper mit Blei durchlöchern!« Unbeeindruckt schlug Thom noch einmal zu und packte Ivan fest am Hals.

»Schrei ruhig, so laut du kannst, denn niemand wird dich hören.« Verdattert begannen Ivans Augen umherzuhuschen. Ein spöttisches Lächeln spielte sogleich um Thoms Lippen. »Überrascht dich das? Es ist nicht das erste Mal, dass dein Leibwächter sich davon schleicht, während du deinen fetten Körper zum Schwitzen bringst.« Wie bei einem an Land gezogenen Karpfen begann sich Ivans Mund immer wieder zu öffnen und klanglos zu schließen. Jeglicher Laut blieb in seinem breiten Hals stecken.

»Wer bist du?«, keuchte er schließlich ungläubig.

»Ich stelle jetzt die Fragen!«, ertönte sogleich die Antwort. »Hier entlang!« Mit rascher Bewegung packte er Ivan an seinem behaarten Nacken und stieß ihn unsanft voran. Thom folgte seinem Opfer, fast wie ein Metzger, der das Schwein auf die Schlachtbank führte. Nun gab er den Takt an und beherrschte das Geschehen mit der Erhabenheit eines Dirigenten.

»Was hast du mit mir vor?«, keuchte Ivan über seine Schulter gewandt. Die Sorge war seinem Gesicht mittlerweile deutlich anzusehen.

»Das wirst du noch rechtzeitig erfahren.« Thom stieß ihn ein weiteres Stück voran. Wie ein wehrloser Sklave humpelte Ivan durch einen weiten Gang und blieb schließlich auf einen bellenden Befehl hin vor der Tür seines Badezimmers stehen.

»Öffnen!«, wies Thom ihn an, wobei er den kalten Lauf der Waffe unmittelbar gegen seinen Hinterkopf drückte. Gehorsam legte Ivan seine Finger um den glänzenden Messinggriff und ließ die Holztür aufschwingen. »Jetzt geh rein!«, erfolgte ein weiterer Befehl. Die Worte drangen so kalt aus Thoms Lippen, dass diese beinahe zu gefrieren schienen. Anstandslos setzte Ivan seine bleiernen Füße in Bewegung und zupfte hilflos sein rutschendes Saunatuch zurecht. Auch sein Geiselnehmer trat hinter ihm in den lichten Raum, doch er blieb in einigen Metern Entfernung kurz vor dem Türrahmen stehen. »Dreh dich zu mir um!« Mit widerstrebender Langsamkeit wandte Ivan seinen behäbigen Körper und starrte geradewegs in Thoms eisblaue Augen. Für eine Weile trafen sich ihre funkensprühenden Blicke, dann senkte sich die bedrohliche Pistole. »Du willst wissen, wer ich bin? Warum du meine Geisel bist? Ich werde dir deine Frage beantworten.« Eine kurze Pause ließ den Raum in greifbarem Unbehagen erstarren und Ivans Nackenhaare stellten sich fröstelnd auf. »Es ist mehr als 17 Jahren her. Damals hast du einen unschuldigen Mann ermordet, einen Dolch in seine Brust gerammt und ihn in einer wassergefüllten Badewanne ausbluten lassen. Seinen kleinen Sohn, hast du in der brennenden Wohnung zurückgelassen. Erinnerst du dich?« Ratlos suchte Ivan nach einer passenden Antwort.

»Was willst du von mir hören?«, beteuerte er verständnislos. »Soll ich sagen, dass es mir Leid tut? Das ist schon ewig her, ich bin aus dem Geschäft draußen. Wieso interessiert es dich, wem ich was angetan habe?« Wortlos musterte Thom sein Gegenüber mit einem zerschmetternden Blick und begann, die Knöpfe seines Hemdes zu lösen. Völlig irritiert starrte Ivan ihm entgegen, bis er mit völlig entkleidetem Oberkörper vor ihm stand. Erst als Ivan die schrecklichen Brandnarben sah, die sich wie giftige Schlangen um den kompletten Körper wanden, leuchtete die Erkenntnis in seinen Augen auf.

»Du?«, prustete er entsetzt. »Warum bist du nicht tot?« Ein abwertendes Zischen löste sich augenblicklich von Thoms Zunge.

»Weil du immer noch lebst. Das Schicksal hat einen grausamen Humor.. Schau hinter dich und rate, was dich jetzt erwartet?« Erschrocken drehte Ivan seinen Kopf und stellte fest, dass er unmittelbar mit dem Rücken zu der Badewanne stand.

»Nein, mach keine Dummheiten«, stotterte er unbeholfen. Erst jetzt hatte die Angst ihn vollständig erfasst. Ungerührt trat Thom einen Schritt näher heran, steckte jedoch überraschend die Pistole beiseite.

»Ich bin nicht wie du«, knurrte er unter zusammengebissenen Zähnen. »Ich gebe dir die Chance, die mein Vater niemals hatte.« In diesem Moment zog er eine blitzende Klinge hervor und warf seinem Kontrahenten eine identische Waffe vor die nackten Füße. Wie betäubt blickte Ivan auf das blank polierte Metall. Sein aufgewühlter Verstand musste erst einmal verarbeiten, was soeben geschehen war. Dann stürzte er sich gierig auf das Messer. Kaum hatten seine Finger die Waffe umschlossen, griff er an. Trotz einer heftigen Attacke verfehlte er Thoms agilen Körper und die Klinge fraß sich klirrend in eine Wandfliese. Auch ein zweiter und dritter Hieb brachten lediglich die Luft in Wallung. Thom wich seinen Angriffen geschickt aus, machte ihn zum Narren, als wäre es bloßes Spielzeug, was er in Händen hielt.

»Mistkerl!«, jaulte Ivan verzweifelt. Die panische Anstrengung verlangte seinem Körper jegliche Kraft ab. Dicke Schweißperlen rannen seine Stirn hinab und verliehen den aufgeblähten Backen einen feuchten Glanz. Mühelos wehrte Thom Ivans plumpe Angriffe ab und ging selbst zur Attacke über. Voller Zorn ließ er das Messer immer wieder auf seinen Gegner niederfahren. Ivan konnte dem Klingenhagel nichts entgegensetzen. Schnitt für Schnitt wurde seine Haut von Wunden übersät. Hellrotes Blut floss über seinen Körper, doch hatte er seinen Willen noch nicht verloren. Stöhnend ließ er die Klinge voran wirbeln und setzte einen schwingenden Faustschlag hinterher. Das Messer verfehlte sein Ziel, der Schlag traf. Eine Erschütterung fuhr durch Thoms Wangenknochen. Seine eiserne Konzentration blieb. Er wich dem nächsten Angriff aus und setzte einen gezielten Treffer gegen Ivans Brust.

Wie ein harpunierter Wal begann sein massiger Körper zu schwanken. Aus zahllosen kleinen Schnitten lief das Blut. Thom ließ den Anblick auf sich wirken. Sein Rachedurst blieb ungestillt. Ivan hatte sich derweil gefangen. Mit erhobener Klinge sprang er auf ihn zu. Im letzten Moment tauchte Thom unter dem Angriff hinweg und bohrte seine Klinge zwischen die atemlos gespreizten Rippen seines Widersachers. Ein kehliger Schrei erklang und Ivan stürzte zu Boden. Sein gesamter Körper lag nun ausgestreckt auf den weißen Fliesen, die sich unter seinen zuckenden Bewegungen langsam in schmieriges Rot verwandelten. Sichtlich zufrieden musterte Thom den qualvollen Todeskampf und beugte sich schaulustig über sein Opfer.

»Wir sind noch nicht am Ende«, sagte er kaltblütig. »Aber es ist bald vorbei.« Röchelnd blickten Ivans verquollene Augen zu ihm herauf, wobei Thom das in seinen Rippen steckende Messer fest umschloss. »Aufstehen!«, befahl er barsch und zog den im Sterben liegenden Körper auf die Knie. »Kommt dir das bekannt vor?«, herrschte er emotionsgeladen. Seine von Blut verschmierten Handschuhe umschlossen Ivans Kehle. »Jetzt schicke ich dich dorthin, wo auch du meinen Vater hin verbannt hast. In ein ereignisloses, schwarzes Nichts. Es wird Zeit zu sterben!« Er hob ruckartig den schweren Körper empor und ließ ihn scheppernd in die Badewanne fallen. Ein leidvolles Stöhnen ertönte sogleich aus Ivans Rachen. Erbarmungslos beugte sich Thom über ihn, betätigte den Wasserhahn und beobachtete, wie das Leben langsam aus seinem Erzfeind entwich. Erst, als das verfärbte Wasser ihm bereits bis zur Brust gestiegen war setzte die unregelmäßige Atmung aus. Ivans Augenlider schlossen sich, seine Haut nahm eine mattweiße Farbe an und jegliche Regung war aus seinem Körper gewichen. Schweigend verharrte Thom auf dem Rand der Badewanne und starrte dem verblichenen Leichnam entgegen. Ein seliges, wenn auch verstörendes Gefühl ergriff ihn. Er hatte endlich Rache an dem Verbrecher genommen, der sein Leben vollständig aus den Fugen gebracht hatte. Nur aufgrund dessen gieriger Schandtaten lag sein Vater auf unwürdige Weise unter der Erde verscharrt. Eine tiefe Zufriedenheit überkam Thom, gleichzeitig war er sich bewusst, dass er eine unwiederbringliche Grenze überschritten hatte, vom Kleinkriminellen zum Mörder. Seine Entscheidung war nicht mehr rückgängig zu machen. Der Gönner hatte sein Wort gehalten und er beabsichtigte, ihm denselben Respekt zu erweisen. Beim Anblick von Ivans erblasster Leiche überkam ihn so viel wärmende Genugtuung und Freude, dass er zu frösteln begann. Für einen kurzen Moment widerte er sich selbst an, dann streifte er die Zweifel einfach ab. Er hatte sich für ein neues Leben entschieden. Eines, in dem kein Platz mehr für moralische Bedenken war. Feierlich schloss er den sprudelnden Wasserhahn, wandte sich ab und verließ, ohne noch einmal zurückzublicken, den blutigen Ort seiner Rache.

Der Pianist – Wenn Das Herz Polka Tanzt

Autor: Katja Frühauf
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Vorwort

Es war ihr fünfter Jahrestag und Alexander hatte Karten für ein Klavierkonzert gekauft, weil er wusste, dass dies Karens Lieblingsmusik war. Er wusste so vieles über sie. Er kannte sie so gut. Er war der perfekte Mann für sie. Immer freundlich, hilfsbereit und zuvorkommend. Er brachte sie zum Lachen und war ihre Schulter zum Anlehnen.

Vorher waren sie bereits in einem edlen Fischrestaurant zum Abendessen und ein kühler Weißwein rundete das Dinner in entspannter Atmosphäre ab. Er lächelte ihr ins Gesicht und streichelte ihre Hand.
Die letzten fünf gemeinsamen Jahre waren geprägt von Liebe und Zärtlichkeit. Trotz einiger Streits hatten sie sich immer wieder vertragen und auch nachdem sie zusammen in eine Wohnung gezogen waren, konnten die Routine und der Alltagsstress zweier Vollzeit arbeitenden Menschen diese nicht auseinander bringen. Sie waren wie Yin und Yang, wie Sommer und Winter, wie Tag und Nacht, zwei Pole, die sich gegenseitig anzogen und nie ohne einander sein konnten.

Sie saßen gespannt wartend in den Stuhlreihen des Konzertsaals. Alexander hielt Karens Hand ununterbrochen in seiner und strich mit dem Daumen über ihren Handrücken. An diesem Abend sah sie besonders schön aus in ihrem schwarzen Kleid und mit hochgesteckten Haaren, auffälligen Ohrringen und einem wunderschön geschminkten Gesicht. Sie wirkte selbstbewusst und elegant, gleichzeitig verführerisch und traumhaft schön. Das war es, was er an ihr bewunderte. Sie sah in eleganten Kleidern genauso wunderbar aus wie ungeschminkt in ihrem ausgeleierten Schlafshirt.

Das Licht verdunkelte sich und die Scheinwerfer leuchteten auf das Podium, welches ein hochgewachsener, schlanker Mann mit dunklen, kurzen Haaren betrat. Er trug einen dunkelblauen Anzug und verbeugte sich vor dem Publikum, bevor er am Flügel Platz nahm.
Dann griff er in die Tasten, die ersten Töne erfüllten den Raum und Karen hatte alles um sich herum vergessen. Gespannt beobachtete sie jede Bewegung des Pianisten. Seine Finger waren so grazil und schön, in einem Moment streichelten sie die Tasten, in einem anderen schlugen sie förmlich darauf ein. Karen fühlte die Musik, die Gefühle und die Töne klangen in ihr, wie als würden die Saiten in ihr selbst vibrieren. Diese Musik füllte sie voll aus, machte sie glücklich und ließ sie für ein paar Minuten aus dem Alltagstrott austreten. Sie vergaß sogar Alexanders Anwesenheit neben sich, es gab nur sie und die Musik. Die Musik und den Pianisten. Sein Gesicht war eben und seine Augen von so hellem Blau, dass sie mit dem Himmel konkurrieren könnten.

Er war so konzentriert, dass er die Blicke der Zuschauer völlig ignorierte.

Karen verfolgte seine Bewegungen und fühlte mit dem Klavier mit. Der Zauber, den alle Pianisten auf sie hatten, war erneut entfesselt. Sie war wieder die Karen, die sich ganz in der Musik verlor, die alles vergaß und sich nur auf den Pianisten fokussierte.

Karen konzentrierte sich so sehr auf den Mann am Flügel, dass sie fast erschrak, als dieser sein Konzert mit dem letzten Ton beendete. Die Zuschauer erhoben sich zum Beifall und nach der Vorstellung spazierte sie mit Alexander Hand in Hand in die laue Sommernacht. Er schien von ihrer Extase nichts mitbekommen zu haben, sie spazierten durch die nächtlichen Gassen und kamen irgendwann vor ihrer gemeinsamen Wohnung an.

Während sie sich auszogen und wuschen, sich nebeneinander die Zähne putzten, so wie oft in den letzten zwei Jahren, ging Karen den ganzen Abend gedanklich noch einmal durch. Es war ein wunderbarer Abend gewesen. Alexander hatte sich wieder selbst übertroffen. Doch der erhoffte Heiratsantrag war wieder nicht dabei gewesen. Dabei war sich Karen so sicher, dass Alexander der Richtige war. Sie kannten sich schon so lange und hatte allerhand zusammen durchgemacht.

Sie legten sich nebeneinander in ihr Bett, den Anblick des Anderen ohne Bekleidung waren sie schon gewöhnt, sodass sie nicht mehr übereinander herfielen. Sie legten sich unter die Decke, Karen kuschelte sich an Alexander und sie wünschten sich eine gute Nacht. Nachdem er sie auf die Stirn geküsst hatte, drehte er sich auf die andere Seite und schlief schnell ein.
Karen konnte noch nicht gleich einschlafen, sie war noch aufgewühlt von dem Konzert. Ihre Gedanken drifteten zu dem Pianisten ab, der es geschafft hatte, ihr Blut seit Langem wieder einmal richtig in Wallung zu bringen, mit bloßer Musik …

Kapitel 1 – Nur geträumt

Der Klavierspieler saß nur wenige Meter von ihr entfernt. Er berührte die Tasten und spielte eine unhörbare Melodie, die ihren Weg direkt in ihr Herz fand. Sie stand wie gelähmt da, während ihr Herz pochte und sie ihn gebannt beobachtete. Seine Finger sahen weich aus und seine Augen mit den langen Wimpern waren halb geschlossen, das Gesicht vor Konzentration angespannt, aber nicht verbissen. Er sah aus wie ein Engel und er fesselte sie mit sanften Tönen, die nur ihr Herz erhörte. Sie wollte wie die Tasten sein, seine Berührungen spüren und ihm ins Gesicht schauen, jedes Detail in sich festhalten. Doch je näher sie an ihn heran lief, so kam es ihr vor, als ob er sich mehr von ihr entfernte. Die Musik wurde lauter, drängender, fast schon unausstehlich, während seine Umrisse immer weiter verschwanden …

Karen schreckte aus dem Schlaf auf. Der Wecker schrillte und Alexander wälzte sich neben ihr auf die andere Seite.

Es war sieben Uhr, höchste Zeit aufzustehen, doch an diesem Morgen blieb Karen verwirrt liegen, unfähig, sofort das Bett zu verlassen.

Alexander robbte an sie heran und nahm sie in den Arm, während er ihr ein verschlafenes „Guten Morgen“ ins Ohr raunte. Er war so niedlich, wenn er früh aufwachte und seine goldbraunen Haare nach allen Seiten von seinem Kopf abstanden. Karen kuschelte sich an seine breiten Schultern und wunderte sich, dass ihr der Pianist nicht mehr aus dem Kopf ging.

Sie hatte schon lange eine Vorliebe für Männer gehabt, die Klavier spielten. Es löste in ihr eine Welle der Emotionen aus und augenblicklich fühlte sie sich zu diesen Männern hingezogen. Seit sie mit Alex zusammen war, hatte sie auch kein Konzert eines Pianisten mehr besucht und dachte, diese Neigung bereits vergessen und abgeschaltet zu haben. Doch der Pianist verfolgte sie bis in ihre Träume, brachte sie durcheinander und verzauberte sie aufs Neue.

Andererseits hatte sie bei Alexander alles, was sie sich je gewünscht hatte. Sie konnten miteinander lachen und weinen, über ernste und interessante Dinge reden und immer wieder unternahmen sie kleine Ausflüge, lasen zusammen Bücher oder machten gemeinsam Sport. Auch er konnte sich für Musik begeistern. Während Karen fast ununterbrochen sang, sie bereute es, ihre Gesangsausbildung aus Zeitgründen aufgegeben zu haben, spielten sie beide Gitarre und er zeitweilen auch Geige. Doch seine Zärtlichkeit und Aufmerksamkeit konnten nicht verhindern, dass ihr noch immer ein kalter Schauer über den Rücken lief, wenn er zur Geige griff und den Bogen über die Saiten leierte. Sie musste sich jedes Mal anstrengen, nicht aus dem Raum zu rennen, das Geräusch dieses Instruments war ihr alles Andere als angenehm. Wieso, das konnte sie niemandem erklären.

Alex war fürsorglich und kümmerte sich gut um sie. Einmal im Jahr fuhren sie gemeinsam in den Urlaub und erkundeten neue Orte. Dabei waren sie oft sparsam, übernachteten im Zelt, anstatt in einem schönen Hotel. Sie hatte sich insgeheim gewünscht, dass er sie auch einmal richtig verwöhnen würde.

Da Karen noch immer keinen klaren Gedanken fassen konnte, stand diesmal Alex als Erster auf und schlurfte in die Küche. Auch Karen folgte ihm nach einer Weile, sie hatte sich über ihren Schlafanzug einen Morgenmantel angezogen. Eine große Tasse Kaffee erwartete sie dampfend auf dem Tisch, während Alex ihr ein Marmeladenbrot schmierte. Er musste erst später zur Arbeit als sie und an diesem Morgen genoss sie es, wie er sich um sie kümmerte. Das hatte er lange nicht mehr gemacht. Oft stand sie allein auf und frühstückte, bevor er überhaupt aus den Federn gekrochen kam, sodass sie ihn oftmals verabschiedete, wenn er das Schlafzimmer verließ.

Gemeinsam saßen sie auf den neuen Küchenstühlen, die sie sich vor einem Jahr hatten schenken lassen, es waren ergonomisch geformte, auf denen man ein wenig schaukelte. Während sie dankbar in das Marmeladenbrot biss, schaute er sie aufmerksam an, in der Hand einen großen Teepott, da er keinen Kaffee trank.

„Liebling, du siehst heute etwas durch den Wind aus.“, stellte er mit besorgtem Blick fest.

„Ach, ich habe nur komische Dinge geträumt. Ist nicht weiter schlimm. Mach dir keine Sorgen, es ist alles in Ordnung.“

Beruhigt widmete er sich seinem frisch aufgebrühten Heißgetränk und als sie fertig gefrühstückt hatte, suchte sich Karen ihre Sachen für die Arbeit heraus, eine hellblaue Bluse und einen Bleistiftrock, dazu ein Paar Ballerinas. Sie trug nicht so oft Absatzschuhe, da Alex ein Stückchen kleiner war als sie und es ihr nicht gefiel, wenn sie ihn noch weiter überragte.

Sie ging ins Bad, das Anziehen war bereits Routine, und putzte sich die Zähne. Alexander lehnte im Türrahmen und beobachtete sie, noch immer ein wenig schlaftrunken. Nachdem sie ein leichtes Make-Up aufgelegt hatte und ein Spritzer Parfüm die tägliche Routine abrundete, drückte sie Alexander einen leichten Kuss auf die Wange und verabschiedete sich. Die Tasche stand schon im Hausflur, abmarschbereit neben der Wohnungstür. Sie wünschten sich gegenseitig einen erfolgreichen Tag und Alex drückte ihr einen Kuss auf die Stirn, wie jeden Morgen. Als sie die Wohnung bereits verlassen hatte und der Fahrstuhl sich mit einem Klingeln öffnete, rief er ihr noch zum Abschied hinterher: „Ich habe dich lieb.“

„Ich dich auch.“ Dann schlossen sich die Türen und Karen fuhr nach unten. Auf dem Weg zur Straßenbahnhaltestelle fiel ihr ein, dass sie am Nachmittag allein im Büro war. Wenn nicht zu viele Aufgaben anstehen, dann könnte sie noch einmal nach dem geheimnisvollen Klavierspieler suchen. Bestimmt konnte das Internet in dieser Situation einige nützliche Informationen liefern. Karen redete sich ein, dass sie weniger an ihn denken würde, wenn sie mehr über ihn herausfand und ihre Neugier damit beruhigte.

Mit zielstrebigem Schritt lief sie zur Haltestelle. Sie würde die Identität des Pianisten ausfindig machen …

Kapitel 2 – Die immer lacht

Karen stieg in die Straßenbahn, die weißen Kopfhörer ins Handy eingestöpselt. Die nächsten fünfundzwanzig Minuten gehörten nur ihr, der Musik aus ihrer Bibliothek und der vorbei rauschenden Landschaft der Stadt. Prag war schon immer wie ihr Zuhause gewesen. Vor zehn Jahren hatte sie sich ihren Traum erfüllt und war in die Stadt gezogen. Nun teilte sie sich eine Wohnung mit Alexander etwas außerhalb, in der Nähe der Filmstudios von Barrandov.

Karen fühlte sich in dieser Stadt wohl, die Stadt lebte, sie fühlte sich weniger eingeengt und offener behandelt. An der Abendschule lernte sie regelmäßig tschechisch, sodass sie mittlerweile diese Sprache gut beherrschte. Doch auch bevor sie damit angefangen hatte, konnte sie sich mit Händen und Füßen irgendwie verständigen. Vor sieben Jahren, drei Jahre, nachdem sie sich ihre erste Wohnung mietete, entschied sie sich für den ersten Kurs, bei welchem sie auch Alexander kennenlernte. Aus der flüchtigen Bekanntschaft entwickelte sich eine Freundschaft, vor fünf Jahren gestand er ihr, dass er sich in sie verliebt hatte.

Wie immer um diese Uhrzeit war die Straßenbahn recht voll, sodass sie sich in den Gang stellte, sich an der Haltestange über ihrem Kopf festhielt und aus dem Fenster schaute. In ihrem Kopf hallte ihr eigenes kleines Konzert, Alexander hatte ihr neue Kopfhörer vor einem Jahr geschenkt, die einen Klang erzeugten als würde die Musik direkt im Kopf spielen.

Sie fuhren den Hang von Barrandov in Richtung Innenstadt herunter und ihr Blick schweifte über das Tal, wie die Moldau ruhig floss und auf der anderen Seite, dort wo sich die Altstadt befand, konnte sie schon die Ruderinsel und das Schwimmbad von Podolí entdecken. In ihren ersten Jahren ging sie dort oft schwimmen und anschließend in die Dampfkammer, auf dem Rückweg mit der Fähre über die Moldau stand sie auf der Ruderinsel und beobachtete die Boote. Als Karen klein war, ruderte sie selbst mit sehr guten Ergebnissen, später musste sie dieses Hobby aufgeben, da ihre Noten unter dem Leistungssport litten.

Vor drei Jahren entschied sie sich dann in einen der zahlreichen Ruderclubs einzutreten und zog nun selbst wieder zweimal in der Woche ihre Bahnen über die Moldau. Eigentlich unterschied es sich nicht vom Rudern auf der Elbe, wie sie es früher gewohnt war. Wahrscheinlich heißt es deshalb „Elberudern macht hart.“. Bei dieser Erinnerung musste Karen unwillkürlich lächeln.

Früh ließ sie ihre Gedanken schweifen und es kam auch schon vor, dass sie es verpasste auszusteigen, doch in den letzten Monaten passierte ihr dies nicht mehr.

Nach fünfundzwanzig Minuten Entspannung stieg sie aus der Bahn aus und steuerte auf ihren Arbeitsplatz zu: Ein Reisebüro auf der Kleinseite, unweit vom Nikolausdom. Ihre Chefin und langjährige Austauschpartnerin von der Abendschule hatte sie, nachdem sie ihr Sprachzertifikat auf B2-Basis erreicht hatte, eingestellt. Karen mochte diese Arbeit. Sie konnte ihre Fantasie in neue Urlaubsangebote einfließen lassen und wenn sie Kunden zufriedenstellen konnte, dann war auch sie zufrieden.

Lenka war bereits im Büro, die Kaffeemaschine brühte schon die erste Tasse auf. Die beiden Frauen begrüßten sich und gingen die Aufgaben für den Tag durch.

Karen sollte ein neues Programm für ausländische Studenten erarbeiten, wie sie ins Prager Stadtleben eingeführt werden sollten. Außerdem mussten die Kataloge aussortiert und die neu gelieferten in die Regale geordnet werden.

Im Sommer war nicht so großer Kundenbetrieb, erst gegen Ende August würden wieder etwas mehr Leute den Weg in das Reisebüro finden, wenn es um Winterurlaube oder den nächsten Sommerurlaub ging. Doch bis August waren noch zwei Monate Zeit.

Karen schaute aus der verglasten Fensterfront und fuhr den Computer hoch. Sie wollte so viel wie möglich schon bis zum Mittag schaffen. Danach würde sie Lenka ihr Ergebnisse präsentieren und ihre Chefin würde dann zu einer Messe fahren und die Firma präsentieren. Dann hatte sie Ladendienst. Alleine.

Ein Bild von Lanzarote begrüßte sie, als sie ihr Kennwort bestätigte. Den Terminkalender musste sie auch mal wieder aktualisieren, es häuften sich Zettel mit anstehenden Terminen auf ihrem Schreibtisch. Manchmal war sie eben auch wie die Sekretärin ihrer Chefin, da diese es nicht schaffte, an alles zu denken, zumal sie noch auf viele Messen fuhr und neue Geschäftspartner anwarb. Bald würde Karen sie damit unterstützen, wenn sie ihre nächste Fremdsprachenprüfung abgelegt hatte. Denn erst dann war sie offiziell wie eine Muttersprachlerin und Lenka wollte eine Bloßstellung in einem Gespräch mit möglichen Partnern vermeiden und auf Nummer sicher gehen. Sie wollte nur das Beste für Karen und gab ihr sogar einen Zuschuss, falls sie die Prüfung bestehen sollte.

Karen suchte aus dem Register alle registrierten Kataloge, die bereits abgelaufen waren und räumte sie aus den Regalen. Das wurde wieder eine große Fuhre Altpapier. Ein kleiner Zuschuss in die Trinkgeldkasse, die sie einmal im Jahr zusammen ausleerten.

Danach suchte sie die Kartons mit den neuen Katalogen aus dem Lager und registrierte diese, während Lenka die wenigen eintretenden Kunden bediente. Als wieder einmal zufriedene Kunden den Laden verließen, erkundigte sich Lenka: „Und, wie war dein Abend gestern? Hat er dich endlich gefragt?“

„Frag bloß nicht.“, gab Karen zur Antwort, währen sie weiter die Regale einräumte. „Er hat mich natürlich nicht gefragt.“

„Wieso denn das nicht? Ihr seid immerhin schon seit fünf Jahren zusammen!“

„Das wüsste ich auch gern, aber ich werde ihn nicht drängeln. Trotz allem hat er sich ein so schönes Programm ausgedacht.“

„Erzähl!“, forderte ihre Chefin sie auf endlich die Katze aus dem Sack zu lassen.

„Wir waren in einem dieser neuen teuren Fischrestaurants und es war bombastisch. Weißer Wein und ein stilvoll eingerichtetes Lokal mit schicken Kellnern und schneller Bedienung. Danach waren wir im Karolinum zu einem Klavierkonzert, es war einfach herrlich!“, Karen kam aus dem Schwärmen nicht mehr heraus und auch Lenka war Karens Vorliebe für Klaviermusik nicht neu. Nachdem sie alles genau analysiert hatten, kümmerte sich jede wieder um ihre Angelegenheiten. Gegen zehn Uhr beendete Karen ihre Einräumaktion mit einem erschöpften Seufzer, sie musste immer wieder die Regale auswischen, vor allem die obersten Reihen waren komplett verstaubt.

Nach der Mittagspause, sie ließen sich Essen aus einer Kantine ins Büro liefern, verabschiedete sich Lenka von ihrer Freundin und übergab ihr die noch zu erledigenden Aufgaben. Karen machte sich voller Eifer ans Werk.

Nach drei Stunden war sie auch damit fertig. Zwischendurch wurde sie von einigen wenigen Kunden unterbrochen, doch sie durfte ihre Ungeduld nicht zeigen. Sie war die Ansprechpartnerin für alle, die sich informieren oder eine Reise buchen wollten, sie war die, die immer freundlich war und allen Kunden ein Lächeln schenkte und ihre Wünsche anhörte und umsetzte.

Eine Stunde vor Ladenschluss hatte sie endlich Zeit sich mit dem ominösen Klavierspieler zu befassen. Sie öffnete erst die Seite der Veranstaltung vom Vorabend und erfuhr seinen Namen: Roman Klingenbaum. Das war er also!

Sie suchte alle möglichen Seiten nach diesem Mann ab, fand jedoch nur wenige Einräge, meist waren es andere Konzertveranstaltungen, doch nie waren persönliche Informationen zu finden. Sorgsam notierte sie sich alles, was sie über diesen Mann fand, das war nicht viel. Wie konnte es sein, dass ein Musiker keine Informationen im Internet preisgab? Es war für Karen fast unvorstellbar. Doch damit war ihr Ehrgeiz geweckt, denn mit solch wenigen Informationen würde sie sich nicht zufrieden geben.

Nach dem Feierabend schloss sie alle Räume sorgfältig ab und verstaute den Zettel in ihrer persönlichen Schublade, die sie vorsorglich abschloss. Nachdem auch die Ladentür verriegelt war, lief sie zurück zur Haltestelle. Die Luft war warm und kündigte die heißen Sommertage an. Es tummelten sich schon relativ viele Touristen auf der Karlsbrücke, doch noch war keine Hochsaison. Nach wenigen Minuten kam die Bahn. Karen genoss es, dass sie nie lange auf einen Anschluss warten musste und selbst in der Nacht schnell und zuverlässig aus der Stadt nach Hause kam. Ein weiterer Vorteil gegenüber der Kleinstadt in Mitteldeutschland, wo sie mit dem Bus nur bis zehn Uhr zurück kam.

Karen stieg zwei Stationen eher aus und ging schnell noch zu einem der vielen Supermärkte. Von dort bis zu ihrer Wohnung war es nicht weit, deshalb musste sie die schweren Tüten nicht so lang schleppen.

Sie öffnete die Tür und sah bereits Alexander, wie er das Abendbrot vorbereitete. Er stellte den kleinen Tisch aus der Stube auf den Balkon und deckte ihn ein, während Karen ihr Kostüm gegen bequeme Jogginghosen tauschte. Auch wenn sie gern solche Kostüme trug, gegen ein Paar gemütliche Hosen hatte sie nichts einzuwenden und gesellte sich zu Alex auf den kleinen Balkon, von wo sie einen Blick auf die Siedlung hatten. So konnte ein gemütlicher Feierabend beginnen …

Kapitel 3 – Abendstille überall

Nach dem Abendbrot blieben Karen und Alexander noch eine Weile auf dem Balkon sitzen und beobachteten das Farbenspiel der untergehenden Sonne. Als die letzten Strahlen schwächer wurden, räumten sie gemeinsam ab, Alexander wusch das Geschirr ab und Karen räumte es nach dem Abtrocknen ein. Verteilte Rollen, wie in vielen Aspekten ihres Zusammenlebens.

Nebenbei unterhielten sie sich darüber, wie ihr Tag verlaufen war. Das Detail über die Nachforschungen und den Namen des Pianisten verschwieg ihm Karen lieber.

Alexander arbeitete in einer IT-Firma und konnte teilweise seine Aufgaben von Zuhause aus erledigen. Manchmal fuhr er auch zu Kundengesprächen. An sich war er sehr technikbegeistert, leider konnte er sehr schlecht Nein sagen, sodass sich immer wieder alte Rechner in der Wohnung stapelten, die er versuchte aufzumöbeln und sie dann zu verkaufen. Diese Staubfänger waren Karen ein Dorn im Auge, am liebsten würde sie sie jedes Mal aufs Neue aus dem Fenster werfen.

Anfangs hörte sie ihm noch aufmerksam zu, während er ihr Details seiner Arbeit erzählte oder sie versuchte aufzuklären, welche Technik sie wie nutzen sollte, weil sie es in seinen Augen falsch machte, stellte manchmal Nachfragen oder ließ sich eine bestimmte Vorgehensweise genauer erläutern. Mittlerweile versuchte sie dies auf ein Minimum zu reduzieren, es interessierte sie persönlich nicht so sehr und deshalb nahm sie auch in Kauf, dass sie einmal einen Fehler in irgendeinem Programm machte. Sie kam mit den alltäglichen Dingen zurecht und das reichte ihr vollkommen.

Auch während des Gesprächs schweiften ihre Gedanken immer wieder ab. Als Alex sich erkundigte, ob sie noch mit ihm einen Film schauen wollte, lehnte sie, mit der Begründung, müde zu sein und am nächsten Tag wieder zeitig auf Arbeit zu müssen, ab.

Sie ging ins Bad, wo sie sich genüsslich den Dreck des Tages vom Körper wusch. Manchmal nahm sie auch ein Bad, aber das konnten sie sich nicht jeden Tag leisten, das wurde auf Dauer zu teuer.

Früher waren sie noch zusammen in die Dusche gesprungen, während sie ihre nackten Körper unter den Wasserstrahlen bewunderten und immer wieder miteinander scherzten.

Ebenso badeten sie früher öfter zusammen, doch Karen genoss es ebenso, wenn sie in sich richtig lang machen konnte, ohne von Alexanders Körper an den Rand gedrückt zu werden.

Sie stellte nach einer Weile den warmen Strahl auf kalt um, das hatte sie vor einer Weile für sich entdeckt, sie fühlte sich danach frischer.

In ein Handtuch gehüllt, stand sie vor dem Spiegelschrank und putzte sich die Zähne, hörte, wie Alexander einen Film startete. Bestimmt lümmelte er wieder auf der Couch, während er auf den riesigen Monitor des Computers starrte.

Nachdem sie ihr Gesicht mit Sheabutter verwöhnt hatte, schlich sie durch den Flur ins Wohnzimmer, wo Alex wie schon vermutet auf der Couch saß. Als er sie sah, elfengleich und nur ins Handtuch gewickelt, entwich ihm ein bewunderter Pfiff durch die Schneidezähne. Der Film wurde gestoppt, jetzt konnte er sich an ihr satt sehen. Ein kleines Lächeln huschte über Karens Gesicht während sie näher auf ihn zu kam und er ein wenig zur Seite rückte um ihr auf dem Sofa Platz zu machen. Sie setzte sich und in der Bewegung rutschte ihr das Handtuch ein wenig nach unten, doch Alex ließ ihr keine Zeit es gerade zu rücken, sondern fasste den Rand des Handtuchs vorsichtig, zog sie zu sich heran und übersähte ihre Hals mit Küssen. Endlich hatte sie seine Aufmerksamkeit wieder auf sich gerichtet, er streichelte über ihren Körper und schob sich über sie, während er sie stürmisch küsste. Nach einer Weile, Karens Atmung ging ein wenig schneller, brach er ab und sah sie an: „Tut mir leid, ich wollte dich nicht vom Schlafengehen abhalten.“

Er setzte sich auf und glaubte ihrem „Nein, ist schon in Ordnung.“ nicht, sondern schob sie vorsichtig ins Schlafzimmer, wo er sie vom Handtuch ganz erlöste und ihr den Schlafanzug über den Kopf zog. Damit war die abendliche Stimmung verflogen und nachdem er ihr mit einem Kuss auf die Stirn eine gute Nacht gewünscht hatte, schlurfte er zurück in die Stube, um den Film weiter zu sehen.

Karen legte sich mit einem enttäuschten Seufzen ins Bett. Eigentlich wollte sie ihn mal wieder aus der Reserve locken, ihr Liebesleben hatte in der letzten Zeit eine Dämpfung erhalten. Woran das lag, konnte sie sich nicht erklären, von einem Tag auf den anderen schlich es sich ein und nistete nun in ihrer Wohnung, wie ein ungebetener, hartnäckiger Gast.

Karen war nie eine Draufgängerin gewesen, hatte stets auf den Richtigen gewartet. Alexander hatte sie zu einer Frau gemacht und mit ihm entdeckte sie viel Neues und fand an vielen Dingen Gefallen.

Nur, dass er in letzter Zeit nicht mehr auf ihre Anspielungen ansprang und sie war sich nicht sicher, woran das lag. Wenn sie das Gespräch auf diesen Punkt lenken wollte, dann wich er aus und verschob das Gespräch darüber auf einen unbekannten Zeitpunkt.

Karen hüllte sich in ihre Decke ein. Durch das halb geöffnete Fenster klangen die Geräusche der Stadt. Eine Großstadt schläft nie, aber trotz allem empfand Karen die nächtlichen Geräusche als Stille und Musik in ihren Ohren: Wenn eine Straßenbahn vorbei ratterte oder die Sirenen der Polizei oder Krankenwagen erklangen. Gedämpft hörte sie auch einige Geräusch des Films, den Alexander im Wohnzimmer schaute.

Im Zimmer war es fast dunkel, sie zogen vor dem Schlafen die Jalousien zu. Karen starrte an die Decke und dachte nach. Gern wäre sie in diesem Moment mit Alex intim geworden, doch aus unerklärlichen Gründen, wenn er sich schon einmal zu solch einer seltenen Tat bewegen lassen konnte, brach er vorher ab. Als ob sie ihn nicht mehr erregen konnte, als ob sie nicht mehr schön genug war.

Karen war eine normale Frau, relativ groß, aber schlank. Sie hatte einige persönliche Problemzonen, war aber durch das regelmäßige Training wieder etwas fitter und ihr halblangen dunklen Haare waren immer ordentlich frisiert. Sie legte viel Wert auf Hygiene und bei gegebenen Anlässen schminkte sie sich gern auch etwas mehr. Sie liebte es, sich für besondere Veranstaltungen schick zu machen und trug ihren Stil mit Selbstsicherheit und Eleganz.

Eingehüllt von der Musik der Großstadtgeräusche schlief Karen irgendwann ein und merkte nicht mehr, wie sich Alex neben sie legte, sie eine Weile beobachtete und über ihr Gesicht streichelte, ehe auch er sich auf seine Seite rollte und einschlief …

Kapitel 4 – Und es hat ZOOM gemacht

Am nächsten Morgen stand Karen allein auf, Alexander schlief so fest, dass er sogar den Wecker überhörte. Karen konnte das nicht. Selbst wenn sie fest schlief, sie wachte bei jedem Weckerklingeln auf.

Nachdem sie das Teewasser aufgesetzt hatte, zog sie sich im Bad an. Außerdem nahm sie sich eine Banane und ein Hörnchen, das sie am Vortag gekauft hatte. Danach beeilte sie sich zur Bahn, denn Lenka hatte ihr noch spät am Abend geschrieben, dass sie doch bitte etwas eher ins Büro kommen sollte. Also fuhr sie eine halbe Stunde eher, das Hörnchen aß sie sie auf dem Weg zur Haltestelle zu Ende.

In den letzten Wochen vor ihrem Jahrestag mit Alexander hatte sie viel zu tun. Lenka hatte den Auftrag einer Musikagentur erhalten, Konzertsäle für einen Künstler zu organisieren und die Zusammenarbeit mit der Agentur zu vermitteln.

In letzter Zeit wendeten sich immer öfter Agenturen an Lenka, mit der Bitte, geeignete Konzertsäle ausfindig zu machen und Kooperationen mit den Agenturen zu vermitteln. Oft hatten diese Agenturen selbst keine Vermittlerkapazitäten, sodass sie mit der Zeit Kataloge für jede Agentur zusammenstellten, mit Vorschlägen und Kontaktdaten. Diese Lokalitäten wurden dann für einen der in der Agentur angestellten Künstler ausgewählt und die Rahmenbedingungen für Konzerte vereinbart, doch diesen Schritt bekamen Karen und Lenka nicht mehr mit. Sie hatten selbst genügend andere Arbeiten zu erledigen.

Besonders Lenka war oft auf der Suche nach neuen Geschäftspartnern, sodass Karen den Auftrag übernommen hatte, Konzertsäle in der Umgebung zu empfehlen und freie Termine für die Agenturen zu reservieren. Deshalb war sie viel in Prag und der Umgebung herumgereist, hatte Säle und Hallen besichtigt und entsprechende Dokumente aufgesetzt und an ihre Chefin gegeben, welche diese dann weiterleitete. Welcher Künstler dann welchen der Termine in Anspruch nahm, war Sache der Veranstalter und der Agenturen, deshalb lernte Karen die Künstler nie persönlich kennen.

Als sie am Büro ankam, waren die Türen schon geöffnet und eine Tasse Kaffee stand auf ihrem Schreibtisch, Lenka stellte Blumen auf ihren Schreibtisch, was bei ihr eher selten vorkam, obwohl sie sehr viele Verehrer hatte. Bei ihr hielt keine Beziehung länger als drei Monate, aber sie war auch nie böse darüber. „Du kennst nicht dein ganzes Leben lang nur eine Sorte Fleisch essen, irgendwann schmeckt dir das dann nicht mehr.“, pflegte sie regelmäßig zu sagen.

„Na du, wen hast du gestern glücklich gemacht, dass du heute Blumen auf dem Tisch stehen hast?“, fragte Karen schmunzelnd. Auch Lenka hatte gute Laune, immerhin hielt sie Karen über ihre Männergeschichten immer auf dem neusten Stand.

„Diesmal, meine Gute, habe ich mir das selbst gekauft.“

„Wieso denn das? Ich denke, du stellst nur Blumen hin, wenn du sie geschenkt bekommst?“

„Ich wollte unser Büro ein wenig mehr nach Sommer aussehen lassen und außerdem bekommen wir gleich Besuch.“, verriet sie mit einem Grinsen.

Na klar, das war ja nichts neues, dachte sich Karen. Immerhin kamen jeden Tag Kunden zu Besuch in den Laden. Sie nahm noch einen Schluck Kaffee, und just in diesem Moment trat ER durch die geöffnete Ladentür, sodass sie vor Schreck ihren Kaffee auf die Bluse verschüttete.

„Guten Morgen.“, grüßte der Pianist mit tiefer melodischer Stimme.

„Guten Morgen.“, grüßte Lenka zurück, während Karen bemüht war, den Kaffeefleck unter ihrem Blazer zu verstecken. Ein wenig davon schaute jedoch darunter hervor. „Darf ich Ihnen jemanden vorstellen? Das ist meine Mitarbeiterin Karen und sie hat Konzerte für Ihre Agentur in den letzten Monaten geplant.“

„Hallo Karen, schön Sie kennenzulernen.“, der Pianist wandte sich nun mit einem Lächeln an sie und streckte auch ihr seine Hand entgegen.

„H-H-Hallo.“, stotterte Karen verwirrt. Er war hier in ihrem Büro und nun wusste er, wer für die Durchführung seiner Tournee in den letzten Monaten verantwortlich war. Und sie stotterte wie ein kleines Kind. Ein kleines Kind mit Kaffeefleck auf der Bluse. Peinlich. Am liebsten wäre sie im Boden versunken, doch sie schenkte ihm ein schiefes Lächeln.

Lenka hatte ihr nie erzählt, für wen sie da eigentlich Kooperationsverträge aushandelte, aber dass es sich um DEN Pianisten persönlich handelte, machte sie gleich noch viel nervöser. Sie hatte aber auch nie danach gefragt, sondern brav ihre Aufgaben ausgeführt. Es war auch typisch für Lenka, dass sie ihre Kontakte spielen ließ und trotz Verschwiegenheitspflicht der Agenturen herausfand, wer von ihrer Arbeit profitierte. Dann hielt sie oft nicht damit hinterm Busch und sprach die Leute direkt darauf an, wie auch immer sie es jedes Mal schaffte, Kontakt zu den verschiedensten Künstlern aufzunehmen. Doch das war Lenka und sie verstand sich sehr gut darin, ihre eigenen Vorzüge auszunutzen.

„Ach, das war unhöflich von mir, ich sollte mich Ihnen vorstellen. Mein Name ist Klingenbaum. Roman Klingenbaum. Da du meine Organisatorin warst, kannst du mich ruhig Roman nennen.“

Das „Ich weiß“ konnte sie sich gerade noch verkneifen. Sie war überrascht über seine Leichtigkeit, wie er sie bedenkenlos duzte.

„Klingenbaum? Warum Klingenbaum? Das ist doch kein tschechischer Name.“, stellte Karen fest. Und immerhin sprach er fließend tschechisch.

„Mein Großvater war Deutscher, er hat eine Tschechin geheiratet.“, erklärte ihr. Allein schon seine weiche Stimme jagte ihr eine Gänsehaut über den Rücken, so melodisch klang sie. Ein feines Parfüm umgab ihn, ein leichter männlicher Geruch ging von ihm aus, nicht zu süß, genau so wie Karen es mochte. Reiß dich zusammen, mahnte sie sich.

„Lenka, ich bin hergekommen, weil ich mit der Organisation der Touren sehr zufrieden war und im nächsten Jahr würde ich das gern wiederholen. Vielleicht auch mit einigen Terminen im Ausland. Hättet ihr Lust, so als Team von Tour&Event wieder an meiner Seite zu sein?“

„Das solltest du lieber gleich Karen fragen, sie hat diese Arbeit abgeliefert und wenn es ihr so gut gelungen ist, dann würde ich sie gern wieder damit betrauen.“

„Karen, hättest du Lust dieses unwiderstehliche Angebot anzunehmen?“, versuchte er zu scherzen.

„J-J-Ja, sehr gern.“, antwortete sie, noch immer perplex, dass sie DEM Pianisten, dessen Tournee sie geplant hatte und nie persönlich mit ihm in Kontakt getreten war, weiter zur Hand gehen sollte.

„Super. Ich habe leider auch nicht zu viel Zeit, ich muss noch ins Tonstudio und weiter an meiner CD arbeiten. Vielen Dank Mädels und Karen, auf eine gute Zusammenarbeit!“

Er drückte ihr eine Visitenkarte in die Hand und nach einem gestotterten „D-D-Danke“ von Karen rauschte er wieder heraus auf die Straße, wo er zwischen den Touristen aus Karens Blickfeld verschwand.

„Tschüss.“, trompetete Lenka in ihrem Gute-Laune-Singsang hinterher und drehte sich dann zu ihrer Freundin um. „Mein Gott Karen, was war denn das gerade? Du hast ja gestottert! Ich wusste gar nicht, dass du so unsicher sein kannst!“

„Das war ER, ich war auf seinem Konzert. Vorgestern. Mit Alexander.“

„Und?“

„Er war unglaublich und ich mache mich hier zum Deppen, weil ich mir den Kaffee auf die Bluse kippe und mich aufführe wie ein Fohlen, dass das erste Mal alleine aufsteht.“, dieser Vergleich war ihr offenbar gelungen, denn Lenka musste herzhaft lachen und warf ihre blonden Haare schwungvoll zurück.

„Jetzt mach dir deswegen mal keine Gedanken. ER freut sich auf gute Zusammenarbeit und schien sich überhaupt nicht über den Fleck lustig zu machen. Vielleicht hat er ihn gar nicht gesehen. Weißt doch, das sind Männer, denen fällt so etwas gar nicht so schnell auf.“, sie zog verschwörerisch die eine Augenbraue nach oben.

„Vielleicht hast du Recht.“, stimmte Karen ihrer Freundin zu.

Der Rest des Tages verlief wie im Flug. Die Visitenkarte hatte Karen in ihre Handtasche gesteckt. Dort stand sein Name und seine Telefonnummer drauf. Aber dort würde sie sowieso nicht anrufen, die Agentur schickt ihr wieder Terminvorschläge und Wünsche für Städte, in denen Konzerte stattfinden könnten und dann kann sie sich ihrer Aufgabe, dem Planen, zuwenden, ohne in weiteren Kontakt mit ihm treten zu müssen. Immerhin hatte er bestimmt viele Fans, die er mit seinem Klavierspiel um den Finger wickeln könnte. Und sie hatte Alexander. Auch wenn zwischen ihnen gerade Flaute herrschte, fünf Jahre wollte sie nicht so schnell wegschmeißen. Dafür hatten sie zusammen zu viel erlebt.

Nach Ladenschluss fuhr Karen noch zum Training. Sie musste ihre Gedanken ordnen und fuhr mit einem Einer hinaus auf den friedlich vor sich hin fließenden Fluss. Die Sonne wurde langsam von grauen Wolken verdeckt, ein leichter Wind kam auf. Während sie so ihre Bahnen zog, flussaufwärts und wieder -abwärts erinnerte sie sich, wie sie sich mit Alexander kennengelernt hatten.

Damals war er zeitweise als Aushilfe in der Abendschule, da er die neuen Computer in Betrieb nahm, einrichtete und das Netzwerk der Schule aufbaute. Eines Abends kam er auch in den Raum, in welchem ihr Kurs stattfand.

Immer wieder beobachtete Karen ihn und wenn er ihren Blick bemerkte, lächelte er ihr zu. Nach der Stunde hielt er sie am Arm zurück mit den Worten, wenn sie schon nicht die Augen von ihm lassen könne, dann solle sie sich von ihm auf einen Kaffee einladen lassen. Also verabredeten sie sich, doch Karen dachte am Anfang nicht daran, dass sie jemals ein Paar werden könnten.

Sie fand ihn sympathisch und lustig war er auch. Sie konnte mit ihm über alles reden und er ging mit ihr sogar zum Shoppen in eines der vielen Einkaufshäuser. Die Stunden mit Alex waren immer unbeschwert und Karen fühlte sich in seiner Anwesenheit wohl. Oft trafen sie sich abends, als der Kurs bereits zu Ende war, und spazierten durch die Stadt. Samstags verabredeten sie sich zum Feiern in eine Diskothek oder er zeigte ihr ein paar versteckte Plätze in Prag. So lernte sie die Stadt noch besser kennen, vor allem die versteckten Gärten mitten im Zentrum.

In einem dieser Gärten, er war in der Altstadt, trafen sie sich auch an jenem Tag vor fünf Jahren. Karen trug ein hellblaues Sommerkleid, denn es war ziemlich warm. Sie setzten sich nebeneinander auf eine der Bänke im Schatten. Da es schon dämmerte, waren nicht mehr viele Leute um sie herum. Ohne Vorwarnung zog Alex eine Flasche Sekt aus seinem Rucksack und öffnete diese. Auf ihre Frage, was es denn zu feiern gäbe, schaute er sie lange an und flüsterte, dass er sich in sie verliebt hatte. Sie konnte nicht mehr widerstehen und küsste ihn vorsichtig. Zum ersten Mal. Es hatte bei ihr schon eher ZOOM gemacht, damals, als sie im Mai zu ihm nach Hause rannten, weil es regnete und sie sich bei ihm aufwärmte, bevor sie nach Hause fuhr. Er holte seine Gitarre hervor und klimperte ein sehr schönes Lied, während sie auf seinem Sofa saß, eingewickelt in eines seiner Handtücher und mit einer großen Tasse Tee in der Hand. In diesem Moment war es, als sähe sie ihn mit anderen Augen. Karen hatte sich jedoch nie getraut ihm das zu sagen, sie wollte ihre Freundschaft nicht aufs Spiel setzen.

An diesem Tag war sie so glücklich, als er ihr offenbarte, das Selbe zu fühlen. Gemeinsam tranken sie den Sekt aus der Flasche und spazierten später an der Moldau entlang, bis nach Podolí. Die Sonne ging bereits unter und in der Hälfte des Weges traute sie sich, ihn bei der Hand zu nehmen. Damals fühlte es sich an, als würde ein Strom von seiner Hand durch ihren Arm gehen.

Aus den dunklen Wolken fielen die ersten Tropfen, doch das machte Karen nichts aus. Sie liebte den Regen im Sommer. Den Einer steuerte sie zurück zum Bootshaus, wo sie anlegte und nach dem Training nach Hause lief, nicht die Bahn nahm, um den ersten lauen Sommerregen in vollen Zügen zu genießen. Wenn die Straßen vom Staub befreit waren, dann roch es selbst in der Stadt frisch. Karen tanzte fröhlich über den Fußweg, der zu ihrem Wohnhaus führte. Nein, sie würde diesen Klingenbaum nicht anrufen, sie wollte lieber ihre Beziehung zu Alexander wieder in Schwung bringen.

Doch ein kleiner Teufel in ihrem Ohr flüsterte ununterbrochen ruf ihn an

Der Totengräber

Autor: Sebastian Dobitsch
Webseite: www.sebastiandobitsch.de

„Musste es denn so enden?“, dachte sich Yuri bekümmert und stieß den Spaten ins feuchte Erdreich. „Hätte es denn keine andere Möglichkeit gegeben?“ Vermutlich schon, doch die Realität war gegenüber jedes Wunsches erhaben. Das Schicksal hatte ihn mit seiner trüben Hinterlist an diesen Ort geführt, einen Punkt, von dem es kein Entkommen mehr gab.

Tiefe Nacht lag über dem finsteren Waldfriedhof, nur eine Petroleumlampe warf ihren unbeständigen Schein. Jedes Mal wenn Yuri den Spaten in das aufgewühlte Erdreich grub verzerrte sich sein Schatten bis zur Unkenntlichkeit. Ein alter Mann hatte Yuri einmal gesagt, dass die Schatten die wahre Identität eines Menschen preisgeben. Er selbst konnte nur hoffen, dass es nicht der Wahrheit entsprach, ansonsten hieße es, dass er ein grässliches Monster sei.

„Bist du das denn nicht auch?“, tönte eine Stimme in seinem Inneren, der Yuri nicht lauschen wollte. „Sieh nur, was du getan hast!“ Widerwillig drehte er den Kopf und betrachtete den dort liegenden Leichnam. „Dieses Herz hat einmal geschlagen Yuri!“, hörte er den vorwurfsvollen Klang der Stimme und er wandte schnell den Blick ab.

„Ich will das nicht sehen“, hauchte er erschöpft, doch ließ ihn das tückische Flüstern in seinem Kopf nicht allein.

„Du kannst es nicht ignorieren. Du weißt, dass du schuld bist. Dein Zorn hat dich zum Totengräber gemacht.“

„Nein!“, schrie Yuri heftig und warf die Schaufel in den feuchten Morast. „Es war doch keine Absicht!“ Eine Weile kehrte Stille ein, nur das Prasseln des Regens war zu hören.

„Und dennoch ist er tot.“ Schluchzend ging Yuri in die Knie, die Hände gegen das Gesicht gepresst.

„Mörder!“, hallte es in seinen Ohren. Panisch versuchte er die Worte zu verdrängen, doch wisperten sie aus dem Tiefsten seines Inneren selbst. Dass es so kam hatte er nie gewollt und doch klebte nun Blut an seinen Händen. Mit bitteren Tränen hob er die schmutzstarrende Schaufel wieder auf und führte sein trauriges Werk fort.

„Grabe tief Yuri. So tief du kannst, doch deine Schuld lässt sich nicht begraben.“

„Halt deinen Mund!“, brüllte er in verzweifeltem Ton. Nichts konnte das bösartige Flüstern zum Schweigen bringen.

„Hast du ihn dir schon einmal angesehen? Die Leere in seinen Augen betrachtet?“ Schluchzend wandte Yuri den Kopf und musterte den reglosen Leichnam, der verkrümmt auf der feuchten Erde lag. Der Tote war in ein Tuch gewickelt, das durch den heftigen Regen bereits von seiner blassen Haut gerutscht war. Yuri kniete sich auf den Boden und wickelte den Leichnam behutsam wieder ein. „Glaubst du wirklich, dass er noch friert? Fass seine Haut an! Fühl wie kalt und leblos sie ist!“ Kopfschüttelnd verdrängte Yuri die anprangernde Stimme und blickte dem Toten ins Gesicht. Es war, als sehe er in einen trüben Spiegel. Er selbst schien in diesem Tuch zu liegen, die Haut blass und von tiefblauen Adern durchzogen.

„Mein Bruder“, keuchte er unsicher und strich eine wilde Haarsträhne von seiner Stirn. Er hatte seinen eigenen Zwillingsbruder ermordet, wie konnte er sich das nur verzeihen? Ein heftiges Schluchzen beutelte seinen Körper, doch flossen keine Tränen mehr über seine Wangen.

„Verzeih mir!“, klagte er bittend und presste den Leichnam gegen seine Brust. Obwohl er wusste, dass sein Bruder tot war, erschrak er über die Kälte, die der einst so lebendige Körper ausstrahlte.

„Denkst du wirklich, er verzeiht dir? Dein Zorn hat ihn niedergestreckt und nun wirfst du ihn in ein Loch, damit er verrotten kann. Soll er dir wirklich verzeihen?“ Mit einem verzweifelten Seufzer löste Yuri die Umklammerung. Das war zu viel für ihn. Die Schuld lastete erdrückend schwer auf seinen Schultern und die ewig murmelnden Stimmen brachten ihn gar um den Verstand. Hastig drehte er sich um und begann zu laufen. Er wollte nur noch fort von diesem Ort, seine Untaten hinter sich zurücklassen. Er hatte kaum ein paar Meter hinter sich gebracht, als eine Stimme nach ihm rief.

„Yuri warte!“ Wie angewurzelt blieb er stehen. „Warum lässt du mich zurück?“ Diese Stimme war Yuri so vertraut und doch jagte es ihm einen eisigen Schauer über den Rücken sie an diesem Ort zu hören. Unsicher drehte er sich um, ehe das Blut in seinen Adern gefror. Mit Schrecken stellte er fest, dass sich der Leichnam aufgesetzt hatte und ihn mit vorwurfsvollem Blick ansah.

„Nein, das kann nicht sein, du bist tot! Das ist alles nicht real!“
„Vielleicht. Mein Tod ist aber real. Flieh ruhig vor deiner Verantwortung, doch Frieden wirst du niemals finden!“

„Ich lasse dich nicht zurück. Bitte, es tut mir leid!“ Mit flehenden Händen trat Yuri näher, doch konnte er keine Gnade in den toten Augen seines Bruders erkennen.

„Du hast mich getötet. Deinen eigenen Bruder. Warum warst du nur so voller Zorn?“

„Ich weiß es nicht!“, klagte Yuri schuldbewusst und verbarg sein Gesicht. „Bitte, hasse mich nicht!“ Stille kehrte ein und er wagte es kaum seine geschlossenen Augen zu öffnen. Vorsichtig blickte er zwischen den Fingern hindurch. Dort lag der Leichnam seines Bruders wieder so reglos wie zuvor.

„Es wird Zeit es zu beenden!“, murmelte Yuri voller Scham und packte den Leichnam an den Füßen. „Ich hoffe, du kannst mir eines Tages verzeihen.“ Er zog seinen Bruder in das tiefe Loch. Ein dumpfer Schlag erklang und der Körper traf auf dem Boden auf.

„Ist das alles?“, meldete sich wieder das scharfe Wispern in seinem Kopf. „So willst du deine Sünde wieder gut machen? Eine kurze Ansprache und danach überlässt du deinen Bruder den Aasfressern im Erdreich?“ Ein Tiefes Schluchzen ergriff Yuris Körper, bevor er sich schlagartig aufbäumte.

„Nein. Das wird meine letzte Sünde sein. Ich muss eine Schuld zurückzahlen! Dieses Loch war nie für nur einen Menschen gedacht!“ Mit ruhiger Bewegung zog Yuri einen alten Revolver aus der Jacke und steckte sich das metallene Ende in den Mund.

„Verzeih mir Bruder!“

Ein Schuss erklang im dunklen Wald. Vögel flogen aufgeschreckt durch die Luft und ein erschlaffter Körper fiel in sein selbstgeschaufeltes Grab.

Stille kehrte ein und jegliches Wispern war verklungen.