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Purple Haze – Teil 3


Am Freitagabend betrat ich die Empfangshalle des Radisson Blu um 20:30 Uhr. Ich kannte die Location gut, da ich hier schon unter anderem einige gute Deals abgeschlossen hatte. Die Haupthalle erinnert irgendwie an einen der alten Hinterhöfe in Prenzlauer Berg, nur eben mit Überdachung. Die Zimmer des Hotels haben Fenster mit Blickrichtung zur Halle, sodass wenn man Gast ist, jederzeit die Möglichkeit hat nahezu unbemerkt einen Blick in die Halle zu werfen. Wie oft ich Sex mit offenen Gardinen und an die Fenster angelehnten Mädchen hatte, während ich das Treiben im Hotel beobachtete. Herrlich. Und das riesige Aquarium über der hochpreisigen Bar hatte noch immer eine faszinierende Wirkung auf mich.

Ich bestellte einen Gin Tonic, hielt nach Unregelmäßigkeiten Ausschau und ging auf die Toilette. Nachdem ich eine Kabine betreten und die Tür verschlossen hatte, schloss ich den Klodeckel. Ich wischte ihn mit Klopapier ab und legte mir eine halbe Zentimeter breite und gute fünfzehn Zentimeter lange Bahn Koks darauf. Letzte Woche habe ich davon ein Kilo in reinster Form bekommen, mit Hilfe von Lidocain eins Komma drei Kilo daraus gemacht und es in fünfzig bis einhundert Gramm Portionen weiter gegeben. Davor habe ich mir zwanzig Gramm für den Eigenbedarf abgemacht, von denen ich mir nun einen Teil durch die Nase jagte.

Die eine Hälfte der Line zog ich ins linke Nasenloch. Ich hustete. Was würdest Du wohl an meiner Stelle tun, Pablo? Ihn töten? Und was ist mit dem Geld? Erst das Geld nehmen und ihn dann für die Respektlosigkeit töten? Scheiße Pablo, wir sind hier in Deutschland. So eine Nummer würde viel zu viel Aufmerksamkeit erregen. Ausserdem sind es doch nur zweihunderttausend. Ich spürte, dass ich Pablo Escobar zu schwach war. Ich zog den Rest der Line ins rechte Nasenloch und verließ den Toilettenbereich.

Zurück im Gastrobereich des Hotels sah ich Mustafa an einem der Tische sitzen. Auf dem Weg zu ihm, gab ich dem Barkeeper mit einem Blick zu verstehen, mir meinen Drink an den Platz zu bringen. Ich begrüßte Mustafa mit einem Handschlag. Der dumme Wichser machte sich nicht die Mühe aufzustehen, stattdessen grinste er mich frech an. „Na, wie läufts?“, fragte er. „Ich bekomme zweihunertvierzigtausend Euro von Dir. Morgen, um 20 Uhr, an diesem Tisch“, war meine Antwort. „Glaubst Du?“, fragte er. „Dass ich das Geld bekomme,“, entgegnete ich ihm, „weiß ich jetzt schon. Wenn ich mir Dich allerdings so so anschaue, wird Dein Ego das, was innerhalb der nächsten acht Minuten passiert vermutlich nur schwerlich verkraften können. Der Gesichtsverlust, den Du erleiden wirst, wird es Dir schwer machen, mir noch einmal unter die Augen zu treten. Ich glaube, Du wirst jemanden schicken, um mir mein Geld zu bringen. Vielleicht Jenny?“. Für einen Moment entglitten Mustafa sämtliche Gesichtszüge. Doch er hatte sich schnell wieder gefangen. „Ja, ich denke Du wirst Jenny schicken. Wen sonst? Deinen Freunden wirst Du von dieser Nummer sicherlich nichts erzählen.“. Mustafa wirkte etwas verunsichert, überlegte einen Moment und entgegnete dann: „Woher kennst Du Jenny? Was hat sie Dir erzählt?“. Ich schwieg. „Bisher habe ich nur Dein Geld genommen. Aber wenn Du dummer Wichser mir noch einmal drohst, mach ich Dich dich kalt. Jetzt und hier.“. Er zog zur Drohgebärde den Daumen seiner linken Hand von der rechten Seite seines Halses zur linken. Ich nahm einen großen Schluck Gin-Tonic. „Ich habe Dir nicht gedroht.“, sagte ich, nachdem ich das Glas präzise in der Mitte des Bierdeckels platzierte. „Ich habe Dir lediglich gesagt, wie es laufen wird. Es sei denn…“, Mustafa unterbrach mich. „Es sei denn was, Du dummer Spast?“. Ich beobachtete ihn aufmerksam, während er eine Serviette von dem auf dem Tisch liegenden Stapel nahm und sie so unter die Tischkante führte, dass ich nicht sehen konnte, was er dort mit ihr tat. Er griff in seine rechte Hosentasche und packte das dort hervorgeholte anscheinend in die Serviette. Er legte die gefaltete Serviette vor sich auf den Tisch, sah mir zornig in die Augen und schob sie zu mir. „Guck da rein und sag mir noch einmal wie es laufen wird, Du dreckiger Bastard.“. Ich nahm sie, hielt sie unter die Tischkante und schaute hinein.

Nachdem ich sie geöffnet und einen Blick hineingeworfen hatte, schloss ich sie und legte sie wieder vor mir auf den Tisch. Ich sah ihn lange und eindringlich an und nickte.

„Hast Du jetzt verstanden, was ich mit Dir machen werde?“, fragte er mich. „Hmmh… . Ich habe verstanden, was Du mir sagen möchtest.“, antwortete ich und schaute zum Aquarium über der Bar. Nach einer kleinen Pause fragte ich ihn: „Machst Du das eigentlich öfter? Mit anderen Menschen eine Geschäfts- oder Vertrauensbeziehung aufbauen, um sie dann zu verarschen?“. Er grinste dreist. „Den einen oder anderen Euro habe ich so schon gemacht.“, prahlte er. „Also was ist jetzt?“, wollte er wissen, „Denkst Du immer noch, dass Du mein Geld in zwei Tagen bekommst?“. „Sein Geld.“, ging es mir durch den Kopf, „Was für ein arrogantes Arschloch. Glaubt der Typ ernsthaft, dass ich mich von einer in Papier eingewickelten neun Millimeter Patrone davon abhalten lasse, mir mein Geld zurück zu holen?“. „Ja, das denke ich.“, sagte ich, „Es sei denn, Du möchtest, dass es knallt und mindestens Du einen lebenseingreifenden Schaden von diesem Abend tragen wirst.“.

Ich nahm eine weitere Serviette vom Stapel, betrachtete sie und seufzte. „Bist Du behindert Du Opfer?“, fragte Mustafa und ich schaute zu ihm, „Weißt Du nicht, was das bedeutet? In weniger als zehn Minuten ist diese Tischplatte mit Deinem Hirn bedeckt.“. Ich nahm die Serviette unter den Tisch und breitete sie auf meinem Schoß aus. Danach griff ich in meine linke Jackenaußentasche. Meine Hand war voll mit Patronen unterschiedlicher Größe. Während ich die Munition in die Serviette fallen ließ, entstand ein Geräusch das undefinierbar, unüberhörbar und dennoch für Eingeweihte alles sagend war. Ich sah aus dem Augenwinkel, wie sich Mustafas Mimik veränderte. Die Serviette hatte ich zu einem Säckchen gebastelt, es so weit wie möglich zugedreht, vor mir auf den Tisch gelegt und es anschließend zu Mustafa herüber geschoben. Ich beobachtete ihn aufmerksam, wie er das Säckchen unter dem Tisch öffnete, als ich den letzten Schluck Gin-Tonic trank. Er war sichtlich überrascht. Die neun Millimeter Patrone, die er mir herüber geschoben hatte, sollte signalisieren, dass entweder er selber oder einer seiner vor dem Hotel wartenden Leute eine Handfeuerwaffe oder, was unwahrscheinlicher war, eine Maschinenpistole dabei hatte. Auch wenn solch eine Situation nicht zum Tagesgeschäft gehörte, wusste ich dennoch mich und mein Geld zu schützen.

Als er mein Säckchen öffnete, fand er dort neben einer neun Millimeter Patrone, eine Magnumpatrone, eine Mittelpatrone vom Typ sieben zweiundsechzig und eine vom Typ sieben neununddreißig, daneben eine Patrone vom Typ dreißig dreißig Winchester. Die Anzahl der verschiedenen Patronen ließ ihn darauf schließen, wenn er noch klar denken konnte, dass mindestens fünf bewaffnete Männer alle Ein- und Ausgänge, inklusive der Tiefgerage bewachten. Unabhängig davon welche Waffen sie nun tatsächlich trugen, war ihm sicherlich klar, dass er am Arsch war. Er setzte auf eine Pistole, ich auf eine kleine Armee. Die von mir angeheuerten osteuropäischen Söldner waren ehemalige Militärs und Paramilitärs, die in verschiedenen Kriegen dieser Welt schlimme Dinge gesehen, oder aus Liebe zu ihrem Beruf noch schlimmere Dinge getan hatten.

Der Barkeeper, der nun auch als Kellner auftrat, kam an unseren Tisch und fragte, ob es noch etwas sein dürfe. Ich winkte ab: „Wir sind fertig. Die Rechnung bitte.“. Zu Mustafa gewandt fragte ich: „Weißt Du, was das bedeutet?“. Er nickte mit gesenktem Blick. „Also morgen um zwanzig Uhr dreißig an diesem Tisch. Zweihundervierzigtausend Euro. Jenny soll meine Tasche aus Krokodilleder mitbringen.“, sagte ich. Er schaute noch immer auf den Boden. „Ach ja, damit Du nicht auf die Idee kommst zu flüchten.“, ich holte aus der Brusttasche meines Hemdes einen Zettel und schob ihn zu ihm herüber. Er öffnete ihn, schaute rein und ich meine Tränen in seinen Augen gesehen zu haben. Auf dem Zettel stand der Name seines Vaters, dazu die Adresse seines Obstgeschäftes in Kreuzberg. Wie sich heraus stellte, sollte Marco doch nützlicher sein, als ich dachte. Denn während ich ihn vorgestern anschrie, bevor ich auflegte, wollte er mir sagen, dass als er Mustafa verfolgte die beiden an jenem besagten Obstladen hielten und Mustafa sich ungewöhnlich innig mit dem Verkäufer zu verstehen schien. Nachdem er Mustafa verloren hatte, fuhr Marco zurück zum Obstladen und unterhielt sich mit dem Verkäufer. Dieser erzählte voller Stolz von seinem Sohn und seiner Freundin und dass dieser wohl einmal sein Geschäft und die über dem Laden befindliche Wohnung übernehmen werde. Dieser Marco. Ich kannte ihn schon so lange, aber hätte ihm niemals zugetraut, solche Informationen aus Leuten zu bekommen.

Die Übergabe meiner Tasche voll Geld mit Jenny am Folgetag war reine Formsache. Kurz danach bezahlte ich die Söldner, am Folgetag wie vereinbart meine Partner und machte am Ende der Woche noch zehn Scheine Plus. Wenigstens etwas.

Schwimmbadgeflüster – Eine Trilogie hinter den Kulissen

Der Bademeister

Autorin: Katja Frühauf

Er beobachtet die Leute ganz genau. Wieder einmal öffentliches Schwimmen am Morgen. Eigentlich ein entspannter Job. Er macht ihn gern, vor allem, weil er so zu seinem Studium etwas dazu verdient. Und er liebt den Geruch des Chlors in der Nase und beobachtet so gern die Menschen, die sich schon in den frühen Morgenstunden im Becken tummeln. Morgens liegt eine erwartungsvolle Stille über der Halle, wenn der neue Tag sich Stück für Stück aus der Dämmerung schält und mit jeder Bahn mehr anbricht.
Die meisten Besucher sind Geschäftsleute, die nach der belebenden Trainingseinheit frisch geduscht mit Aktentasche unterm Arm ins Büro eilen. Umso mehr fallen Schwimmer auf, die vermeintlich aus diesem Raster fallen.

Er gähnt. Nach dem Dienst nochmal hinlegen und dann nachmittags auf zur Uni. Ja, das ist ein guter Plan.
Er beobachtet die elegante Schwimmerin auf der schnellen Bahn. Für diese frühe Uhrzeit ist sie erstaunlich motiviert und ihre Arme pflügen unermüdlich durch das Chlorwasser, das ebenso träge erscheint wie die anderen Schwimmhallenbesucher. Sie trägt einen dunkelblauen Anzug, die Seiten sind mit einem Wellenmuster in Orange und Fuchsia verziert. Der Ehrgeiz in ihrem angespannten Gesicht erinnert ihn daran, dass auch er langsam wieder anfangen sollte, für die bevorstehenden Klausuren zu lernen. Und das mit sehr viel Ehrgeiz.
Voller Bewunderung beobachtet er sie, die Wasserlage und das Muskelspiel ihrer grazilen Armschläge. Er kann sich nicht satt sehen daran. Jetzt schnallt sie sich Paddles an die Hände, um noch schneller zu schwimmen und die Kraftübertragung zu maximieren. Er leckt sich über die Lippen. Was für ein Schauspiel! Von ihrer Technik können sich viele etwas abgucken.

Es ist ihm unmöglich, den Blick von ihr abzuwenden. Er verfolgt jeden Teil ihrer Trainingseinheit und zählt die Bahnen. Über die anderen Besucher lässt er nur grob den Blick schweifen um sicherzugehen, dass niemand seine Hilfe braucht, bevor er sich wieder der Schwimmerin zuwendet.

Und da! Auf einmal stockt ihre Bewegung und sie dreht sich mitten auf der Bahn auf den Rücken und umklammert ihr Bein, um den Krampf zu lösen. Scheinbar gelingt ihr dies jedoch nicht, denn mittlerweile windet sie sich mit schmerzverzerrtem Gesicht, unbemerkt von den anderen, die weiterhin sorglos auf den anderen Bahnen schwimmen. Das ist seine Gelegenheit!
In Windeseile springt er aus seinem Plastikstuhl und hechtet kopfüber ins Becken, den Blick auf das Mädchen gerichtet. Adrenalin flutet seinen Körper. Endlich etwas Abwechslung und noch dazu so eine schöne!
Er taucht unter der Absperrung hindurch und umgreift ihren straffen Körper. Seine Arme legt er um ihre Schultern und in die Kniekehle, als sich ihr Griff um seinen Hals schlingt. Behutsam bringt er sie im Schleppgriff zum nächsten Beckenrand und zieht sie geübt aus dem Wasser.

Sie hustet.
„Alles gut?“, erkundigt er sich. Sie nickt, die Zähne noch immer fest zusammengepresst.
„Ich bring dich mal in den Saniraum.“
Endlich kann er sie in Ruhe aus der Nähe betrachten. Ihre langen braunen Haare, die sie zu einem straffen Zopf gebunden hat, die muskulösen Arme und der trainierte Oberkörper. Er schätzt sie auf Mitte Zwanzig.

„Krampf?“, beäugt er sie, nachdem er sie auf die Liege platziert und fürsorglich ein Handtuch um den zitternden Körper gelegt hatte. Sie nickt.
„Welches Bein? Links oder rechts?“ Sie hebt das betroffene Bein vorsichtig an. Er nimmt es behutsam in die Hände und streckt und beugt es. Anfangs zieht sie kurz die Luft an, später beobachtet er, wie sich ihre Züge entspannen. Er fasst Mut.

Mit kreisenden Bewegungen massiert er ihre Waden. Genüsslich verzieht sie das Gesicht zu einem leichten Grinsen, während seine Hände immer höher streichen und begierig ihre Muskeln erforschen. Dass er noch immer seine nasse Kleidung trägt, hat er ausgeblendet. Nur in seinem Schritt ist es verdächtig warm und fest. Er muss aufhören! Seine Fantasie geht ihm schon wieder durch. Kein Wunder, mit einem solch hübschen Mädchen allein im Saniraum. Das war schon immer Teil seiner Fantasien, wenn er wieder mal alleine aus der Studentenkneipe ins Wohnheim kam.

Er schaut sie entschuldigend an. Sie entgegnet seinem Blick mit dunklen Augen und verzieht den Mund zu einem verführerischen Lächeln.
„Warum hörst du auf?“
Er schaut sie verunsichert an: „Ich dachte… ich sollte nicht…“
„Ach komm schon. Ich weiß, dass du es auch willst.“, schneidet sie ihm forsch das Wort ab. Wie er sie will!

Er greift behutsam zu dem anderen Bein und beginnt es erst behutsam zu streicheln, dann immer stürmischer zu massieren. Das Handtuch schiebt er immer weiter weg, um ihren atemberaubenden Körper besser beobachten zu können. Sie reagiert mit schnellerem Atem auf seine Liebkosungen. Ihre Brustwarzen stellen sich auf, sodass er sie durch den eng anliegenden Badeanzug erkennen kann.
Mit einem Mal zieht sie seinen Kopf zu ihrem und übersäht seinen Mund mit stürmischen Küssen. Ihre Lippen sind kalt und doch weich. Kurz überrascht, fasst er sich schnell wieder und erwidert begierig, indem seine Zunge auf Erkundung durch ihren Mund geht. Seine Hände kreisen über ihre Hüften. Mit geschmeidigen Bewegungen drängt sie sich an seinen Körper. Verdammt, wie heiß sie ihn macht!
Nun kann er die Erektion nicht mehr verstecken und drückt sich auf ihren Körper. Er streift die Träger ihres Schwimmanzugs von den Schultern, um endlich ihre prallen, kleinen Brüste berühren zu können. Er drückt sie fest und zwirbelt ihre Nippel zwischen seinen Fingern. Ihr heißer Atem in seinem Ohr befeuert ihn und turnt ihn weiter an.

Seine Hand wühlt unter der nassen Schicht ihres Anzugs und findet schließlich, was sie gesucht hat. Sie will es auch. Oh ja, zwischen ihren Beinen fühlt er ihre heiße Begierde. Er greift stark danach und seine Finger klammern sich um ihre Mitte. Sie beißt auf seine Lippe. Er stockt.
„Mach weiter!“, feuert sie ihn an. Nun gibt es kein Halten mehr. Mit einer Hand entledigt er sich seiner nassen Hosen und präsentiert ihr sein bestes Stück in voller Größe. Mit gekonntem Griff langt er nach einem Kondom im Sanikasten, welches er sich schnell überzieht. Gut, dass seine Kollegen an alle Zwischenfälle gedacht und vorgesorgt haben. Ihre Hände umklammern seine Pobacken, während seine erneut um ihre feuchte Mitte kreist.
Sie ist soweit. Schiebt ihn auf sich und er dringt in sie ein. Es fühlt sich wunderbar weich an. Ihre Muskeln traktieren sein Teil von allen Seiten, sodass er wohlig aufstöhnt.
„Wusste ich es doch, dass es dir gefällt.“, stellt sie grinsend fest, während sie ihn mit ihren Oberschenkeln umschlingt. Oh ja, er will sie. Hart und schnell. Genau hier. Zufrieden grunzt er, als sie ihn fester packt.
Er erhöht das Tempo seiner Stöße, angefeuert von ihren Händen, die auf seine Backen klatschen. Ihr muskulöser Körper war nun überall spürbar und der Duft des Chlors rann aus jeder Pore.
Als er sich dem Höhepunkt nähert, verlangsamt er das Tempo und seine Stöße werden flacher. Verwirrt schaut sie ihn an.
„Was ist los?“, fragt sie nun.
Grinsend holte er erneut aus und stieß kräftig in sie hinein. Überrascht öffnete sie ihre Augen. Er kam bald kurz und intensiv. Sie einige Sekunden nach ihm. Er musst kurz mit der Hand nachhelfen, als sie mit einem tiefen Seufzer „oh ja, genau so“ ihren Höhepunkt erreicht.

Kurz danach zieht sie sich ihren Anzug wieder über. Er trocknet sich inzwischen ab und schlingt das Handtuch um seine Hüften.
Sie geht zur Tür und schickt sich an, diese zu öffnen.
„Also dann. Bis bald, Herr Bademeister.“, zwinkert sie ihm zu.
„Bis bald.“, antwortet er, als sie durch die Halle zu den Duschen läuft. Noch einmal beobachtet er sie von hinten. Was für ein Wahnsinnskörper!
Ein Lächeln schleicht sich auf seine Lippen. Nach der Schicht wird er sich nicht mehr hinlegen, sondern sich tatsächlich motiviert an seine Skripte setzen. Und den Duft ihrer Haut noch eine Weile in der Nase behalten…

Purple Haze – Teil 2

1

Rakim und Johnson waren um sieben Uhr abends bei Marco. Fati kam eine halbe Stunde später. Ich schickte Marco mit drei Hundertern und ausgefüllten Wettscheinen zu Tipico am Kottbusser Tor. Er musste bei dem Gespräch nicht dabei sein. Außerdem half mir Wetten schon immer gegen den Stress, den der Job mit sich brachte.

Ich erklärte meinen Kollegen, dass wir allem Anschein nach übers Ohr gehauen wurden. Sie gaben mir zu verstehen, dass nicht wir es waren, sondern ich. Nach einigen Einwänden meinerseits waren sich die anderen einig, dass ich für den entstandenen Schaden aufzukommen hätte. Im Grunde war ich mir dessen bewusst, versuchte dennoch Einspruch zu erheben.

Es war nicht so, dass ich nicht innerhalb von ein paar Stunden und nach zwei, drei Telefonaten das zehnfache des zur Rede stehenden Geldes auf den Tisch hätte packen können. Damals wie heute geht es hierbei ums Prinzip. Ich lass mich doch nicht abziehen. Wie steh ich denn dann da? Wie eine Witzfigur! Und für einen Mann in meiner Position ist es nicht gerade geschäftsfördernd, wie eine Witzfigur dazustehen. Im Gegenteil. Meine Partner wären natürlich dankbar darüber gewesen, dass ich die Kohle wieder so schnell beschafft hätte, die Art und Weise würde sie allerdings an meiner Stärke zweifeln lassen. Das hätte natürlich niemand so gesagt. Aber es wäre so gewesen.

Ich sagte Ihnen, dass ich mich bei Ihnen melden würde, sobald die Sache geklärt ist. Das wurde abgelehnt. Es war nicht so, dass die Männer auf die Gewinne akut angewiesen waren. Sie hatten ihre Schäfchen, genau wie ich, im Trocknen. Allerdings hatten auch sie ihrerseits Verabredungen getroffen, um das Weed unter die Leute zu bringen. Das Nichterscheinen von Mustafa verursachte, dass einige Pusher Berlins, trotzdem sie ziemlich nervös und angepisst waren, auf dem Trocknen saßen. Diese hatten fest mit der Lieferung gerechnet und meine Partner mussten sich nun schnellstmöglich um Alternativen bemühen.

Das Gramm Haze wird auf den Straßen Berlins für zehn Euro und mehr gehandelt. Und die meisten Mitarbeiter auf den unteren Rängen waren sehr wohl auf die Gewinne angewiesen. Sei es, um ihre Frauen glücklich zu machen, ihre Süchte zu finanzieren oder für sonstigen Schnickschnack. Dementsprechend klingelten die Zweit- und Dritthandys aller Anwesenden ununterbrochen. Nach zig Gesprächsunterbrechungen a la: „Einen Moment mal kurz…. Ja? Hey, alles gut bei Dir? Ja, ich habe gerade Tom getroffen. Er meinte Moni kommt heure wahrscheinlich nicht, aber sie sagt noch mal Bescheid. Yo, ich melde mich. Bis dann, ciao.“, wurde einstimmig entschieden, die Handy erst einmal lautlos zu stellen. Das Ergebnis der folgenden Unterhaltung war, dass ich eine Frist von fünf Tagen bekam. Sonntag um zwanzig Uhr hatte das Geld da zu sein.

Ich versuchte nach dem Treffen mit den Männern noch einige male erfolglos Mustafa zu erreichen. Ich gab Marco den Auftrag den Eingang von Mustafas Haus zu beobachten und sich umgehend bei mir zu melden, sollte er das Haus verlassen oder betreten.

Gegen Mitternacht begab um ich mich ins kreuzberger Nachtleben um Zerstreuung zu finden. Ich wollte die Folgen nicht bedenken, die es hätte, sollte Mustafa sich nicht melden. Mein schöner Ruf… .

2

Ich hatte Kopfschmerzen. Also lebte ich noch. Ich öffnete schwerfällig meine Augen. Es war ziemlich dunkel, aber durch den vorhandenen, aber geringen Lichteinfall sah ich, dass ich Zuhause war. Meine mehr als teuren Jalousien erfüllten ihren Zweck mehr als gut. Draußen war es mittlerweile hell. Der Versuch mich auf die andere Seite des Doppelbettes zu bewegen, um mein Handy zu finden, wurde durch etwas im Weg liegendes gestoppt. Ich fiel zurück. Ach ja… .
Sie war ja auch noch da. Die Zeugin meiner erfolgreichen Zerstreuung. Ich hatte sie gestern in irgendeiner Bar aufgegabelt. Hübsch. Überdreht und dem Kokain nicht abgeneigt. Es war lustig gestern. Aber heute ist heute und ich hatte noch etwas zu erledigen. Ich stieg vorsichtig und leise über den Fußbereich aus dem Bett und fand mein Handy in meiner Hosentasche. Es war mittlerweile nach vierzehn Uhr und es zeigte mir 19 Anrufe in Abwesenheit. Die meisten konnte ich ignorieren. Keiner ließ auf Mustafa schließen. Marco allerdings hatte versucht mich fünf mal anzurufen. Zusätzlich hatte er eine SMS geschickt: „Hey, ich hab was. Ruf zurück.“. Bevor ich ihn anrief, versuchte ich es noch einmal bei Mustafa: „Der Teilnehmer ist zur Zeit nicht zu erreichen. Bitte versuchen sie es zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal.“.

Ich rief Marco an. Er erzählte mir, dass Mustafa heute morgen sein Haus im Beisein einer Frau betreten und es kurz darauf wieder mit ihr verlassen hatte. Vor Wut rasend fragte ich ihn, warum er mich nicht angerufen hatte. „Aber Dicker, dass habe ich doch.“, sagte er. Und Scheiße! Er hatte Recht. Er hatte die beiden auf seinem Roller verfolgt, doch sie irgendwann verloren. Unfähiger Penner. Ich beleidigte ihn wüst und legte auf, als er etwas erwiderte. Trotz oder gerade wegen der hervorragenden Qualität meines Kokses habe ich geschlafen wie ein Stein. Fuck.

Ich traf mich mit einem befreundeten Dealer, der es ähnlich weit gebracht hatte wie ich und erzählte ihm von meiner Situation. Mit Jerome hatte ich quasie angefangen die ersten Deals zu machen und er war einer von den wenigen alten Bekannten, die nicht mehr von ihrem Stoff genommen hatten als sie verkauften. Langsam spielte ich mit dem Gedanken meine Partner zu bezahlen. Ich hätte es nicht gerne getan, aber hätte alles nichts geholfen, hätte ich in den sauren Apfel beißen müssen. Während Jerome mir erklärte, was er an meiner Stelle tun würde, klingelte eines meiner Prepaid Handys. Mustafa.

„Hallo.“, sagte ich. Stille. „Du hast versucht mich azurufen. Was willst Du?“, waren seine Worte. „Wir waren gestern bei Marco verabredet.“, sagte ich, „Weißt Du noch?“. „Die Sache hat sich erledigt. Ich habe kein Interesse mehr.“, entgegnete er mir. „Ok… ok… . Das Ding ist nur Mustafa, Du hast etwas, das mir gehört. Und ich will es zurück. Mit Zinsen.“. Mustafa fing an zu lachen. „Was ist so lustig?“, wollte ich wissen. „Ich frage mich, was ein Knilch wie Du gegen jemanden wir mich ausrichten will.“. Zu kurz gedacht, ging es mir durch den Kopf. Auf rein körperlicher Ebene und mit bloßen Händen, wäre er mir wahrscheinlich überlegen gewesen. Immerhin ist er zwei Köpfe größer und wiegt gute 40 Kilo mehr als ich. Auch wenn die schon lange keine sportliche Betätigung mehr gesehen hatten. Mustafa hatte allen Grund anzunehmen, dass er mir in einer körperlichen Auseinandersetzung überlegen gewesen wäre. Wenn er allerdings gewusst hätte, dass ich mich schon seit meiner Kindheit durch die Straßen Berlins geprügelt habe, nur um Geld zu beschaffen oder um es zu verteidigen, ungeachtet dessen wie groß meine Gegner waren, dann hätte er mein müdes Lächeln verstanden, welches er nicht sehen konnte. Diverse Narben zierten meinen Körper und wurden stumme Zeugen all der Kämpfe, die durch Stiche beendet wurden. „Ich will nichts gegen Dich ausrichten. Ich will nur, was mir gehört. Ich wäre Dir dankbar, wenn wir das in Ruhe besprechen können.“, sagte ich. „In Ruhe besprechen…“, erwiderte er lachend, „Du bist mir vielleicht ein Witzbold. Nun gut. Damit ich meine Ruhe vor Dir habe: Lass uns das in Ruhe besprechen. Aber denke nicht, dass ich Dir entgegen kommen werde.“. „Alles klar.“, sagte ich, „Wir treffen uns übermorgen, also am Freitag um 21 Uhr im Barbereich des Radisson Blu im Dom Aquarée am Alex.“. „Alles klar Kleiner. Dann bis Freitag.“, war seine Antwort.

Wir beendeten das Telefonat. Dieser Wichser. Was dachte er sich dabei, so mit mir zu reden. Ich erzählte Jerome, dass Mustafa sich auf ein Treffen einließ. Der Grund meines Besuches bei Jerome hatte sich erledigt. Nun wusste ich, was zu tun war. Ich verabschiedete mich eilig und machte mich auf den Weg. Es waren Vorbereitungen zu treffen.

 

Fortsetzung folgt.

Ein Stein kam ins Rollen – Kapitel 6

Blicke aus einem Haus, das es nicht mehr gibt

Autor: Elise W. Schiftan

Dort, wo Sonntagstraße, Simplonstraße und Lenbachstraße ein Dreieck bilden, wo heute eine Grünfläche mit Bänken zum Ausruhen einlädt und wo ein Spielplatz die Kinder vom Fahrdamm weg lockt, unmittelbar am Bahnhof Ostkreuz, stand das Haus allein inmitten von Trümmern. An seinen Seiten türmten sich Berge von Schutt bis zum ersten Stockwerk empor. Zu dem Haus gehörten außerdem ein Seitenflügel, ein Quergebäude und ein kleiner Hof. Familien mit und ohne Kinder, Ältere und Jüngere und auch Alleinstehende wohnten darin. Seine Adresse: Lenbachstraße 13.

Im Dezember 1949 zogen wir, mein Mann und ich mit zwei kleinen Kindern (4 Jahre und 10 Monate alt) in dieses Haus ein. Wir kamen aus einer bombengeschädigten Wohnung, die wir mit zwei älteren ausgebombten Leuten teilten. Brandbomben hatten das Dach so beschädigt, dass wir bei Regenwetter Eimer und Wannen aufstellen mussten, in die es dann nervend hineintropfte. In solchen Fällen mussten wir mit den Kindern in der Küche schlafen.

Nun also hatten wir endlich eine trockene Wohnung. Und ein Bad! Noch am Umzugstage wurde der Ofen geheizt und genüsslich gebadet. Diese angenehmen Seiten überwogen anfangs, obwohl wir ahnten, dass das frei stehende Haus noch manche Unannehmlichkeiten offenbaren würde. Die kamen mit dem Winter schneller als uns lieb war. Durch die unverputzten, porösen Fugen drang die Kälte. Dass wir über dem Keller wohnten, machte die Situation noch unangenehmer. Was haben wir in dieser Wohnung gefroren! Anfangs gab der an der Außenwand liegende Trümmerberg noch geringfügigen Schutz. Doch nachdem er weggeräumt worden war, was uns zwar freute, war das Haus schutzlos dem Wetter preis gegeben. Einmal hatten spielende Kinder von außen mit einem Draht an den bröckelnden Fugen gekratzt und kamen damit plötzlich bis in unser Wohnzimmer durch. Unsere Kinder waren oft erkältet, worüber sich die Kinderärztin, nachdem sie unsere Wohnung kennengelernt hatte, nicht mehr wunderte. Das Haus war in einem traurigen Zustand. Man konnte es nur als Übergangsstadium betrachten. Es sollte noch sieben Jahre dauern, bis wir in eine bessere Wohnung ziehen konnten.

Trotz dieser Mängel lebte es sich in der Lenbachstraße nicht schlecht. Zahlreiche kleine Geschäfte im näheren Umkreis, vor allem Konsum, Fleischer, Gemüseladen und ein Kohlenhändler, ermöglichten einen bequemen Einkauf. An der Ecke Boxhagener Straße befand sich der Spielzeugladen von Herrn Unglaube, der ebenfalls in der Lenbachstraße 13 wohnte. An seinem Schaufenster drückten sich unsere Kinder oft die Nasen platt. Bei ihm kauften wir dann zu einem Weihnachtsfest die Spielzeugeisenbahn – welche Freude für Klein und Groß!

Verkehrsmäßig befanden wir uns durch die unmittelbare Nähe des S-Bahnhofes Ostkreuz in sehr guter Lage. Von hier aus fuhren wir täglich zur Arbeit. So weit ich mich erinnere, konnten wir uns auf die S-Bahn immer verlassen. Das war auch an den Wochenenden so, wenn die ganze Familie ins Grüne fuhr. Gewiss, Kinderwagen (in den ersten Jahren) und Gepäck mussten treppauf und treppab geschleppt werden. Doch wir waren jung und kannten es nicht anders. Unbequemlichkeiten dieser Art nahmen wir gelassen in Kauf, lockten doch der Zeltplatz, die freie Natur und für die Kinder das ungezwungene, ausgelassene Spiel an frischer Luft. Die S-Bahn brachte uns, wenn auch oftmals total überfüllt, sicher wieder nach Haus, fast bis vor die Tür.

Sehr vorteilhaft war die in wenigen Minuten zu erreichende Max-Kreuziger-Schule, die unsere Kinder besuchten, ohne gefährliche Fahrdämme überqueren zu müssen.

Nachmittags waren sie im Schulhort gut aufgehoben. An der Schule betätigte ich mich im Elternbeirat. An so mancher Klassenfahrt konnte ich die Lehrerin begleiten und die kleinen und größeren Erlebnisse mit den Kindern teilen. Jahre später durfte ich als angehende Lehrerin an dieser Schule meine ersten unvergesslichen pädagogischen Schritte machen. Mein Direktor, meine sehr erfahrene Mentorin sowie Kolleginnen und Kollegen halfen mir, den Wechsel in meiner beruflichen Entwicklung zu meistern. Aber da wohnten wir schon nicht mehr in der Lenbachstraße.

Dass nach der Beseitigung des Schuttes auf dem abgeräumten Trümmergelände eine Grünfläche mit einem Ballplatz entstand, ist auf die Initiative der Mieter zurück zu fuhren. Schließlich wurde auf ihr Drängen mit Unterstützung des Bezirksamtes erreicht, dass die Giebel verputzt wurden. Später, nach dem Abriss des Hauses (wir waren bereits ausgezogen), wurde die Grünfläche erweitert und zu dem Ballplatz auch ein Spielplatz angelegt.

Sieben Jahre hatten wir hier gewohnt. Erinnerungen, Erinnerungen… 1956 endlich konnten wir in eine sonnige, warme Wohnung mit Balkon zum Süden ziehen.

Seitdem hat sich viel verändert. Die kleinen Läden existieren nicht mehr. Die Max-Kreuziger-Schule mit ihrer schönen Aula, in der einer unserer Söhne seine Jugendweihe erhalten hatte, ist geschlossen. Neben neuen Gebäuden und renovierten, mit frischer Farbe versehenen Häusern, die Ausblick auf ein lebenswerteres Wohnen gewähren, sieht man viel Leerstand und hässliche Schmutzecken. Insgesamt macht das Umfeld um den Bahnhof Ostkreuz auf mich einen vernachlässigten Eindruck.

Bis heute wohnen wir in seiner näheren Umgebung. Wenn auch nicht mehr täglich, so fuhren uns unsere Wege immer wieder zum Bahnhof, dessen anstrengende Umsteigerei wir längst nicht mehr so gelassen hinnehmen wie in jungen Jahren. Seinen Umbau sowie eine freundliche Gestaltung des Wohngebietes würden wir gerne noch erleben.

Ein Stein kam ins Rollen – Kapitel 5

Berlin – Mein Lebensort

Autor: Elise W. Schiftan

Morgensonne Verheißungsvoller Tag
Steh auf Beginne!
Nicht gezaudert, frisch gesungen
Vorwärts!

Wohnsilos, in denen Menschen anonym leben – stillgelegte Fabriken, deren Schlote einst giftige Gase in die Luft bliesen und in denen tausende Menschen Lohn und Brot fanden, heute zur Industriebrache verkommen – Berlin. Luxuriöse Villenviertel – Licht durchflutete Siedlungen – Berlin. Alte Kirchen, manche von niedrigen Häusern umgeben, mit einem kleinen Kirchhof dabei, mitunter auch einem Dorfteich – Berlin. Wasser und Wald wie kaum eine andere Großstadt – Berlin. In dieser Stadt lebe ich seit meiner Geburt. Wenn auch die Lebensbedingungen mehrere Ortswechsel erzwangen, so blieb es doch immer Berlin.

Britz, dieser Name klingt noch heute wie Musik in meinen Ohren. Britz, das war behütete Kindheit. Ich sehe den kleinen Teich, grünes Ufer, heller Parkweg von halbhohen Häuserblöcken hufeisenförmig umrandet. Davon ausgehend in Strahlen angeordnet sehe ich niedrige Häuserzeilen mit kleinen, gepflegten Gärten – eine familienfreundliche Neubausiedlung der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Ideal für uns Kinder war der in der Nähe gelegene alte Britzer Gutspark. Zwischen dichten Büschen spielten wir Verstecken. Unter hohen Laubbäumen fuhren wir unsere Puppen aus. Die Jungen, mein Bruder mittendrin, trieben oft Schabernack, ließen die Luft aus den Fahrradreifen des unbeliebten Gutsinspektors und beobachteten aus sicherem Versteck schadenfroh dessen Drohung: „Wartet nur, wenn ich euch kriege!“ Meistens kriegte er sie nicht. An die weltliche Schule, die wir in Britz besuchten, denke ich gerne zurück. Mög die Erinnerung an die frühe Jugend verklärt sein, die Gedanken an meine Kindheit erwecken dennoch in mir überwiegend gute Gefühle.

Berlin SO 36: In einer Straße, die direkt auf den Neuköllner Schifffahrtskanal zulief, standen vierstöckige, altberliner Mietshäuser mit Erker an der Vorderfront und mehreren engen Hinterhöfen. Wenn ich aus dem Erkerfenster sah, konnte ich vorüberziehende Lastkähne beobachten, die durch tonnenschwere Ladung beachtlichen Tiefgang hatten. Keuchend und schwitzend stakten Männer das Schiff vorwärts. Manchmal zogen Ausflugsdampfer vorbei. Es wurde erzählt, dass diese Gegend einmal gutbürgerlich gewesen sei. Offiziere, die in der nahe gelegenen Wrangelkaserne Dienst leisteten, sollen hier zur Miete gewohnt haben.

Die Wohnungen in den Hinterhäusern mit Blick auf den dunklen Hof, mit einer Außentoilette für mehrere Mietsparteien, bevölkerten dagegen Menschen mit sehr kleinem Einkommen. Der Blumentopf am Fenster war das einzige Grün. In der wenige Meter entfernten Eckkneipe verbrachte so mancher Familienvater seinen Feierabend. Aus der verqualmten Wirtsstube drangen trunkene Laute, hitzige Debatten, manchmal auch Streit. Torkelnde, lallende Männer flößten mir Angst ein. Kamen wir Sonntags vom Ausflug in die grüne Lunge Berlins nach Haus, den würzigen Waldgeruch noch in der Nase, widerte mich der miefige Dunst besonders an. Hier in „SO 36“ , einer Gegend, die Jahrzehnte später durch soziale Kämpfe in die Schlagzeilen geriet, wurde ich erwachsen. Hier erlebte ich die Verfolgung durch die Nazis und erlebte die Schrecken des Krieges. Hier heiratete ich und hier wuchsen wir zu einer vierköpfigen Familie. Zu meiner Erinnerung gehören Leid und Trauer, aber auch Freude und Glück.

Besonders bedeutsam war für mich das Jahr 1945. Ich erwartete mein erstes Kind. Ende Juni/ Anfang Juli sollte es auf die Welt kommen. Mein Mann war an der Front, mein Vater im Konzentrationslager und mein Bruder wurde an der Ostfront vermisst. Ich lebte bei meiner Mutter und meiner Schwester. Wir drei Frauen standen uns gegenseitig bei und halfen uns, wo immer Hilfe nötig war. Der Hunger war quälend, aber schlimmer waren die Nächte im Luftschutzkeller. Um uns herum weinten Kinder, Frauen schrien vor Angst, wenn in der Nähe Bomben einschlugen, manche beteten. Wir Drei verhielten uns still, wollten nicht auffallen. Die Mitbewohner distanzierten sich von uns: „Der Mann war ein Sozi. Jetzt saß er dafür im KZ. Das hatte die Familie nun davon.“ Nur der Schuhmacher aus der Ladenwohnung im Parterre tuschelte nicht mit. Heimlich hörte er Radio London. Darauf stand die Todesstrafe! Vorsichtig zog er unsere Mutter ins Vertrauen. Seine Informationen gaben ihr Trost und Hoffnung. Durch ihn erfuhr sie auch von der Befreiung des Konzentrationslagers, in dem sich unser Vater befand. Ob er am Leben war? Wir hofften es. In der Endphase des Krieges wurde Berlin fast pausenlos aus angloamerikanischen Flugzeugen heraus bombardiert. Den Keller konnten wir Tag und Nacht nicht mehr verlassen. Wir dachten immer nur das Eine: Wie lange noch? Kommen wir hier jemals wieder heraus? Nur Schluss mit diesem entsetzlichen Krieg. Die Front rückte immer näher. Schon wurde in den Straßen Berlins gekämpft. Zwei sowjetische Soldaten, die unseren Keller nach versteckten SS-Leuten und Wehrwölfen durchsuchten, verkündeten das Ende des Krieges: „Hitler kaputt! Krieg aus!“ Wir krochen aus dem dunklen Keller. Stille, unheimliche Stille. Keine Flugzeuge, keine Bomben. Tageslicht! Niedergeschlagen und hilflos schaute ich auf die Trümmer. „Deutschland, was ist aus dir geworden?“ Wie ein Mühlrad kreiste dieser Gedanke in meinem Kopf, nur allmählich begriff ich, dass die Waffen schwiegen. Langsam drang in mein Bewusstsein: Der Krieg ist aus – wir leben.

Wie wir Drei ganz auf uns allein gestellt den schweren Anfang meisterten, ist mir heute noch ein Rätsel. Kein Gas, kein Strom, kein Wasser, eine bombengeschädigte Wohnung mit einem zerstörten Dach, mit leeren Fensterhöhlen und aus den Angeln gerissenen Türen. Der Lebenswillen muss übermächtig gewesen sein.

Mit unseren schwachen Kräften beseitigten wir notdürftig die gröbsten Schäden. Wie oft seufzten wir: Wenn doch einer von unseren Männern hier wäre, dann wäre alles leichter zu ertragen.

Es war der 11. oder 12. Mai, da klingelte es an der Wohnungstür. Als ich öffnete, stand vor mir eine fremde Frau. „Sind Sie Frau Schiftan?“ „Ja“. „Ich soll von Ihrem Mann…“ mir stockte der Atem, „einen Gruß bestellen. Er liegt verwundet in Halbe.“

Da brach es aus mir heraus: „Mutti, hörst du, Bernd lebt. Komm schnell her, hier ist eine Frau, die Grüße bestellt.“ Die Frau, es war die Tochter des Bürgermeisters von Halbe, berichtete von der schweren Kesselschlacht, von den vielen Toten und Verwundeten und von Verletzten, die in einem Haus notdürftig untergebracht wurden, darunter auch mein Mann. Sie gehe morgen wieder zurück nach Halbe. Wenn wir für den Mann etwas mitgeben möchten, würde sie das gerne entgegennehmen. Wir waren in heller Aufregung. Keine Frage, natürlich würden wir etwas mitgeben. Plötzlich platzte meine Schwester heraus, es sei das beste, wenn sie sich zu der Tochter des Bürgermeisters gesellte und mit nach Halbe gehe. Vielleicht brauchte Bernd Hilfe. Ich selbst konnte mir eine solche Strapaze nicht mehr zumuten, da ich in ca. 6 Wochen mein Baby erwartete. Die beiden Frauen machten sich zu Fuß auf den beschwerlichen, risikoreichen Weg. In Halbe ergab sich inzwischen für alle Verwundeten, die laufen konnten, die Möglichkeit, in ihre Heimatorte zurück zu kehren. Es ist erstaunlich, was die Frauen, die gerade einen weiten, anstrengenden Weg hinter sich hatten, in kürzester Zeit zuwege brachten. In dem Chaos, das überall herrschte, trieben sie einen klapprigen Leiterwagen auf und fingen ein herrenloses Pferd ein. Sie nähten sich Rot-Kreuz-Binden an ihre Ärmel und beschafften eine Rot-Kreuz-Fahne. Aus Bohnenstangen stellte der Bürgermeister für Bernd zwei Krücken her. Damit konnte der provisorische Verwundetentransport mit mehreren Insassen losgehen. Es war ein abenteuerliches Unternehmen, von dem keiner vorhersagen konnte, wie es enden würde. Für das abgemagerte Pferd war kein passendes Geschirr am Wagen. Futter fehlte. Die Frauen wussten nicht, mit Pferden umzugehen. Bernd, der sich damit auskannte, lag verwundet auf dem Wagen und konnte nur Ratschläge erteilen. Immer wieder blieb das arme Tier stehen. Es scheute, wenn es an brennenden Wäldern vorbeizog. Flüchtlinge verstopften die Straßen. Nach großer Mühsal und einer Übernachtung bei hilfsbereiten Menschen kamen sie schließlich bis zur Stadtgrenze von Berlin.

Bernd war als einziger Verwundeter auf dem Transport übrig geblieben. Die anderen waren an einem geeigneten Verbandsplatz vom Wagen gestiegen. Da stießen sie plötzlich auf einen sowjetischen Wachtposten, der jeden kontrollierte. Was nun? Sie hielten die Luft an. Bernd war in Wehrmachtsuniform. Sollte jetzt alles aus sein? Der Wachtposten ließ sie mit einer lässigen Handbewegung passieren. Glück gehabt! Nun noch durch die zerstörte Stadt und zu Hause auf den unförmigen Krücken Treppen erklimmen. Die Wiedersehensfreude war unbeschreiblich. Bernd und meine Schwester hatten sich bereits auf der Straße mit herzlichen Dankesworten von der hilfsbereiten Tochter des Bürgermeisters verabschiedet, die mit Pferd und Wagen weiter zog. Der Dank an meine Schwester blieb ein Leben lang bis heute. Durch ihren selbstlosen Einsatz blieb Bernd eine Kriegsgefangenschaft erspart. Dank ärztlicher Hilfe genas er relativ schnell.

Mit Bernd kehrte neue Hoffnung in unser Dasein. Wenige Wochen später wurde unser Junge geboren. Die Wohnung war gerade wieder mit elektrischem Licht, oft durch Stromsperren unterbrochen, und mit Wasser ausgestattet. So konnten wir das Neugeborene sauber und hygienisch versorgen. Die Säuglingssterblichkeit war zu jener Zeit enorm. Wir taten alles, um das junge Leben zu schützen. Dabei unterstützte uns die ganze Familie.

Unser Kind war zwei Wochen alt, da klopfte das Glück noch einmal an unsere Tür. Mein Vater, der die Hölle von Dachau überlebt hatte, kam nach Hause. Wieder herrschte übergroße Freude. Dass er Großvater geworden war, konnte er kaum fassen.

Langsam normalisierte sich das Leben. Meine Eltern, die bis jetzt ihre Wohnung mit uns teilten, zogen wieder nach Britz. Meine Schwester zog mit. Zum ersten mal wohnten wir in eigenen vier Wänden: zwei große Zimmer, Küche, Innentoilette. Die Freude währte nicht lange. Uns stand nur eine Stube zu. Die zweite mussten wir an ausgebombte Menschen abgeben. Wieder hatten wir Glück. Uns wurde ein älteres, kränkliches Paar zugewiesen, das sich als grundehrlich und kinderlieb erwies. Mehrere Jahre, bis zu unserem Auszug, lebten wir gemeinsam. Für unseren Jungen waren sie wie Oma und Opa. So manchen Winterabend saßen wir zusammen in der Küche. Jeder spendierte eine Kohle oder etwas Holz. Es wurde gemütlich warm. Bernd holte den Plattenspieler und seine Schellackplatten in die Küche und reihum durfte sich jeder ein Musikstück wünschen. Dazu erzählten wir uns unsere Lebensgeschichten bis das Feuer heruntergebrannt war. Die Jahre vergingen. Trotz guten Willens auf beiden Seiten war das Zusammenleben auf engem Raum anstrengend. Ich war wieder schwanger. Unglücklicherweise wurde das provisorisch reparierte Dach des Hauses undicht. Bei Regenwetter stellten wir in unserer Stube Eimer und Wannen auf. Für die Nächte trugen wir das Bettzeug in die Küche und schliefen auf dem Fußboden. Die Stube der Untermieter war nicht betroffen. Hier wollten wir nicht länger bleiben. Wir suchten eine trockene Wohnung mit möglichst zwei Zimmern.

Friedrichshain, endlich eine menschenwürdige Wohnung! Viel Sonne, Balkon, Bad, das beste für unsere Kinder! In dem Gebiet um das Ostkreuz herum verlebten wir glückliche Jahre, in denen die Kinder flügge wurden und ihr Elternhaus verließen. Das Nest wurde leer, die Wohnung zu groß. Mit einem weinenden und einem lachenden Auge wechselten wir noch einmal den Ort. Aber das liegt schon 25 Jahre zurück. Wir erfreuen uns längst an einem Lebensraum, der unseren Kräften angemessen ist. Wieder wohnen wir an einer Wasserstraße. Wenn Containerzüge nicht die Sicht versperren, sehen wir den regen Schiffsverkehr auf der Spree. Hier möchten wir bleiben.

Abendstimmung
Mildes Licht Erinnerung zaubert leise
Lächeln auf mein Gesicht
Abendfrieden

Roter Lippenstift

Autorin: Katja Frühauf

Schnipp. Schnapp. Schnipp. Schnapp.

Ihre Haare Fallen auf den Boden. Nun sind sie wieder kürzer. Umspielen ihre Schultern nicht mehr. Nur noch ihr spitzes Kinn, welches sie nach vollendeter Arbeit stolz nach vorn reckt. Ja, jetzt fühlt sie sich besser. Frei. All die alten Erinnerungen hat sie abgeschnitten. Sie ist nicht mehr verträumt. Sie ist gefallen und wieder aufgestanden und nur ihr Glaube hat ihr dabei geholfen. Sie ist stark, auch wenn sie sich nicht immer so fühlt. Deshalb die neue Frisur. Als Symbol. Sie färbt sie neu ein, streift die alte Farbe, Person, die sie war, ab.

Die Farbe wirkt ein und der beißende Geruch nach dem Tönungsmittel schmeichelt ihrer Nase. Der Duft der Selbstbestimmtheit. Wie als würde diese Veränderung aus ihr einen neuen Menschen machen. Symbolisch.

Und so fühlt sie sich auch. All die Tränen der letzten Monate sind getrocknet. Ihr gebrochenes Herz heilt und auch wenn die Narben nicht komplett verschwinden werden, der alte Schmerz kann ihr nichts mehr anhaben.

Sie hat ihn überwunden, hat alles hinter sich gelassen und einen Neustart gewagt. Neue Wohnung, neue Kleidung, neue Möbel, neue Freunde. All jene, die sich nie für sie interessierten, hat sie endgültig abgeschrieben. Sie wird ihnen nicht mehr hinterher rennen.

Während sie die Reste der Haarfarbe vom Kopf herunter spült, überlegt sie, was sie wohl mit dem angebrochenen Abend anstellen soll. Die neue Frisur ist es wert, ausgeführt zu werden, denkt sie.

And then she’d say: It’s OK, I got lost on the way. But I’m a Supergirl and Supergirls don’t cry.
And she’d say: It’s all right, I got home late last night. But I’m a Supergirl and Supergirls just fly.

Sie lächelt. Zum ersten Mal seit langer Zeit. Rea Garvey hat Recht, einfach die Angst weit weg schieben und wieder aufstehen. Sie hatte es geschafft und sie würde nicht mehr weinen. Es wird ihr Abend.

Streift die alten Klamotten ab und sucht sich neue aus dem unberührten Stapel. Sie will sich besonders fühlen. Zeigen, wie stark sie geworden ist, dass sie auch allein zurecht kommt.

Schicke Unterwäsche, das muss sein. Heute will sie das Komplettpaket und sich rundum wohl fühlen. Schwarzes Top und ein schickes T-Shirt darüber. Die enge Röhrenjeans an, die ihre langen Beine perfekt in Szene setzt. Dazu die passenden Turnschuhe, Lederjacke und ihr Lieblingsparfüm. Der süße, leichte Duft vermischt mit dem ihrer frisch gefärbten Haare gibt ihr Kraft. Sie atmet tief durch und stellt sich vor den Spiegel, betrachtet ihr Werk. Es fehlt nur noch die passende Schminke.

Augen betonen, Wimperntusche, Rouge auf die Wangen. Fast perfekt. Sie lächelt ihr Spiegelbild an. Nur noch der rote Lippenstift fehlt. Doch diesmal nicht zu ihrem Business-Outfit, diesmal soll er ihre Weiblichkeit betonen, ihre Freiheit, ihre Leichtigkeit. Der rote Lippenstift ist ihr kleiner Mutmacher geworden. Wie oberflächlich, denkt sie. Eigentlich ist er nur eine Maske, hinter die sie sich zurück zieht, wenn sie nicht mehr gerade stehen kann, weil ihr die alte Angst und der Schmerz wieder in den Rücken fallen. Ihr Versteck, in dem sie vor Gott tritt und sich wieder auftanken lässt, bis sie wieder stark genug ist, um der Welt entgegen zu treten. Doch diese Seite wird sie nie mehr nach außen kehren. Nach außen hin will sie stark bleiben, damit niemand mehr auf sie eintritt, sie nicht mehr verletzen kann. Dazu der rote Lippenstift, ihr Mutmacher, Versteck. Ein weiteres Symbol. Und auch wenn ihre Augen in einem Moment nicht lachen, so betont der Lippenstift das falsche Lächeln auf ihren Lippen, das sie tapfer aufrecht erhält. Rein äußerlich, wenn ihr Innerstes zusammenbricht, dann steht noch immer die Mauer, die sie in den vergangenen Monaten um sich herum aufgebaut hat. Und los, die Nacht ruft.

Tasche umgehangen und noch einen letzten Blick in den Spiegel geworfen. Sie strahlt. Ihr Lächeln ist seit Langem das erste Mal wieder echt. Ihre Augen glitzern. Es wird ihre Nacht. Sie fühlt sich wohl, schließt die Tür hinter sich. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Alles oder nichts.

Sie will tanzen, sich der Musik ganz hingeben, die Augen schließen und alles hinter sich lassen, für einen Moment vergessen, wer sie ist. Ihren Körper in Trance zu dröhnenden Beats bewegen und sich frei fühlen. Sie muss niemandem etwas beweisen, will keinen Mann für die Nacht. Nur sie und die Musik für eine Nacht. Mit rotem Lippenstift.

Sie läuft durch die Nacht. Die Luft ist lau und überall tummeln sich partywütige Menschen. Sie lachen. Manche haben schon etwas viel Alkohol im Blut. Paare, die eng umschlungen durch die mit Straßenlaternen erhellten Straßen flanieren.

Und sie geht in der Menge unter. Zumindest stellt sie sich das vor, während sie mit durchgestrecktem Rücken und langen, wiegenden Schritten zielstrebig zu ihrem Lieblingsclub läuft. Lange war sie schon nicht mehr dort gewesen. Es ist ihre erste Nacht, die sie allein durchtanzen will. Sonst war sie immer mit ihren Freundinnen unterwegs gewesen, weil sie sich dann sicher fühlte. Doch heute haben sie alle abgesagt. Aber heute ist sie stark. Heute trägt sie ihren roten Lippenstift und stößt die Schwingtür auf, steigt die Treppen hinunter, der Musik entgegen.

Es riecht nach frisch gewischtem Boden. Nur wenige Menschen sind da. Kein Wunder, die Nacht ist noch jung. Sie bestellt sich einen Caipirinha. Bittersüß und kalt. Es ist zu viel Wodka. Aber bald schmilzt das Eis. Bitter-sauer-süß. Der Geschmack ihres Abends. Es ist ihr Lieblingsgetränk.

Die Wärme breitet sich in ihr aus und sie lächelt noch immer. Steht am Rand der Tanzfläche und stellt sich auf die Musik ein, fühlt den Takt, den Bass, die Drums. Sie schließt die Augen. Ihr Kopf wippt. Und immer wieder nimmt sie einen Schluck vom bittersüßen Cocktail, ihr Lippenstift hinterlässt Spuren am Strohhalm. Sie tanzt allein. Versucht, die Blicke der anderen zu ignorieren, die in Gruppen tanzend auf der Tanzfläche verteilt den Abend beginnen. Lächelt ihnen zu. Sie ist stark, trägt roten Lippenstift. Sie kennen sie nicht.

Der Club füllt sich. Die Musik wird lauter. Ihr Glas ist leer, doch der Geschmack bleibt. Bittersüß. Sie tritt vom Rand weg, auf die Tanzfläche. Schwingt die Hüften, dreht sich, will sich der Musik hingeben, fühlt den Bass im Bauch vibrieren. Schwummriges Licht wechselt die Farbe und die Nebelmaschine hüllt sie ein. Und sie schwimmt in der Musik, die Lippen bewegen sich zum Text. So soll es für den Rest der Nacht bleiben. Nur die Musik und sie, mit rotem Lippenstift.

Immer mehr Leute drängen auf die Tanzfläche. Sie tanzt sich durch die Lücken zwischen ihnen. Die Luft wird knapp. Sie riecht Schweiß, Parfüm, Nikotin. Sie schmeckt bittersüß. Ein sanftes Lächeln auf ihrem Gesicht. Das Lächeln hinter rotem Lippenstift.

Überall um sie herum fremde Menschen. Sie lächeln. Irgendwie fühlt sie sich mit ihnen verbunden. Verbunden in der Musik. Verbunden für eine Nacht, in dem sie zum selben Beat tanzen. Doch sie kann nicht loslassen. Da sind Hände. Hände auf ihrem Körper, die fremden Männern gehören. Sie will das nicht. Jemand hält ihre Hand fest, will sie an sich ziehen. Sie zieht die Hand zurück, doch der Fremde kommt zu ihr heran. Nein, sie will nichts trinken. Nein, sie will nicht mit ihm gehen. NEIN schreien ihre Augen ihm entgegen, doch er versteht sie nicht. Zieht sie wieder zu sich, legt die Hände auf ihre Hüften. Sie dreht sich aus seiner Umarmung, die ihr wie ein Gefängnis scheint. Er nimmt ihre Arme, will sie um sich schlingen, sie zieht weg. Er will mit ihr gehen, NEIN wiederholt sie. Schüttelt bestimmt den Kopf. Ihre kurzen Haare fliegen dabei. Doch er versteht nicht. Wendet sich ab.

Doch immer kommt er wieder, tut, als wäre sie seine Begleitung. Sie versucht, sich ihm zu entziehen, versucht, in der Menge unterzutauchen. Doch immer findet er sie. Sie kann nicht loslassen, kann die Musik nicht genießen, ihre Augen suchen ihn, immer versucht, sich vor ihm zwischen all den tanzenden Menschen zu verstecken. Doch immer findet er sie. Immer entwindet sie sich ihm, immer verneint sie. Hilfesuchend blickt sie in die Gesichter der anderen, doch sie scheinen ihre Verzweiflung nicht zu begreifen, sie hören ihren stummen Hilfeschrei nicht. Lächeln sie nur stumm an. Sie tanzt weiter. Halbherzig. Schmeckt bittersüß. Kaut an ihren Lippen.

Sie will nicht gehen, es soll doch ihre Nacht werden. Sie beobachtet zwei Frauen, die ihre Körper elegant zur Musik winden, in einer Wolke aus Innigkeit versunken. So will sie auch tanzen können. Aber sie kann nicht mehr loslassen. Schon wieder Hände auf ihrem Körper. Sie muss weg, geht zur Bar. Unterhält sich mit einer Fremden, die traurig aussieht, fragt sie, ob alles okay ist. Mutig, dass du allein hier bist, meint die Fremde. Ihr Freund kommt, die Fremde geht rauchen.

Der Mann zieht sie wieder auf die Tanzfläche. Sie unterhalten sich. Er ist nett und für einen Moment tanzt sie und genießt den Abend, weil er auf sie aufpasst, als hätte er ihren Hilferuf gehört. Er zieht sie näher an sich. Es stört sie nicht, denn er ist zart zu ihr, sie tanzen zusammen. Ihre Bewegungen verschmelzen, doch er kommt ihr immer näher. Seine Hände auf ihren Hüften, auf ihrem Bauch. Sie rutschen tiefer und sie entzieht sich ihm. Er hat eine Freundin und sie will keine Schlampe sein. Er akzeptiert den Abstand für eine Weile, doch sie merkt, wie er scharf wird, fühlt die harte Stelle zwischen seinen Beinen, während er sich von hinten an sie heran schiebt, während sie ihre Hüften kreisen lässt. Seine Bartstoppeln kitzeln sie am Hals, seine Lippen kommen gefährlich nah an ihren Hals, ihre Ohren. Und in diesem Moment fasst sie sich wieder, alle Lockerheit ist verschwunden. Sie bewegt sich nur noch halbherzig zur Musik, die Hüften versteift, die Arme nah an ihrem Körper.

Der andere Typ kommt wieder, er verfolgt sie. Sie fühlt sich gehetzt wie ein Tier. Ihr Wille wird nicht akzeptiert. Als wäre sie nicht die selbstbestimmte Frau, die sie immer sein wollte. Als müsste sie sich von den Fremden anfassen lassen und nach ihrem Willen tanzen. Doch das will sie nicht. Sie verkrampft immer mehr, tritt im Takt auf der Stelle, verkrampft ihre Lippen. Die Augen sind leer, ihr Lächeln verschwunden. Sie zieht die Hände weg, die der Fremde immer wieder zu schnappen versucht, dreht sich weg, schreit ihm ICH WILL NICHT entgegen. Sie nagt an ihren Lippen, der rote Lippenstift verwischt.

Die Luft wird ihr zu stickig. Sie kann nicht mehr atmen, kann nicht mehr tanzen. Die Musik ist zu laut. Der Nebel ist zu dicht. Sie bekommt den Kopf nicht frei. Zu viele fremde Männer, die ihr zu aufdringlich werden und denken, ihre Hände auf ihren Körper legen zu müssen, obwohl sie ihnen ausweicht. Sie fühlt sich wie ein aufgeschrecktes Tier. Hastet zum Ausgang.

Die kalte Luft schlägt ihr entgegen. Endlich! Jetzt ist sie frei. Weg von all den Fremden, weg von der dröhnenden Musik. Es ist nicht ihre Nacht.

Sie läuft durch die Straßen. Trifft Leute, die auf dem Weg zu Partys sind, trifft Betrunkene, Paare und all die zwielichtigen Gestalten, denen die Stadt in der Nacht gehört. Sie gehört nicht dazu. Sie kann nicht in der Menge untertauchen. Und Märchen sind nicht real.

Sie steckt sich die Ohrstöpsel ein. Ihr Handyakku ist fast leer. Aber jetzt braucht sie ihre Musik, die sie beruhigt und wieder zu sich selbst bringt. Sie atmet die klare Luft, hört auf die Geräusche der Nacht, während sie zur Straßenbahn läuft. Der rote Lippenstift ist verwischt, ihre Schminke vom Schwitzen verschmiert, ihre Haare hängen platt an ihrem Kopf herunter. Ihr Schritt ist schnell, aber nicht mehr wiegend. Nur weg hier.

In der Bahn ist das Licht grell, es nimmt die Illusion der Nacht, dass alle Menschen im dämmrigen Licht schön sind. Mit leerem Blick starrt sie aus dem Fenster, während die Lichter der Stadt an ihr vorbeiziehen. Nimmt die Betrunkenen um sich herum nicht wahr, bemerkt nicht die angetörnten Pärchen, für die die Nacht noch längst nicht zu Ende ist. Für sie schon und es war nicht ihre Nacht. Sie nagt an ihren Lippen, schmeckt ihr Blut. Metallisch auf bittersüß. Der rote Lippenstift verblasst, nur noch ein Schimmer des frühen Abends.

Sie steigt aus, läuft die dunkle, verlassene Straße nach Hause. Es war nicht ihre Nacht. Aber sie ist sie selbst geblieben. Sie muss niemandem etwas beweisen. Ihre Musik umhüllt sie. Ihre eigene Melodie, die sie mit niemandem anders teilt, sie taucht ganz darin ein, in der dunklen Nacht, auf der menschenleeren Straße. In diesem Moment fühlt sie sich frei. Frei von all den fragenden Blicken, warum sie allein unterwegs ist, frei von den fordernden fremden Händen.

Sie riecht einen Hauch ihres Parfüms, sie riecht Schweiß und fremde Gerüche, die in ihrer Kleidung hängen geblieben sind. Fühlt sich schmutzig. Sie muss unbedingt noch duschen, auch wenn sie am liebsten nur noch ins Bett will, muss die dreckigen Klamotten so schnell wie möglich ablegen und all den Schweiß und das Gefühl nach den fremden Händen abspülen, sich einhüllen in den süßen Geruch ihres Duschbades. In den Geruch aus Sauberkeit und Geborgenheit. Und sie will allein einschlafen, sich unter der warmen Decke vor der Nacht verstecken und den Anfang des Tages verschlafen.

Es beginnt zu regnen. Gleich ist sie zu Hause. Sie lächelt, riecht den Geruch der Nacht, riecht, wie der Regen den Staub der Stadt abwäscht. Riecht nasse Erde. Ihre Augen strahlen mit den Sternen um die Wette. Sie ist frei. Sie muss niemandem etwas beweisen. Sie ist sie selbst und wird es immer bleiben, wird immer sagen, wenn sie etwas nicht will, wird nicht nach dem Willen Fremder tanzen.

Ihr Lachen hört niemand, nur sie selbst und der Gott, dem sie so dankbar ist, dass er sie behütet, wenn sie durch die Nacht läuft, der sie wieder auftankt, wenn sie schwach ist und der sie nie verlässt. Und sie tanzt durch die Straße, im Licht der Laternen, während der Regen auf sie tröpfelt und den letzten Hauch roten Lippenstifts hinweg wischt…

Mein Wahnsinn – Die Ketten der Schlange

Autor: Martin Länger

Die Schuhsohlen von Gwyn klopften auf den verzierten Steinboden als er sich kurze Zeit später vor der Kathedrale, in der Mitte des Friedhofes, wiederfand. Hmm…“, grübelte er vor sich hin, während er die große Pforte betrachtete, die am Ende der Stufen wartete. Plötzlich sah er ein kleines Licht am Fenster aufflackern.

Hm? Arbeitet um die Uhrzeit noch jemand hier?“, es dauerte nicht lange und seine Kuriosität war geweckt. Diese wurde durch seinen angeheiterten Zustand nur ermutigt.

Warum eigentlich nicht? Ich bin auch lieber hier als an meinem Schreibtisch.“, flüsterte er sich mit einem entschlossenem Nicken zu. Beim Besteigen der Treppe hallte der Klang seiner Sohlen durch die einsame Nacht. Auf der letzten Stufe angekommen, bewunderte er die eiserne Pforte, vor der er stand. Verzweigtes Geäst, gespickt mit Dornen, ragte über der massiven Tür. Die riesigen Griffe in der Mitte waren schon so stark eingerostet, dass sie kaum noch Ähnlichkeit mit dem Rest des Einganges besaßen. Fasziniert von dem ungewöhnlichem Design, fing er an, mit seinem Finger über die Oberfläche zu streichen. Er bemerkte zwei ziemlich ausgefallene Türklopfer, deren Köpfe denen von Reptilien glichen. Die Griffe schienen lange Zungen darzustellen. Doch bevor er auch nur darüber fantasieren konnte, was dies wohl zu bedeuten hatte, zog er an einem und lies den Klopfer gegen die Tür fallen. Zu seiner Verwunderung, öffnete sich sogleich das gesamte Tor ohne weiteren Aufwand. Ein lautes Quietschen und Knarren ertönte und gewährte ihm schließlich einen Blick in das Innere des Gebäudes.

Leicht beunruhigt, betrat er vorsichtig das alte Gemäuer. Hallo?! Ist da Jemand?“ rief er zaghaft hinein. „Normalerweise würde ich mich darüber lustig machen, wenn hier jemand einfach so hereinspazieren würde, aber wenn man selbst vor der Wahl steht, ist es einfach zu verlockend.“, dachte er sich mit einem vor Freude strahlendem Grinsen, während er mit dem Zeigefinger an seiner Nasenspitze rieb und behutsam seine Entdeckungsreise begann. Er ging aufgeregt durch den Eingangsbereich, bei dem Gedanken, dass er eigentlich nicht hier sein sollte.

Kurz darauf betrat er die große Halle. Vor ihm bauten sich einige Holzbänke auf, die durch die angezündeten Kerzen, aus den Vorräumen der Seitengängen, in ein sanftes, warmes Licht getaucht waren. Steinerne Rundbögen und Statuen gehörten ebenfalls zur Einrichtung. Der rote Teppich in der Mitte des Ganges führte zu einer Art Altar. Gwyn folgte diesem Pfad. Er war noch immer aufgeregt, obwohl er nichts ungewöhnliches oder abnormales bemerkte. Im Gegenteil: Ein familiäres Gefühl machte sich in ihm breit. Im Vorbeigehen strich er mit seiner linken Hand über die Bänke. Kurz darauf hielt er sich beide Hände trichterförmig vor den Mund: „Hallo?! Das Tor war bereits offen. Ich hoffe, es stört Sie nicht, dass ich selbst einen kurzen Besuch abstatte. Ich wollte nur Bescheid geben, dass das Schloss eventuell ausgewechselt werden sollte.“.

Das ist jedenfalls der einzige Grund, bei dem ich mich traue ihn zuzugeben.“, ging es ihm durch den Kopf. Doch auch als nach erneutem Rufen niemand antwortete, senkte er seine Arme wieder. „Als ob es hier irgendjemanden interessieren würde.“, flüsterte er anschließend.

Er begann sich weiter umzusehen, bis er beinahe am Ende des Teppichs angekommen war. Das Licht der Kerzen schien hier besonders schwach und er hatte große Mühe den Altar detailliert zu erkennen. Sein Blick wanderte von dem schmalen Fuß des Sims bis nach oben.

Er versuchte angestrengt die Silhouette vor sich zu erkennen, indem er seinen Hals verkrampft nach vorne streckte und sich Falten auf seiner Stirn bildeten. Allmählich gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit und ermöglichten es ihm, erste Details ausfindig zu machen. Es handelte sich bei dem Werk anscheinend um ein massives Kreuz, nichts ungewöhnliches. Doch da war noch etwas anderes. Etwas das ihm merkwürdig vorkam. Sein Blick wurde noch konzentrierter, die Atmung ruhiger und seine Sinne schärfer.

WAAAAHHHHH!“ schrie er plötzlich laut auf, während er über seine eigenen Füße nach hinten stolperte und mit seinem Kopf an eine der Holzbänke knallte. „Was zur Hölle ist das?!“ rief er außer sich.

Das ungewöhnliche Etwas, dass eben noch an dem Kreuz befestigt war, bewegte sich. Es rutschte von seinem Platz, bis es schließlich mit einem dumpfen Schlag auf dem Boden aufkam.

Es war etwas, dass bis vor wenigen Sekunden noch völlig unbeweglich und starr auf dem Altar thronte. Er wollte nicht darüber nachdenken, was es sein könnte und wer dafür verantwortlich war. „Je länger du still sitzt, desto näher kommen die Wölfe um dich zu holen. Dass du nicht mehr weg kannst, merkst du erst, wenn es zu spät ist.„, ging es ihm durch den Kopf.

In seiner Panik stützte er sich von der Bank ab und rannte so schnell er nur konnte zu der Tür, durch die er gekommen war. In seiner Eile stolperte er über seine eigenen Beine, keuchend, ohne sich nochmal umzudrehen. Er knallte mit seinem Körper gegen die Pforte der Kathedrale. Doch es war ihm egal. Er merkte es nicht mal. Das einzige woran er denken konnte war seine Flucht. Seine Verzweiflung stieg, als er an der Eingangstür rüttelte und nichts geschah.

W-wie kann das sein?! W-was geschieht hier?!“, stammelte er in seiner Fassungslosigkeit.

Die Tür war doch eben noch offen. Niemand hat sie geschlossen und selbst wenn, wie hätte ich das überhören können?! Was zum Teufel ist hier nur los?!“, dachte er sich, während seine Gedanken rasten um die Situation zu verarbeiten. Doch ehe Gwyn innehalten konnte, um sich und seine Gedanken zu sammeln, hörte er ein schweres Rasseln von Ketten, die über den steinigen Boden und den Teppich schleiften. Er drehte sich reflexartig um. Ein Schauer jagte über seinen Rücken und seine Pupillen weiteten sich, als er sah, wie eine schwarze Silhouette begann sich aufzurichten und auf ihn zu zumarschieren. In seiner Angst bemerkte er nicht einmal, wie es ihn schrittweise zurück trieb. Seine Stirn schwamm in Schweiß und die ersten Tropfen landeten auf dem Boden.

Er versuchte zu rationalisieren was passierte, doch je mehr er versuchte nachzudenken, desto ängstlicher wurde er. Sein Herz fing mit jedem Wimpernschlag an, schneller zu schlagen, während das Geräusch der Ketten immer näher kam.

Oioi!“, rief der Schatten ihm zu. „Wie kann man nur so unhöflich sein?“, sprach eine männliche Stimme. Das einzige was sich Gwyn allmählich zu erkennen gab, war eine fast schon menschenähnliche Gestalt. Ein lautes Knacken war zu hören, als der Schatten mit seiner Hand an seinen Nacken fasste und diesen ruckartig von rechts nach links einrenkte.

Es war ihm alles zu viel. Er wollte nicht wissen, wer oder was das war, oder woher es kam. Mit diesem Ding reden wollte er schon gar nicht. So versuchte er erneut die Tür hinter sich aufzurütteln. Seine Fingernägel versuchten sich an dem Stahl fest zu krallen, doch ohne Erfolg. Er war gefangen, wie eine Maus in einem Labyrinth ohne Ausgang. In seiner Verzweiflung griff er, in der gedimmten Beleuchtung, nach dem Erstbesten was er in die Finger bekam und schleuderte so einen der Kerzenständer in Richtung der Kreatur. Beinahe wie in Zeitlupe, sah er wie der Ständer sich mehrmals um die eigene Achse drehte und die Flammen der Kerzen dabei erloschen.

Plötzlich zog ein gewaltiger Windsturm an ihm vorbei und er hielt sich schützend die Arme vor sein Gesicht. Sein Mantel flatterte wie wild im Wind und zugleich war die Kreatur spurlos verschwunden.

Der Rückstoß des Windes sauste durch die komplette Halle und zwang ihn beinahe in die Knie. Der Kerzenständer flog zu Boden und hatte bereits sein Ziel verfehlt. Am liebsten hätte Gwyn seine Augen zugenäht, damit er sie nie wieder öffnen musste. Das Gefühl in seinen Fingerspitzen verließ ihn und er betete, dass es sich nur um eine Einbildung seines übermüdeten Geistes handelte.

Oi! Ich rede mit dir.“, erklang es erneut, diesmal links von Gwyn, der mit einem weiteren Aufschrei zur Seite sprang. Jetzt konnte er die Kreatur erkennen. Sie saß gelassen, in der Hocke, im schwachen Licht auf der Lehne einer Bank. Grüne, spitze Pupillen schimmerten ihn bedrohlich an. Die Augen einer Schlange, die ihre ahnungslose Beute anvisierte. So sehr er auch Angst hatte, so sehr war er von den Augen fasziniert. Gwyn nutzte den Moment, um dieses Etwas zu mustern.

Dieses Ding war menschenähnlich, scheinbar männlich und ein wenig größer als er selbst. Gehüllt in einen langärmeligen, schwarzen Mantel auf dem grüne Glyphen eingeebnet waren und einer Kapuze, die fast das ganze Gesicht verdeckte. Sein Oberkörper war in ein schwarzes Gewand gekleidet, welches einer Art Weste ähnelte und mit verschiedenen silbernen Gürtelschnallen verziert war. Die Gürtelschnallen waren mit braunen Lederriemen befestigt. Darunter trug er ein schlichtes, weißes Hemd. Seine Kleidung war eng an seiner athletischen Statur anliegend. Die Ärmel waren von grauen Ketten umschlungen, welche an einigen Stellen in seinem Mantel verschwanden und an anderen wieder zum Vorschein traten. Alleine der Anblick seiner klauen-artigen Hände war furchteinflößend.

An der braunen Hose konnte er nichts ungewöhnliches feststellen. Dieses Ding trug einen unspektakulären Gürtel. Die braunen Stiefel, hatten einen metallenen Aufsatz an der Vorderseite. „Kikiki.“, ein ungewöhnliches Kichern schoss aus der Gestalt hervor, während sich ein breites, weißes Grinsen unter der Kapuze bildete. Gwyn lief ein Schauer den Rücken hinunter.

Ihm stand jedes einzelne Haar zu Berge und sein Herz hörte für einen kurzen Moment auf zu schlagen. Die weißen, reiß-artigen Zähne, die ihn im Kerzenschein anlächelten, waren das furchterregendste was er je gesehen hatte.

Ich hoffe dir ist bewusst, was meine Ankunft für dich bedeutet, kleiner Mensch.“, frohlockte der Mann, während er von der Bank hinab hüpfte und sich vor Gwyn aufbaute. Doch bevor dieser antwortete, war er bereits tiefer in die Halle geflüchtet und verkroch sich in einer dunklen Ecke. „Fufu“, lachte es erneut und aus dem mild beleuchteten Saal fokussierten sich die unheilvollen grünen Augen wieder nur auf ihn. Sie schienen sich bis tief in seine Seele zu bohren. Je länger sich ihre Blicke kreuzten, desto mehr verspürte Gwyn einen stechenden, immer stärker werdenden Schmerz in seiner Brust.

Weißt du… ich hatte immer gehofft, dass sich auch für mich eines Tages die Pforte öffnen würde.“, gab er von sich, während er beide Fäuste an seine Taille anlegte und sich interessiert umsah.

Ay, ay.“, seufzte er anschließend, während er sich mit seiner Hand am Hinterkopf kraulte, „Es kommt mir alles noch wie ein verschwommener Traum vor. Kennst du das Gefühl? Als sollte man sich an etwas erinnern, aber man weiß einfach nicht an was.“.

Während die Gestalt anfing mit sich selbst zu reden, griff Gwyn in seiner Panik nach den nächsten Gegenstand, den er finden konnte. Er fand den Spendenteller in der Nähe des Altars und warf ihn in die Richtung des Fremden. Doch auch dieser verfehlte sein Ziel. Wie von Zauberhand sah Gwyn, wie die menschlich erscheinende Kreatur verschwand und auf der anderen Seite des Saales wieder auftauchte, noch immer vertieft in seinen Monolog.

Jetzt wo es endlich so weit ist, weiß ich gar nicht wie ich mich verhalten soll. Ich meine, wer weiß schon was für ein verschrobener Kerl du bist, wenn ausgerechnet ich hi-…“. Erneut wurde dieser Satz nur unterbrochen, weil Gwyn einen Gegenstand warf, von dem er selber nicht wusste, was es war. Der Fremde tauchte einen Meter neben dem Gefäß auf, welches nun klangvoll zu Boden ging und eigentlich ihm gewidmet war.

Ich hab’s!“, verkündete er voller Begeisterung, während er seine Faust auf seine flache Hand fallen ließ.

Du!“, und wandte sich blitzartig in Richtung Gwyn, welcher bereits einen weiteren Kerzenständer griffbereit hielt. Ein erneuter erfolgloser Wurf folgte. Alles schien vergebens. Gwyn konnte es nur als eine Art Teleportation bezeichnen. Plötzlich war die Gestalt an einem komplett anderen Ort als zuvor. Der aufgewirbelte Staub und der Rückstoß, waren die einzigen übriggebliebenen Indizien seiner Präsenz.

So, Schluss jetzt mit dem Theater kleiner Mensch! Du hörst mir jetzt gut zu, ansonsten garantiere ich für nichts.“, er tauchte plötzlich vor Gwyn auf und packte seine Hand, während er sein Gesicht beinahe auf das von Gwyn presste. Mit seiner anderen Hand spreizte er die Augenlider an Gwyns rechtem Auge weit auseinander. Gwyn dachte, er würde ihm sein Auge herausreißen wollen.

Es war das erste Mal dass die merkwürdige Gestalt und er Angesicht zu Angesicht standen.

Du und ich, wir sind ab heute Partner.“, seine grünen Reptilienaugen zogen sich fest zusammen, während sie tief in die ängstlichen Augen Gwyns schauten.

Ich hatte zwar eigentlich vorerst nicht daran gedacht mich mit dir anzufreunden, aber da ich dank dir endlich frei bin, will ich mal nicht so sein. Jetzt können wir die Welt auch gemeinsam auf den Kopf stellen. Was sagst du?!“, doch Gwyn blieb stumm und so fuhr der Fremde fort.

Dachte ich’s mir doch. Du bist der selben Meinung. Fabelhaft! Lass uns loslegen und die Realität aus den Angeln heben.“. Ohne dass Gwyn auch nur ansatzweise den Mut aufnehmen konnte um zu antworten, beendete die Figur das Gespräch und übernahm auch seinen Anteil der Konversation. Verängstigt sah er ein, dass jeder weitere Versuch sich zu wehren hoffnungslos war. Doch irgendetwas ließ ihn nicht los. Das Gefühl einer kleinen Glut, die tief in seinem Unterbewusstsein glühte und nur darauf wartete entzündet zu werden, schlummerte in ihm.

W-wie machst du das?“, brach es plötzlich aus ihm hervor. „Wie mache ich was?“, hakte der Mann unbekümmert nach. „Diese merkwürdige Teleportation. So etwas habe ich noch nie gesehen.“, Gwyns Augen fingen beinahe an zu Funkeln vor Neugier. „Kiki, ach das?! Das soll was besonderes sein?“, fragte er in seinem selbstgefälligen Ton. Sogleich verschwand er auch wieder vor Gwyns Augen und tauchte hinter ihm, auf der Spitze des Altars, mit weit ausgestreckten Armen

wieder auf. „Das ist keine Teleportation. Dein kleines Menschen Auge ist einfach nur viel zu langsam.“, erklärte er herablassend. „Herrje sind alle Menschen so leicht zu beeindrucken wie du? Ich dachte derjenige, der mich befreit, wäre jemand besonderes. Doch ich langweile mich jetzt schon. Hm?!“, er hielt plötzlich inne, als er die Ketten an seinen Armen bemerkte.

„Befreit? Was soll das bedeuten? Wer bist du?“, fragte Gwyn bestärkt in seiner Neugier. Doch konnte er nur verdattert zusehen, während der Angsteinflößende sich spielerisch und fast schon krampfhaft, versuchte, die Ketten von seinem Ärmel abzureißen – jedoch ohne großen Erfolg.

Huh? Sie gehören also nicht zu ihm? War er also doch eine Art Gefangener?“, fragte sich Gwyn innerlich. „Hey!“, rief er in der Hoffnung, die Aufmerksamkeit seines Gegenüber zu erlangen. „Antworte mir endlich! Wer bist du und was willst du von mir?!“. Augenblicklich stoppte der mysteriöse Mann jede Bewegung und drehte seinen Kopf langsam in die Richtung von Gwyn.

Vor einer Sekunde noch hätte ich schwören können du machst dir in dein Höschen. Was ist passiert?! Hast du plötzlich Eier bekommen oder bist du einfach nur unglaublich naiv Bürschchen, hae?!“.

W-wenn du mir etwas hättest antun wollen, hättest du es bereits getan.“, erwiderte er zaghaft.

Kikikii, vielleicht spiele ich einfach nur gern mit meinen Opfern bevor ich sie foltere.“, hörte er es von der Kreatur lachen, während diese sich nun komplett vor Lachen schüttelte und über Gwyns Äußerung amüsiert war.

Du hast ja keine Ahnung in was für einer Situation du dich befindest, oder? Es mag vielleicht stimmen, dass ich deine kleinen schlotternden Knochen für den Moment noch aneinander lasse, doch gibt es hiervon kein Zurück mehr. Wir sind ab Heute eins.“, blitzschnell tauchte er auf einer der Bänke neben Gwyn auf und streckte sich mit einem gelangweilten Gähnen.

Mit einem Grinsen fuhr er fort: „Der Moment, in dem du mir die Freiheit gewährt hast, hat unser beider Schicksal besiegelt. Deine Realität wird ab heute nie wieder dieselbe sein. Dein altes Leben ist für immer vorbei. Eine Verantwortung, vor der man nicht davonlaufen kann. Ich bin gespannt, ob du zu irgendetwas zu gebrauchen bist.“.

Und was ist wenn ich einfach gehe? Willst du mich dann umbringen? Es fällt mir schwer so einen Unsinn zu glauben.“, echauffierte sich Gwyn, ganz zur Überraschung des Unbekannten.

„Ho?“, wunderte der sich, als er in die Augen von Gwyn sah, die von einer eigenartigen Aura umgeben waren, die zuvor nicht nicht präsent war. Es schien beinahe so, als wäre es dem jungen Mann gelungen seine Angst zu unterdrücken und sich seiner wirren Situation zu widersetzen.

Nun gut kleiner Mann, du hast mich überzeugt. Ich spüre deine Willenskraft. Drum lass dich nicht von mir aufhalten.“, befürwortete der Fremde ihn aus heiterem Himmel und begann mit seiner Hand übermäßig stark zum Abschied zu winken.

Kämpfe für dein Vaterland. Impfe deine Kinder mit deinen Idealen und infiziere dein Leben mit Belanglosigkeiten. Von hier an und für alle Zeit mögest du frei sein.“, er klatschte daraufhin zwei mal theatralisch in seine Hände, sodass ein Echo bis ans andere Ende der Halle erklang.

Mit einem Mal schlug die gewaltige Pforte der Kathedrale sich erneut auf. Dies geschah mit einem derartigen Ruck, dass man hätte meinen können, sie wird gänzlich aus ihrer Verankerung gerissen, während ein lautes Rumoren durch das Bauwerk zog und durch Gwyns Knie zitterte.

Wirklich? Ich kann einfach so gehen?“, atmete Gwyn erleichtert und erstaunt auf, als er die frische Abendluft von draußen schon förmlich riechen konnte. Der Fremde winkte ihn gleichgültig ab, woraufhin Gwyn nicht länger überlegte und in Richtung Ausgang los rannte. Endlich würde er frei sein und dieser Alptraum wäre vorüber. Er rannte so schnell seine Beine ihn trugen, bis er an dem Springbrunnen vor dem Gebäude heil angekommen war.

Deine Eltern haben dich nicht zufällig in den Keller gesperrt, weil du etwas ganz besonderes warst, oder?“, ertönte eine Stimme über ihm, auf der Spitze des Brunnens. Vor lauter Schreck riss es Gwyn mit einem weiteren Schrei zu Boden.

Ich hab dir doch gerade erst erklärt, dass es kein Zurück mehr gibt. Hörst du den Leuten nicht zu wenn sie mit dir reden? Ich weiß ihr Menschen seid Meister des Egoismus, aber das ist nun wirklich kein Teamgeist.“.

Warum?! Was passiert hier nur? Warum ich?“, er brabbelte nun unkontrolliert aus, was ihm gerade in den Sinn kam, als die Hoffnung die ihm gemacht wurde, zu erlöschen drohte.

Glaube mir, ich bin auch nicht sonderlich begeistert.“, seufzte der unheilvolle Kerl enttäuscht, „Ausgerechnet ich kann das spezielle Kind der Krabbelgruppe betreuen. Machen wir einfach das beste daraus. Ok?“. Gwyn konnte es immer noch nicht glauben. Es musste sich einfach um einen bösen Traum handeln. Seine Hände vergruben sich tief im Kies, während seinem Verstand die Erklärungen ausgingen. „W-wie kann das nur sein? Warum ich?!“.

Nun ist aber Schluss Kleiner! Nicht einmal ich bin so unhöflich.“, der Fremde hielt inne. „Ach, Moment.“, bemerkte er blitzartig und streckte seinen langen Zeigefinger zum Himmel. „Ich weiß was uns fehlt. Wir haben uns gar nicht richtig vorgestellt. Nun gut. AHEM.“, räusperte er sich und begann zu verkünden, „Mein Name ist Delirias. Es freut mich deine Bekanntschaft zu machen. Möge unsere Reise ereignisreich sein und die Welt verändern.“, er reichte Gwyn seine in Ketten gehüllte Hand. Doch Gwyn war starr vor Angst. „Was?! Zu dick aufgetragen? Ach Quatsch. Und nun hoch mit dir!“ lachte der Mann ihn hämisch an.

Wie kannst du verlangen, dass ich das einfach so akzeptiere?!“, antwortete Gwyn wie in Trance. „Es gibt kein Entkommen. Also: auf, auf kleines Häschen.“, Delirias klatschte dabei in die Hände als würde er mit seinem Haustier sprechen. „Je länger du still sitzt, desto näher kommen die Wölfe um dich zu holen. Dass du nicht mehr weg kannst, merkst du erst, wenn es zu spät ist.“.

Gwyn krallte sich mit seinen Fingern an seinem eigenen Gesicht fest „W-was geht h-hier bloß vor sich?“, stammelte er mit weggetretenem Gesichtsausdruck vor sich hin, während er sich zusammen kauerte.

Hmm?! Nun gut. Eigentlich wollte ich es dir nicht sagen, aber du hast mich ertappt. Bist du nun zufrieden?! Wiedermal ein Mensch, der es nicht abwarten konnte direkt hinter die Kulissen zu blicken und die wundervolle Illusion auszulöschen.

Dir ist schon bewusst, dass ein Mysterium auch etwas positives sein kann, oder?!“, Delirias verfiel in einen manischen Redefluss. „Die Illusion ist weg, der Vorhang auf, der Zauber gebrochen. Der Assistent ist geteilt und das Publikum am Boden. Habt ihr nun was ihr wolltet, oh großer Meister? Nein?! Wie viel braucht es noch, bis ihr endlich zufrieden seid?!“, sprudelte es ohne Pause aus dem Mann heraus, während dieser überschwänglich vor Gwyn auf und ab marschierte. Er warf sich die Kapuze seines schwarzen Mantels über und verstellte seine Stimme.

Ich bin ein Gott, eine höhere Macht. Allein hierher gereist, nur um dir deine tiefsten Wünsche und Sehnsüchte zu erfüllen“, flüsterte er plötzlich in Gwyns Ohr, während lediglich die grünen Augen und ein fieses Grinsen unter dem Schatten der Kapuze erkennbar waren.

Ein bisschen Dankbarkeit wäre nicht fehl am Platz, findest du nicht auch? Kikiki…“, kicherte Delirias vor sich hin, während er sein Gesicht zum Himmel streckte.

Es reicht.“, sagte Gwyn, als hätte er bemerkt, dass seine Angst nur zum Spot diente, „Noch bin ich nicht verzweifelt genug, um solchen Schwachsinn zu glauben.“, allmählich rappelte er sich auf und putzte sich die kleinen Kieselsteine von der Kleidung.

Und genau aus diesem Grund werde ich jetzt gehen. Mach was du willst. Noch nie habe ich so einen Unsinn erlebt.“. Zum ersten Mal war Delirias ernsthaft interessiert an Gwyns Verhalten. Ebenso wie er es schaffte problemlos zwischen infantilen Späßen und unheilvollen Drohungen zu wechseln, so hatte auch Gwyn innerhalb weniger Sekunden ihr Treffen als banalen Streich seines Geistes abgestempelt und war im Begriff zu gehen. „Du spielst mit meinen Gefühlen. Haben wir uns nicht gerade erst kennengelernt? Solltest du mich nicht zumindest zum Essen ausgeführt haben, bevor du mich verlässt?“, stichelte Delirias weiter, der die Situation sichtlich genoss.

Ohne weitere Bemerkung verließ Gwyn augenblicklich das Areal und tatsächlich schien das seinen Zustand zu stabilisieren. Nicht länger schien er verfolgt zu werden, von der wahnsinnigen Gestalt die sich selbst Delirias nannte. Er sah sich auf dem Weg zurück noch einige Male um, doch nirgends war auch nur eine Spur von der Gestalt zu sehen. Die Stimme verstummte, die Schatten verschwanden und das Lachen versiegte. Alles war ruhig, bis auf den seichten Abendwind der durch seine Kleidung flatterte.

Angekommen an seiner Haustür, der gewohnten Nr. 221A, griff Gwyn tief in die Seitentasche seines Mantels, auf der Suche nach seinem Schlüssel. Als er schließlich fündig wurde, bemerkte er, wie ein schweres Objekt mit einem stumpfen Knall zu Boden fiel. Ohne groß nachzudenken, beugte er sich um nachzusehen. Doch während er seine Hand danach ausstreckte, zuckte er plötzlich zusammen. Vor ihm lag ein geöffnetes Metallschloss, allerdings ohne den dazugehörigen Schlüssel. Lediglich Dellen und Spuren von Abnutzung an der Seite, wo das Schloss geöffnet worden war, waren zu sehen. „Das reicht!“, rief er lauthals. Er hatte endgültig genug. Bereits zu oft, hatte er sich heute seine Schwächen eingestanden und beinahe den Verstand verloren. Sogleich beförderte er das Stück Metall mit einem schwungvollen Wurf in das nächstgelegene Gebüsch und kümmerte sich nicht weiter darum.

Er öffnete die Tür zu seinem Haus und ließ sie langsam hinter sich zufallen. Wie so oft tat er so, als hätte er etwas nicht gesehen. Dadurch musste er sich nicht weiter damit auseinanderzusetzen. Eines bemerkte er dabei jedoch nie. Sein Unterbewusstsein vergaß nichts. Ausgelaugt und müde schloss er seinen Tag in Gedanken ab, während seine Augen in seinem Bett allmählich zufielen. Die grünen Augen einer verstörenden Gestalt blitzten ein letztes Mal furchteinflößend vor seinem geistigen Auge auf, bis sein Körper schließlich seiner Erschöpfung nachgab und er in das Land der Träume abdriftete.

Dich Sah Ich Wachsen

Er schaute sie noch immer gerne an. Für John war sie das Symbol dafür geworden, dass alles gut werden kann, wenn man bereit ist, sich den umgebenden Herausforderungen zu stellen. Gemeinsam hatten sie viel durchgemacht. Und auch, wenn er den Glauben an sich oft verloren hatte, an sie hatte er immer geglaubt.

Im Alter von 6 Jahren, John wohnte mit seiner Mutter in der Torstraße in Berlin – ehemals Wilhelm-Piek-Straße – , wurde John die Aufgabe zu teil, Yasmin zu beschützen. Er weiß es noch wie gestern. Es war ein feierliches Ritual. Alle ihm zu Ehren erschienenen Gäste feierten den Tag seiner Einschulung. Es gab viele Geschenke, von denen er die meisten mit den Jahren weggeschmissen und vergessen hatte. Kaum zu glauben, dass sie auch ein Geschenk war. Er wusste nicht mehr genau, von wem er sie bekam. Allerdings wusste er noch genau, wie sehr sie ihm gefallen hatte und wie sehr er sich über sie freute. Sie war lebendig und wunderschön.

Doch wie das so ist mit neuen Dingen: John verlor ziemlich schnell das Interesse an ihr. Und bald war sie halt nur noch da. In dieser Zeit kümmerte sich seine Mutter um sie. Die Zeit verging und hin und wieder blickte John Yasmin an. Er respektierte, wie sie sich stetig weiterentwickelte. Sie erwartete nicht viel von anderen und war dabei selbst sehr leistungsorientiert.

Als John 18 wurde, zog er aus. Er nahm Yasmin mit. Seine erste eigene Wohnung war in einem Hinterhof, sehr nahe am Mauerpark, in der Korsörer Straße. Sie war ziemlich düster und obwohl sie relativ weit oben war, schien nie die Sonne herein. Das gefiel Yasmin nicht. Oft war John traurig und er wusste nicht, was aus ihm werden sollte. In dieser Zeit ließ er sich gehen. Oder: er wurde gehen gelassen. Man hatte ihn einberufen und so machte er den Grundwehrdienst. Er mochte Gewalt nicht. Es wäre ein leichtes für ihn gewesen, sich davor zu drücken. Doch er ließ es über sich ergehen. Danach wurde ihm vom Jobcenter eine Ausbildung aufs Auge gedrückt. Auch diese Jahre hatte er erfolgreich absolviert. Aber halt nur weil man ihn dazu drängte und mit Sanktionen drohte. Es geschah wenig aus ihm heraus.

Auch Yasmin fiel dieser Antriebslosigkeit zum Opfer. Er kümmerte sich zu wenig um sie. Um so erstaunter stellte er gelegentlich fest, dass sie nicht aufgab. Sie war sehr bescheiden. Doch auch die wenigen Bedürfnisse die sie von ihm zu befriedigen wünschte, konnte er nicht bedienen. Und dennoch: Sie machte weiter.

Im Alter von 23 Jahren zog John mit einem Mädchen zusammen in die Binzstraße in Pankow. Ihr Name war Nina und sie war sehr liebevoll. Sie behandelte John trotz seiner oftmals selbstzerstörerischen Art sehr gut und war nachsichtig mit ihm. Ich denke, Nina glaubte an John, wie John an Yasmin.

Die Jahre in der Hinterhofwohnung hatten ihre Spuren an Yasmin hinterlassen. Ihr Hals war lang und dünn und konnte den schmalen kleinen Kopf kaum halten. Die neue Wohnung hatte einen Balkon im vierten Stock – Südseite. Das bedeute es war die meiste Zeit des Tages schön sonnig und sehr windig. John konnte Yasmin nicht mehr leiden sehen. So entschied er sich kurzerhand, ihr den Kopf abzuschneiden.

Nach einigen Wochen in einem Wasserglas bildete Yasmins abgetrennter Kopf kleine Wurzeln am unteren Ende, mit denen sie zu verstehen gab, dass sie wieder eingepflanzt werden möchte. John tat, wie sie verlangte und stellte sie dann auf den Balkon. Sie entwickelte sich hervorragend und John liebte sie dafür. Der ehemals kleine Kopf bildete einen kräftigen Hals aus, der nach kurzer Zeit zu einem ansehnlichen Stamm reifte. Nach all den Jahren des Leides war sie dennoch im Stande im richtigen Moment alles zu geben was geht. Er schaute täglich nach ihr und ob sie alles hatte, was sie brauchte.

Zu Yasmins Bedauern trennten sich Nina und John bald. Die Zeit in Pankow hatte ihr sehr gut getan und es war ungewiss wohin es sie beide nun ziehen würde. Nach ein paar Monaten bei einem von Johns Kumpels zogen sie gemeinsam in eine Wohnung in der Berliner Allee, direkt am Antonplatz. Es war eine schöne Wohnung mit einem amerikanischen Wohnzimmer. Allerdings schien hier wieder keine Sonne rein und es gab keinen Balkon. Dafür war die Wohnung hell. Yasmin hatte sich wieder zu einer kleinen Schönheit entwickelt. Sie hatte einen kräftigen Stamm und einen schönen Kopf mit vielen Blättern. John gab ihr regelmäßig Wasser und setzte sich oft zu ihr. Sie kannten sich mittlerweile seit 20 Jahren und John war sich ihrer Bedeutung für sein Leben bewusst. Er hätte auf alles in diesem Haus verzichten können. Aber nicht auf sie. Zu dieser Zeit ging es ihm wesentlich besser als mit 18 und sie war die einzige Zeugin seiner gesamten Entwicklung. Nüchtern betrachtet stellte sich die Frage, wer hier wem beim wachsen zu sah. Er ihr? Oder sie ihm? Oder, oder sie sich.

Für John sollten jedoch negative Entwicklungen folgen, die Yasmins Entwicklung später postiv beeinflussen würden.

John war den Arbeitsalltag leid und so entschied er sich zu kündigen. Er hatte keine Ahnung, was er machen sollte. Er hatte ein bisschen Geld gespart, um die nächsten Monate durch zu kommen. Er wollte nicht wieder zum Arbeitsamt. Es bot sich ihm ein Möglichkeit, auf Rechnung Geld zu verdienen. Das heißt er konnte sich seine Zeit selbst einteilen und wenn er mal keine Lust hatte zu arbeiten, nahm er den Job halt nicht an. Mit der Zeit musste er jedoch feststellen, dass sein Erspartes immer weniger wurde und die monatlichen Einnahmen oft nicht reichten, um seine Ausgaben zu decken. Es kam wie es kommen musste. Zuerst konnte er die Krankenversicherung nicht mehr bezahlen, dann die Miete. Die fristlose Kündigung seitens des Vermieters, zu dem von Anfang an kein gutes Verhältnis bestand, ließ nicht lange auf sich warten, nachdem John die Mietzahlungen ausetzen musste. John und Yasmin zogen zu Johns Oma nach Mahlsdorf. Johns Oma wohnte in einer Doppelhaushälfte mit einem Garten. Das war das Paradies für Yasmin. Hier stand sie nun im kommendem Jahr vom Frühling bis zum Herbst und konnte wachsen und wachsen. John betrachtete sie oft andächtig und fragte sich gelegentlich, wie aus diesem kleinen Pflänzchen, mit dem dünnen, schmalen Hals nur so ein schöner Baum werden konnte.

John ging wieder einer geregelten Arbeit nach und arrangierte sich mit dem Alltag. Er hatte nun schmerzhaft am eigenen Leib erfahren, was passierte, wenn er von jetzt auf gleich und ohne Plan versuchte auszubrechen. Eines Tages kam er nach der Arbeit nach Hause, ging in den Garten, wo er sich voller Hingabe Yasmin widmete. Zu seinem entsetzen stellte er fest, dass sie eine Wunde hatte. Diese Wunde war beinahe lebensbedrohlich. Jemand hatte ihr ein leicht trockenes Blatt abgerissen. Der Riss war so tief, dass die Stabilität des Kopfes gefährdet war. John war außer sich und stellte seine Oma zur Rede. Diese meinte, man müsse die trockenen Blätter eben entfernen. Sie gab ihm den Tipp Yasmin zu köpfen und den Kopf einfach neu einzupflanzen. Yasmin köpfen… päh. Damit würde er mal eben 4 Jahre Pflege zu Nichte machen. Und das nur, weil er mal kurz nicht aufgepasst hatte. Die Oma hatte Recht. Man konnte und sollte die trockenen Blätter entfernen. Allerdings musste man diese abschneiden, sodass man der Pflanze keinen Schaden zufügte. Die Wunde heilte langsam und wurde zu einer Narbe. Yasmin kam drüber hinweg, ohne dass sie erneut geköpft wurde. Nach ein paar Monaten war die Stelle, die einmal eine Wunde war, sogar noch härter, als der Rest des Stammes.

John bezahlte alle seine Schulden und nahm sich bald wieder eine eigene kleine Wohnung. Er achtete darauf, dass sie günstig war, damit er nicht mehr so viel arbeiten musste. Was aber wichtiger für ihn war, sie musste einen Balkon haben. Der Garten der Oma hatte ihn wieder in Erinnerung gerufen, wie wohl sich Yasmin im Freien fühlte, wenn es warm war.

Die Jahre vergingen und Yasmin bekam hin und wieder einen größeren Topf. Wenn es kalt wurde nahm er sie rein und wenn es warm wurde, stellte er sie raus. Eines Tages stellte John fest, dass sie größer geworden war, als er. Und er dachte bei sich, wie schön, dass sie noch bei ihm war und nie aufgegeben hatte.

Eine Tolle Karriere – Part 1

Was ist moralisch verwerflicher: Einen für die Mehrheit beschissenen Zustand aus Eigeninteresse mit edlen Worten zu vertuschen oder einen für die Mehrheit beschissenen Zustand aus Eigeninteresse mit beschissenen Worten zu benennen?

Ich hatte mal wieder einen Jobwechsel hinter mir. Mein neuer Job war die Art von Job, die man macht, um Geld zu verdienen. Nicht die Art von Job, bei der man Erfüllung findet und am Ende des Tages zurückblickend sagt: „Wow! Heute war ein toller Tag und ich habe einen wertvollen Beitrag für die Gesellschaft geleistet.“. Nein, so ein Job war das nicht. Es war ein Job in einer kleinen Firma, die sich auf den Großhandel von Smartphone Zubehör spezialisiert hatte. Ich hasse Smartphones. Insgesamt waren wir vielleicht 25 Mitarbeiter. Meine Aufgabe war es Produkte rückabzuwickeln, die innerhalb der Gewährleistungszeit Defekte aufwiesen und zurück gegeben wurden. Die einzelnen Schritte dieser Abteilung waren so erbärmlich monoton, dass ich mir jegliche Details an dieser Stelle spare. Die Kollegen aus dem Lager stapelten uns die Scheiße Palettenweise vor die Tür. Es war die Art von Job, bei der man es mit einem Chef zu tun hat, der alle paar Wochen braungebrannt vorbei schaut, die Zahlen checkt und den guten Kumpel spielt, während er dir sonst ins Gesicht scheißt, indem er dir einen so beschissenen Lohn zahlt, dass es gerade reicht, um dich am Wochenende so zu besaufen, um die vergangene Woche zu vergessen und die nächste zu überstehen. Kein Weihnachtsgeld, kein Urlaubsgeld, keine Perspektive. Nur ein verfickter Gehaltsstreifen und ein paar erbärmliche Kröten. Mein Arbeitsplatz befand sich am Rande des Lagers. Die Kollegen strahlten Resignation aus. Diese wurde nur durch ihren Sarkasmus übertroffen. Ich wusste nie wer was Ernst meint. Außer wenn es um den Job ging. Hier waren alle Todernst. Ein Blick in ihre leeren Augen ließ mich oft daran zweifeln, dass sie überhaupt noch lebten.

Hättest du in der Schule doch nur besser aufgepasst!“, hörte ich mir oft, eine Stimme vorwerfen. Ja und dann? Was dann? Dann hätte ich wahrscheinlich nicht in dem beschissenen Lager gesessen, sondern in irgendeinem feschen Startup rumgepimmelt. Ich hätte dem schwuchteligen Gründer den Speichel meiner Vorgesetzten aus der Arschritze geleckt, in der Hoffnung, dass er mich nicht feuert, wenn er mal wieder schlechte Laune hat, weil ihm keiner glaubt, dass er Hetro ist, obwohl er der häßlichen Personal-Abteilungsleiterin zwei Kinder gemacht hat. Wahrscheinlich wäre es so ein Startup gewesen, welches seinen potenziellen Kunden, durch immens hohe Marktingbudgets, ein Produkt verkauft, was es so gar nicht gibt und seine Mitarbeiter nur durch die Spenden von sehr reichen Wohltätern bezahlen kann, die das ganze für eine gute Investition halten.

Nebenbei bemerkt, wäre das natürlich nur das Ziel gewesen. Erst einmal hätte ich meine kostbare Lebenszeit weiterhin damit verbringen dürfen, irgendeinem Wichser zu zuhören, der sich für ne große Nummer hält, weil er jahrelang den Scheiß auswendig gelernt hat, den dann ich auswendig hätte lernen sollen. In dieser Zeit hätte ich mir ausgemalt wie rosig das Leben schmecken wird, wenn der Müll vorbei ist, um dann endlich mit Ende Zwanzig eine Delikatesse aus Klabusterbeeren übergossen mit Vorgesetztenspeichel vom Arsch meines Geschäftsführergründers kredenzt zu bekommen.

Nein danke! Dann doch lieber die frustrierten Sarkasten von HandyCountry.

Wie einem das Leben aufs Maul hauen kann, habe ich schon früh gelernt. Dazu brauchte ich nicht auch noch ein jahrelanges Studium mit der Aussicht auf nen Arschkriecher Job.

Doch wie rauskommen aus der verfickten Scheiße? Wie zur Hölle rauskommen aus dem beschissenem Hamsterrad….

Fortsetzung folgt.

Die Künstlerin

Es war an einem Samstag Nachmittag im Januar. Ich saß in der Tram auf dem Weg zum Einkaufszentrum am S-Bahnhof Schöneweide. Trotz einer mehrtägigen Trinkpause schwirrte mir noch immer ein leichtes, dumpfes Katergefühl durch meinen Schädel. Eine gewisse Trägheit, welche nur durch den Konsum von Marie J ausgelöst wird, steckte mir zusätzlich in den Knochen.

Dieser Zustand, eine gewisse Betäubtheit, konnte meine Anziehung zum anderen Geschlecht jedoch nicht unterdrücken. Nichts kann das. Mein letzter Sex war sicherlich drei Wochen her. Und der war nicht gut. Der letzte gute war 7 Monate her. Und das ist eine verdammte lange Zeit.

Als ich so halb benebelt, mehr als sexuell ausgehungert in der Straßenbahn saß, sah ich wie an der Haltestelle Wilhelminenhofstraße Ecke Edisonstraße eine attraktive Frau in meine Bahn stieg. Sie trug ein Lächeln auf den Lippen und ich… ich hatte einen stehen. „Wann spreche ich sie wie am besten an?“, ging es mir durch den Kopf. Sie stellte sich hinter mich. Noch zwei Stationen bis ich raus musste.

Erfahrungsgemäß ziert sich das schöne Geschlecht, sobald man ihm gegenüber, auf so engem Raum und vor den Augen von Unbeteiligten, die eigenen Absichten offenbart. Erschwerend kam hinzu, dass die Dame hinter mir stand. Ich hätte ihr nach einer ziemlich umständlichen Drehbewegung erklären müssen, was man jemandem so erklärt, auf den man es abgesehen hat. Nicht sehr elegant. Es wäre vermutlich der Eindruck entstanden, ich hätte es sehr nötig.

Meine Beine wurden weich. Ich bekam Angst, meine Beute zu verlieren oder schlimmer noch: sie zu verscheuchen. Also bloß nicht in der Gesindelkutsche angreifen. Cool bleiben. Durchatmen.

S-Bahnhof Schöneweide“. Aussteigen Bitte! Ich zog es vor das öffentliche Reisegefährt gemächlich zu verlassen, während der Pöbel wie immer ein Wettrennen der Fetten und geistig Beschränkten veranstaltete. Nicht jedoch meine Beute. Während am Ausgang das Gestöhne und Gemecker begann, blieb sie hinter mir stehen. War der Moment günstig? Sollte ich attackieren? Nein – zu hektisch. Cool bleiben!

Sie ging an mir vorbei. Ich hinter ihr her. Zügigen Schrittes nahm sie Kurs auf den S-Bahnhof. Ich folgte ihr langsam. Der Abstand wurde größer. Sollte ich die Sache sein lassen? Was wenn sie nein sagte? Wozu überhaupt? Was wollte ich ihr denn sagen? „Hallo, schöne Titten! Bock zu bumsen?“ oder „Nja, mir ist da was aufgefallen. Du trägst da ein seltene Jeansjacke, wie ich sie zuletzt bei meiner Urgroßmutter sah. Wie du zu diesem Stück kamst, solltest du mir unbedingt bei einem Museumsbesuch erörtern.“. Scheiße! Zu meinen weichen Knien gesellten sich kalte Füße. Mir flogen Argumente durch den Kopf, warum es besser war, sie nicht anzusprechen. Und weil ich eigentlich nicht zur S-Bahn musste, sondern, du erinnerst dich, ein anderes Ziel hatte, stand ich nun vor dem Bahnhofsgebäude und sah zu, wie sie sich weiter und weiter von mir entfernte.

Und während ich mich meinen Zweifeln ergab, begannen meine Beine zu laufen. Erst Schritt für Schritt, dann immer schneller. Etwas in mir hatte entschieden. Ich musste sie unbedingt erreichen, bevor sie bei den Treppen ankam.

Um sie nicht zu erschrecken, durfte ich ihr nicht einfach von hinten meine Hand auf die Schulter legen. Also nährte ich mich von der Seite, bis sie mich aus dem Augenwinkel sehen konnte. Ich sagte: „Entschuldigung.“. Sie drehte ihren Kopf zu mir und blieb langsam stehen. Dummerweise stolperte sie über eine Kante, als sie mir ihren Körper zuwandte. Ich hielt sie am Arm und sagte: „Sorry, ich wollte dich nicht erschrecken. Du bist mir in der Bahn aufgefallen. Ich finde dich ziemlich attraktiv. Hast du Lust mal mit mir nen Kaffee trinken zu gehen?“. Sie: „Hm, ja ok.“. Ich: „Cool. Dann gib mir am besten deine Nummer und wir machen was aus. Ich bin Rico.“. – „Ich bin die Künstlerin.“. Wir holten unsere Handys raus. Während ich ihre Nummer eintippte, tauchten dank der Auto-Vervollständigung Nummern einiger vergangener Liebschaften auf meinem Display auf. Die Kellnerin, die Köchin, die Sekretärin, die Personalerin, die Controllerin, die Marketingangestellte, die Geschäftsführerin, die Einlasserin, die Garderobistin, zwei, drei Ladys von der Tanzfläche, die eine hinter der Bar, die andere hinter der Bar, die Clubbetreibererin, die Polizistin, die Anwältin, die Staatsanwältin, die Richterin, die Strafvollzugsbeamtin, die Notärztin, die Krankenschwester, die Chefärztin. Während die Parade an uns vorbei zog sagte sie kein Wort. Anscheinend wusste sie worauf es hinaus lief.

Abschließend sagte ich ihr, dass ich mich darauf freue sie bald zu treffen. Wir verabschiedeten uns.

Am nächsten Abend, so gegen neun, dachte ich mir: „Alter, du musst dich bei ihr melden und ihr zeigen, dass du sie willst.“. Gedacht, getan. Ich rief sie an. Sie war spontan genug sich mit mir am selben Abend zu treffen. Wir verabredeten uns zum Essen bei einem Inder um die Ecke. Witzig. Dort hatte ich ca. ein Jahr zuvor das erste Date mit der Zahnärztin.

Die Künstlerin erzählte mir, dass sie aus Bratislava komme und vor knapp 1 ½ Jahren nach Berlin kam, um hier zu studieren. Das erklärte ihren erotischen Akzent. Seit ihrer Kindheit zeichne sie leidenschaftlich gerne. Zur Zeit hauptsächlich mit Aquarell. Sie holte ein Büchlein hervor in dem sich Skizzen und aktuelle Werke befanden. Sie war gut.

Nachdem Essen verließen wir das Lokal und ich fragte, ob sie noch bei mir einen Film schauen wolle. Sie stimmte zu. Der Sex an dem Abend war der beste, den ich seit langem hatte.

In den folgenden drei Wochen trafen wir uns regelmäßig. Ich verliebte mich. Scheiße. Sie war großartig. Zumindest für mich. Zumindest in dem Moment. Sie hatte eine schlanke Figur, ein gebährfreudiges Becken und einen wohlgeformten, handvoll großen Busen. Die Augen einer Löwin zierten ihr hübsches Gesicht. Ihr dunkelblondes Haar stand strohig in alle Richtungen ab und deutete daraufhin, dass sie eine Kreative war. Und das war sie. Trotz einer langen akademischen Bildung waren Ihre Ansichten zu vielen Dingen außergewöhnlich und interessant. Sie war belesen und redete mit einer Engelszunge.

Auf der anderen Seite war sie in einigen Punkten lächerlich naiv und das obwohl sie 27 war. Ohne die Finanzierung ihrer Eltern hätte sie vermutlich ihre Wohnung verloren, oder sich an einen Mann gebunden, der sie unterstützt hätte. Aber so ist das mit den Langzeitstudis. Die Härte und auch die verborgenen Chancen des Berufslebens bekommen sie erst sehr spät zu spüren. Dennoch: Sie gefiel mir.

Zu meinem Leidwesen forderte sich mich bald auf, mich nicht zu verlieben. Zu spät. Leidenschaftlich gerne praktiziere sie die freie Liebe. Ich würgte innerlich, aber sagte kein Wort. Wenn ich mit den Bedingungen einverstanden sei, seien weitere Treffen möglich. Ich war einverstanden.

Wenn ich die Künstlerin in ihrer Wohnung traf, fand ich eine ausladend unordentliche Wohnung vor. Sie räume nur auf, wenn sie Besuch bekomme. Als ich fragte was ich denn sei, sagte sie: „Naja, nächste Woche kommt eine alte Freundin aus Bratislava. So einen Besuch meine ich.“. In der Zeit, in der ihre Freundin da war, trafen wir uns nicht. Als ich sie nach dem Besuch in ihrer Wohnung traf, war es tatsächlich ordentlicher.

Im Nachhinein betrachtet war die Künstlerin nicht nur unordentlich, sondern auch bei der Körperpflege nachlässig. Während ich mir die Mühe machte, vor jedem Treffen zu duschen, roch sie immer nach einem langen Arbeitstag. Nicht dass sie stank, es deutete jedoch darauf hin, dass sie ungepflegt war. Aber wo die Liebe hinfällt…

Nachdem ich diesen Zustand feststellte, spielte ich mit dem Gedanken, sie unter die Dusche zu schicken, wenn wir uns trafen. Es blieb beim Gedankenspiel. Entweder war ich zu verliebt, um auf diesen hygienischen Missstand hinzuweisen oder ich hatte Angst, meine frisch erworbene Quelle sexueller Befriedigung zu versiegeln. Vielleicht redete ich mir auch nur ein, dass ich verliebt war. Denn eigentlich hatten wir nur Sex, wenn wir uns trafen.

Bald schon meldete sich die Künstlerin nicht mehr bei mir. Wenn ich sie anrief, sagte sie mir, dass sie beschäftigt sei.

Zwei Wochen nach unserem letzten Treffen schrieb ich ihr eine Nachricht in der ich ihr offenbarte, dass ich an sie dachte und sie bald treffen wollte. Sie schrieb mir, dass ich nicht an sie denken sollte, sie im Moment total verwirrt sei, viel zu tun habe und wir uns eventuell nächste Woche treffen könnten. Eventuell nächste Woche?! Das war zu viel! Nachdem ich die Nachricht las, fuhr ich mitten in der Nacht zu ihr.

Zugegeben: Ich kam unangekündigt. Ihre Wohnung war sehr verwahrlost. Auch für ihre Verhältnisse. Überall lag schmutzige Wäsche und Zeug rum. In der Spüle stapelte sich schmutziges Geschirr bis zum Boden des darüber hängenden Küchenschrankes. Ich hatte sie kalt erwischt.

Sie befreite einen Stuhl von Kleidung und bot ihn mir an. Sie füllte zwei Weingläser randvoll mit Weißwein und exte ihrs. Ekelhaft. Ich trank nichts. Wie konnte eine so schöne, kluge und gebildete Frau nur so verloren sein?

Ich sagte, dass ich Klarheit wollte. Auch wenn das mit uns locker sei, erwartete ich regelmäßige Treffen. Wenn auch nur für Sex. Während sie zu jammern begann, wanderte mein Blick durch das Zimmer ihrer Einraum-Wohnung. Oh Gott, wie vermüllt es war. Mein Blick traf eine, neben der auf dem Boden befindliche Matratze, liegende Kondompackung. War gerade jemand hier?

Wut und noch mehr Ekel machten sich in meiner Bauchgegend breit. Ich ließ mir nichts anmerken. Sie weinte. Keine Ahnung warum. Offensichtlich wurde sie eben gebumst und hinterher kommt noch ein Idiot zum Quatschen. Is doch super.

Klarheit war mein Ziel. Diese hatte ich nun. Ich wusste nun, was ich vom Zusammensein mit einer Frau in Zukunft erwarten würde. Aus Höflichkeit sagte ich, dass ich mich freue, wenn sie mir bald mitteile, ob sie mich regelmäßig treffen wolle. Sie sollte sich Gedanken machen und sich dann melden. In Wahrheit wollte nun auch ich sie nicht mehr sehen. Ich ging.

Am nächsten Abend rief sie mich an. Sie sagte, dass sie vor die Wahl gestellt, mich nicht mehr treffen wolle. Ich sagte ihr, es sei ok und stimmte verständnisvoll zu. Auf einmal fing sie an mir im Jammerton zu erklären, dass sie sich von mir nicht angezogen fühlte. Offensichtlich. Sie könnte sich nicht weiterhin aus Höflichkeit mit mir treffen. Während sie jammernd weiter plapperte legte ich auf. Es war genug. Aufgrund eines gewissen Selbstschutzreflexes hatte ich in der Nacht zuvor alle Emotionen zum Rückzug aufgefordert. Und sie kamen.

Nach diesem Gespräch fragte ich mich allerdings, ob ich so bemitleidenswert wirkte, dass man das Gefühl bekam, sich aus Höflichkeit mit mir treffen zu müssen. Nicht etwa, weil mein Penis so groß war, oder ich so gut mit umgehen konnte, aufgrund meines Charmes oder außergewöhnlich guten Aussehens. Aus Höflichkeit?! Echt jetzt?

Mein Handy vibrierte. Eingehende SMS der Künstlerin. „Sorry, dass ich das am Telefon gemacht habe. Du findest sicher eine ganz ganz tolle Frau und wirst mega glücklich.“. Ich musste schmunzeln. Eine halbwegs geordnete Frau für regelmäßige Treffen wäre ein guter Anfang.

Die nächsten Tage verbrachte ich damit, die leichten Schmerzen zu verarbeiten, die mir die nun bewusst gewordene Abweisung zugefügt hatte. Ich fuhr mit dem Bus durch die Stadt.

Ich fragte mich, ob ich zu hart mit ihr war. Hätte ich mir dieses nicht enden wollende Klagelied bis zum Schluss anhören und ihr sagen sollen, dass es mein Fehler war? War es mein Fehler? Vielleicht. Offensichtlich war sie mindestens an jenem Abend in einer katastrophalen Verfassung und ich hatte nur an mich und meine Ego gedacht. Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Ich schrieb ihr, dass ich mich dämlich verhalten hätte und es mir leid tue. Wenn sie reden wolle oder Hilfe brauche, könne sie sich gerne bei mir melden. Mehr konnte ich nicht tun.

Während ich schweren Herzens mit dem Bus durch die Stadt fuhr, sah ich am Alexanderplatz eine attraktive Frau zu mir in den Bus steigen. Alles war vergessen. Sie setzte sich mir gegenüber, schaute mich jedoch nicht an. Im meinem Kopf kreiste nur eine Frage: „Wann spreche ich sie wie am besten an?“.