Autor: 74646340

Roter Lippenstift

Autor: Katja Frühauf

Schnipp. Schnapp. Schnipp. Schnapp.

Ihre Haare Fallen auf den Boden. Nun sind sie wieder kürzer. Umspielen ihre Schultern nicht mehr. Nur noch ihr spitzes Kinn, welches sie nach vollendeter Arbeit stolz nach vorn reckt. Ja, jetzt fühlt sie sich besser. Frei. All die alten Erinnerungen hat sie abgeschnitten. Sie ist nicht mehr verträumt. Sie ist gefallen und wieder aufgestanden und nur ihr Glaube hat ihr dabei geholfen. Sie ist stark, auch wenn sie sich nicht immer so fühlt. Deshalb die neue Frisur. Als Symbol. Sie färbt sie neu ein, streift die alte Farbe, Person, die sie war, ab.

Die Farbe wirkt ein und der beißende Geruch nach dem Tönungsmittel schmeichelt ihrer Nase. Der Duft der Selbstbestimmtheit. Wie als würde diese Veränderung aus ihr einen neuen Menschen machen. Symbolisch.

Und so fühlt sie sich auch. All die Tränen der letzten Monate sind getrocknet. Ihr gebrochenes Herz heilt und auch wenn die Narben nicht komplett verschwinden werden, der alte Schmerz kann ihr nichts mehr anhaben.

Sie hat ihn überwunden, hat alles hinter sich gelassen und einen Neustart gewagt. Neue Wohnung, neue Kleidung, neue Möbel, neue Freunde. All jene, die sich nie für sie interessierten, hat sie endgültig abgeschrieben. Sie wird ihnen nicht mehr hinterher rennen.

Während sie die Reste der Haarfarbe vom Kopf herunter spült, überlegt sie, was sie wohl mit dem angebrochenen Abend anstellen soll. Die neue Frisur ist es wert, ausgeführt zu werden, denkt sie.

And then she’d say: It’s OK, I got lost on the way. But I’m a Supergirl and Supergirls don’t cry.
And she’d say: It’s all right, I got home late last night. But I’m a Supergirl and Supergirls just fly.

Sie lächelt. Zum ersten Mal seit langer Zeit. Rea Garvey hat Recht, einfach die Angst weit weg schieben und wieder aufstehen. Sie hatte es geschafft und sie würde nicht mehr weinen. Es wird ihr Abend.

Streift die alten Klamotten ab und sucht sich neue aus dem unberührten Stapel. Sie will sich besonders fühlen. Zeigen, wie stark sie geworden ist, dass sie auch allein zurecht kommt.

Schicke Unterwäsche, das muss sein. Heute will sie das Komplettpaket und sich rundum wohl fühlen. Schwarzes Top und ein schickes T-Shirt darüber. Die enge Röhrenjeans an, die ihre langen Beine perfekt in Szene setzt. Dazu die passenden Turnschuhe, Lederjacke und ihr Lieblingsparfüm. Der süße, leichte Duft vermischt mit dem ihrer frisch gefärbten Haare gibt ihr Kraft. Sie atmet tief durch und stellt sich vor den Spiegel, betrachtet ihr Werk. Es fehlt nur noch die passende Schminke.

Augen betonen, Wimperntusche, Rouge auf die Wangen. Fast perfekt. Sie lächelt ihr Spiegelbild an. Nur noch der rote Lippenstift fehlt. Doch diesmal nicht zu ihrem Business-Outfit, diesmal soll er ihre Weiblichkeit betonen, ihre Freiheit, ihre Leichtigkeit. Der rote Lippenstift ist ihr kleiner Mutmacher geworden. Wie oberflächlich, denkt sie. Eigentlich ist er nur eine Maske, hinter die sie sich zurück zieht, wenn sie nicht mehr gerade stehen kann, weil ihr die alte Angst und der Schmerz wieder in den Rücken fallen. Ihr Versteck, in dem sie vor Gott tritt und sich wieder auftanken lässt, bis sie wieder stark genug ist, um der Welt entgegen zu treten. Doch diese Seite wird sie nie mehr nach außen kehren. Nach außen hin will sie stark bleiben, damit niemand mehr auf sie eintritt, sie nicht mehr verletzen kann. Dazu der rote Lippenstift, ihr Mutmacher, Versteck. Ein weiteres Symbol. Und auch wenn ihre Augen in einem Moment nicht lachen, so betont der Lippenstift das falsche Lächeln auf ihren Lippen, das sie tapfer aufrecht erhält. Rein äußerlich, wenn ihr Innerstes zusammenbricht, dann steht noch immer die Mauer, die sie in den vergangenen Monaten um sich herum aufgebaut hat. Und los, die Nacht ruft.

Tasche umgehangen und noch einen letzten Blick in den Spiegel geworfen. Sie strahlt. Ihr Lächeln ist seit Langem das erste Mal wieder echt. Ihre Augen glitzern. Es wird ihre Nacht. Sie fühlt sich wohl, schließt die Tür hinter sich. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Alles oder nichts.

Sie will tanzen, sich der Musik ganz hingeben, die Augen schließen und alles hinter sich lassen, für einen Moment vergessen, wer sie ist. Ihren Körper in Trance zu dröhnenden Beats bewegen und sich frei fühlen. Sie muss niemandem etwas beweisen, will keinen Mann für die Nacht. Nur sie und die Musik für eine Nacht. Mit rotem Lippenstift.

Sie läuft durch die Nacht. Die Luft ist lau und überall tummeln sich partywütige Menschen. Sie lachen. Manche haben schon etwas viel Alkohol im Blut. Paare, die eng umschlungen durch die mit Straßenlaternen erhellten Straßen flanieren.

Und sie geht in der Menge unter. Zumindest stellt sie sich das vor, während sie mit durchgestrecktem Rücken und langen, wiegenden Schritten zielstrebig zu ihrem Lieblingsclub läuft. Lange war sie schon nicht mehr dort gewesen. Es ist ihre erste Nacht, die sie allein durchtanzen will. Sonst war sie immer mit ihren Freundinnen unterwegs gewesen, weil sie sich dann sicher fühlte. Doch heute haben sie alle abgesagt. Aber heute ist sie stark. Heute trägt sie ihren roten Lippenstift und stößt die Schwingtür auf, steigt die Treppen hinunter, der Musik entgegen.

Es riecht nach frisch gewischtem Boden. Nur wenige Menschen sind da. Kein Wunder, die Nacht ist noch jung. Sie bestellt sich einen Caipirinha. Bittersüß und kalt. Es ist zu viel Wodka. Aber bald schmilzt das Eis. Bitter-sauer-süß. Der Geschmack ihres Abends. Es ist ihr Lieblingsgetränk.

Die Wärme breitet sich in ihr aus und sie lächelt noch immer. Steht am Rand der Tanzfläche und stellt sich auf die Musik ein, fühlt den Takt, den Bass, die Drums. Sie schließt die Augen. Ihr Kopf wippt. Und immer wieder nimmt sie einen Schluck vom bittersüßen Cocktail, ihr Lippenstift hinterlässt Spuren am Strohhalm. Sie tanzt allein. Versucht, die Blicke der anderen zu ignorieren, die in Gruppen tanzend auf der Tanzfläche verteilt den Abend beginnen. Lächelt ihnen zu. Sie ist stark, trägt roten Lippenstift. Sie kennen sie nicht.

Der Club füllt sich. Die Musik wird lauter. Ihr Glas ist leer, doch der Geschmack bleibt. Bittersüß. Sie tritt vom Rand weg, auf die Tanzfläche. Schwingt die Hüften, dreht sich, will sich der Musik hingeben, fühlt den Bass im Bauch vibrieren. Schwummriges Licht wechselt die Farbe und die Nebelmaschine hüllt sie ein. Und sie schwimmt in der Musik, die Lippen bewegen sich zum Text. So soll es für den Rest der Nacht bleiben. Nur die Musik und sie, mit rotem Lippenstift.

Immer mehr Leute drängen auf die Tanzfläche. Sie tanzt sich durch die Lücken zwischen ihnen. Die Luft wird knapp. Sie riecht Schweiß, Parfüm, Nikotin. Sie schmeckt bittersüß. Ein sanftes Lächeln auf ihrem Gesicht. Das Lächeln hinter rotem Lippenstift.

Überall um sie herum fremde Menschen. Sie lächeln. Irgendwie fühlt sie sich mit ihnen verbunden. Verbunden in der Musik. Verbunden für eine Nacht, in dem sie zum selben Beat tanzen. Doch sie kann nicht loslassen. Da sind Hände. Hände auf ihrem Körper, die fremden Männern gehören. Sie will das nicht. Jemand hält ihre Hand fest, will sie an sich ziehen. Sie zieht die Hand zurück, doch der Fremde kommt zu ihr heran. Nein, sie will nichts trinken. Nein, sie will nicht mit ihm gehen. NEIN schreien ihre Augen ihm entgegen, doch er versteht sie nicht. Zieht sie wieder zu sich, legt die Hände auf ihre Hüften. Sie dreht sich aus seiner Umarmung, die ihr wie ein Gefängnis scheint. Er nimmt ihre Arme, will sie um sich schlingen, sie zieht weg. Er will mit ihr gehen, NEIN wiederholt sie. Schüttelt bestimmt den Kopf. Ihre kurzen Haare fliegen dabei. Doch er versteht nicht. Wendet sich ab.

Doch immer kommt er wieder, tut, als wäre sie seine Begleitung. Sie versucht, sich ihm zu entziehen, versucht, in der Menge unterzutauchen. Doch immer findet er sie. Sie kann nicht loslassen, kann die Musik nicht genießen, ihre Augen suchen ihn, immer versucht, sich vor ihm zwischen all den tanzenden Menschen zu verstecken. Doch immer findet er sie. Immer entwindet sie sich ihm, immer verneint sie. Hilfesuchend blickt sie in die Gesichter der anderen, doch sie scheinen ihre Verzweiflung nicht zu begreifen, sie hören ihren stummen Hilfeschrei nicht. Lächeln sie nur stumm an. Sie tanzt weiter. Halbherzig. Schmeckt bittersüß. Kaut an ihren Lippen.

Sie will nicht gehen, es soll doch ihre Nacht werden. Sie beobachtet zwei Frauen, die ihre Körper elegant zur Musik winden, in einer Wolke aus Innigkeit versunken. So will sie auch tanzen können. Aber sie kann nicht mehr loslassen. Schon wieder Hände auf ihrem Körper. Sie muss weg, geht zur Bar. Unterhält sich mit einer Fremden, die traurig aussieht, fragt sie, ob alles okay ist. Mutig, dass du allein hier bist, meint die Fremde. Ihr Freund kommt, die Fremde geht rauchen.

Der Mann zieht sie wieder auf die Tanzfläche. Sie unterhalten sich. Er ist nett und für einen Moment tanzt sie und genießt den Abend, weil er auf sie aufpasst, als hätte er ihren Hilferuf gehört. Er zieht sie näher an sich. Es stört sie nicht, denn er ist zart zu ihr, sie tanzen zusammen. Ihre Bewegungen verschmelzen, doch er kommt ihr immer näher. Seine Hände auf ihren Hüften, auf ihrem Bauch. Sie rutschen tiefer und sie entzieht sich ihm. Er hat eine Freundin und sie will keine Schlampe sein. Er akzeptiert den Abstand für eine Weile, doch sie merkt, wie er scharf wird, fühlt die harte Stelle zwischen seinen Beinen, während er sich von hinten an sie heran schiebt, während sie ihre Hüften kreisen lässt. Seine Bartstoppeln kitzeln sie am Hals, seine Lippen kommen gefährlich nah an ihren Hals, ihre Ohren. Und in diesem Moment fasst sie sich wieder, alle Lockerheit ist verschwunden. Sie bewegt sich nur noch halbherzig zur Musik, die Hüften versteift, die Arme nah an ihrem Körper.

Der andere Typ kommt wieder, er verfolgt sie. Sie fühlt sich gehetzt wie ein Tier. Ihr Wille wird nicht akzeptiert. Als wäre sie nicht die selbstbestimmte Frau, die sie immer sein wollte. Als müsste sie sich von den Fremden anfassen lassen und nach ihrem Willen tanzen. Doch das will sie nicht. Sie verkrampft immer mehr, tritt im Takt auf der Stelle, verkrampft ihre Lippen. Die Augen sind leer, ihr Lächeln verschwunden. Sie zieht die Hände weg, die der Fremde immer wieder zu schnappen versucht, dreht sich weg, schreit ihm ICH WILL NICHT entgegen. Sie nagt an ihren Lippen, der rote Lippenstift verwischt.

Die Luft wird ihr zu stickig. Sie kann nicht mehr atmen, kann nicht mehr tanzen. Die Musik ist zu laut. Der Nebel ist zu dicht. Sie bekommt den Kopf nicht frei. Zu viele fremde Männer, die ihr zu aufdringlich werden und denken, ihre Hände auf ihren Körper legen zu müssen, obwohl sie ihnen ausweicht. Sie fühlt sich wie ein aufgeschrecktes Tier. Hastet zum Ausgang.

Die kalte Luft schlägt ihr entgegen. Endlich! Jetzt ist sie frei. Weg von all den Fremden, weg von der dröhnenden Musik. Es ist nicht ihre Nacht.

Sie läuft durch die Straßen. Trifft Leute, die auf dem Weg zu Partys sind, trifft Betrunkene, Paare und all die zwielichtigen Gestalten, denen die Stadt in der Nacht gehört. Sie gehört nicht dazu. Sie kann nicht in der Menge untertauchen. Und Märchen sind nicht real.

Sie steckt sich die Ohrstöpsel ein. Ihr Handyakku ist fast leer. Aber jetzt braucht sie ihre Musik, die sie beruhigt und wieder zu sich selbst bringt. Sie atmet die klare Luft, hört auf die Geräusche der Nacht, während sie zur Straßenbahn läuft. Der rote Lippenstift ist verwischt, ihre Schminke vom Schwitzen verschmiert, ihre Haare hängen platt an ihrem Kopf herunter. Ihr Schritt ist schnell, aber nicht mehr wiegend. Nur weg hier.

In der Bahn ist das Licht grell, es nimmt die Illusion der Nacht, dass alle Menschen im dämmrigen Licht schön sind. Mit leerem Blick starrt sie aus dem Fenster, während die Lichter der Stadt an ihr vorbeiziehen. Nimmt die Betrunkenen um sich herum nicht wahr, bemerkt nicht die angetörnten Pärchen, für die die Nacht noch längst nicht zu Ende ist. Für sie schon und es war nicht ihre Nacht. Sie nagt an ihren Lippen, schmeckt ihr Blut. Metallisch auf bittersüß. Der rote Lippenstift verblasst, nur noch ein Schimmer des frühen Abends.

Sie steigt aus, läuft die dunkle, verlassene Straße nach Hause. Es war nicht ihre Nacht. Aber sie ist sie selbst geblieben. Sie muss niemandem etwas beweisen. Ihre Musik umhüllt sie. Ihre eigene Melodie, die sie mit niemandem anders teilt, sie taucht ganz darin ein, in der dunklen Nacht, auf der menschenleeren Straße. In diesem Moment fühlt sie sich frei. Frei von all den fragenden Blicken, warum sie allein unterwegs ist, frei von den fordernden fremden Händen.

Sie riecht einen Hauch ihres Parfüms, sie riecht Schweiß und fremde Gerüche, die in ihrer Kleidung hängen geblieben sind. Fühlt sich schmutzig. Sie muss unbedingt noch duschen, auch wenn sie am liebsten nur noch ins Bett will, muss die dreckigen Klamotten so schnell wie möglich ablegen und all den Schweiß und das Gefühl nach den fremden Händen abspülen, sich einhüllen in den süßen Geruch ihres Duschbades. In den Geruch aus Sauberkeit und Geborgenheit. Und sie will allein einschlafen, sich unter der warmen Decke vor der Nacht verstecken und den Anfang des Tages verschlafen.

Es beginnt zu regnen. Gleich ist sie zu Hause. Sie lächelt, riecht den Geruch der Nacht, riecht, wie der Regen den Staub der Stadt abwäscht. Riecht nasse Erde. Ihre Augen strahlen mit den Sternen um die Wette. Sie ist frei. Sie muss niemandem etwas beweisen. Sie ist sie selbst und wird es immer bleiben, wird immer sagen, wenn sie etwas nicht will, wird nicht nach dem Willen Fremder tanzen.

Ihr Lachen hört niemand, nur sie selbst und der Gott, dem sie so dankbar ist, dass er sie behütet, wenn sie durch die Nacht läuft, der sie wieder auftankt, wenn sie schwach ist und der sie nie verlässt. Und sie tanzt durch die Straße, im Licht der Laternen, während der Regen auf sie tröpfelt und den letzten Hauch roten Lippenstifts hinweg wischt…

Ein Stein kam ins Rollen – Kapitel 3

Kapitel 3 – Ein Achtel Pfund Butter

Autor: Elise W. Schiftan

Ein Weihnachtsabend im Jahre 1940 Elfriede war schon im Mantel, zog noch die Mütze über die Ohren und verabschiedete sich von ihren Kindern. Bedrückt begleiteten Lieselotte und Irmgard sie zur Tür, während der jüngere Bruder die Mutter mit den Worten umarmte: „Schade, Mutti, dass du ausgerechnet heute arbeiten musst.“ Hastig, beinahe flüchtend, eilte sie die Treppe hinab. Auf der Straße schlug ihr ein eisiger Wind entgegen, der Regen mit Schnee vermischt vor sich her trieb. Das Wetter passte zu ihrer Stimmung. Es war nun schon das zweite Weihnachtsfest, das sie ohne ihren Mann verbringen musste. Vor zwei Jahren hatten ihn die Nazis abgeholt und in ein Konzentrationslager gesperrt. Ehemals gute Freunde kannten sie plötzlich nicht mehr. Einige Monate später fiel die deutsche Wehrmacht in Polen ein. Der Krieg begann. Elfriede zog sich zurück, pflegte fast nur noch Kontakt zu Familienangehörigen. Ohne einen Pfennig Unterstützung musste sie allein für ihre drei halbwüchsigen Kinder aufkommen. Lieselotte, die Siebzehnjährige, wird im nächsten Herbst ausgelernt haben und endlich etwas zum Wirtschaftsgeld bei steuern können. Ein halbes Jahr später wird Irmgard, die Sechzehnjährige, so weit sein. Dann wird es hoffentlich leichter für sie. An Weihnachtsgeschenke war nicht zu denken. Das war es aber nicht, was sie so bedrückte. Es fehlte der Familienvater, und es war nicht ratsam über seinen Verbleib zu reden. Das empfanden sie als das Allerschlimmste. Im Sommer hatte sie auch noch ihre Mutter verloren. Es war zu viel. Traurige Feiertage, nein, dann lieber gar keine. So teilte sie ihren Töchtern mit, dass Weihnachten in diesem Jahr für sie ausfällt. Lieselotte und Irmgard protestierten: „Das kannst du doch nicht machen. Das wäre nicht in Papa‘s Sinn.“ Es half nichts. Sie verwiesen auf den jüngeren Bruder. Horst sei doch erst 14 und ginge noch zur Schule. Die Mutter blieb hart. Sie wolle das Wort „Weihnachten“ nicht mehr hören. Die ganze Weihnachtsdudelei ging ihr auf die Nerven. Niemandem durfte sie ihr Leid zeigen. Vor der betagten Schwiegermutter musste sie stark sein. Vor ihren Kindern musste sie stark sein. Ihrem Mann musste sie in den wenigen Briefen, die sie schreiben durfte, Kraft spenden. Dazu kam der zermürbende Kampf um das tägliche Brot, das nie reichte. Keiner fragte, wie sie damit fertig wurde. Wie sollte sie da den gefühlsbetonten Heiligabend ertragen? Wenn er nur erst vorüber wäre. Das der Meister sie für die Spätschicht am 24. Dezember einteilte, kam ihr gerade recht. In bittere Gedanken versunken, begann sie schweigend die Schicht.

Lieselotte, Irmgard und Horst, allein geblieben, setzten sich still an den großen Tisch. Wie leer die Wohnung plötzlich war. Wie laut die Uhr tickte. Die Zeit schlich dahin. Lange hielt es Lieselotte nicht aus. Sie schob ihre trüben Gedanken beiseite und stand mit einem Ruck auf. „Dann wollen wir mal! Wir hatten uns doch etwas vorgenommen“, erinnerte sie die Geschwister. Richtig, sie wollten Mutters Weigerung nicht hinnehmen. Ihre letzten Groschen hatten sie zusammen gekratzt. Es reichte gerade für ein paar Tannenzweige, Zuckerkringel und Pfefferkuchen. Horst musste alles im Keller verstecken. „Gib acht, dass Mutti nichts merkt“, ermahnten ihn die Mädchen, was er als total überflüssig empfand. Immer behandelten sie ihn wie einen kleinen Jungen. Von den Heimlichkeiten schien die Mutter wirklich nichts gemerkt zu haben. Nun holten sie geschwind ihre Schätze aus dem Keller. Den Karton mit dem Weihnachtsschmuck fanden sie auch. Zuerst mussten sie aber die Stube aufräumen und Staub wischen. Erst dann bedeckten sie die Kommode mit Weihnachtspapier. In die Mitte kam die Vase mit den Tannenzweigen, die sie mit Kugeln, Lametta und einigen Zuckerkringeln verzierten. Von den restlichen Zuckerkringeln und den Pfefferkuchen bereiteten sie einen bunten Teller. Den stellten sie links von der Vase. Auf die rechte Seite kam ein Geschenk für die Mutter. Lieselotte und Irmgard hatten mehrmals ihr Fahrgeld eingespart, indem sie einige Strecken zu Fuß liefen. Davon kauften sie eine Schachtel mit feinem Briefpapier und passenden Umschlägen. Jeden Monat durfte die Mutter einen Brief an den Vater schreiben. Mit diesem Briefpapier hatte er gewissermaßen teil an dem Geschenk. Als sie ihr Werk betrachteten, kam Ihnen die Kommode doch etwas leer vor. Horst, der gerne bastelte, meinte, die leeren Plätze könnten sie mit Papierketten füllen. Gesagt, getan. Schere, Klebstoff und Buntpapier kamen auf den Tisch, und zu Dritt wuchs schnell eine lange Kette. Nun sah ihr Weihnachtstisch nicht mehr so dürftig aus. Zuletzt deckten sie ihre Überraschung mit einem sauberen Laken ab, so dass nur der geschmückte Strauß heraus sah und würzigen Duft verbreitete. Irmgard schrieb noch einen Zettel: „Liebe Mutti, bitte nicht neugierig sein. Warte mit dem Aufdecken, bis wir aufgestanden sind. Deine Kinder“. Zufrieden legten sie sich schlafen.

Unterdessen arbeitete Elfriede wie an jedem anderen Werktag. Für Augenblicke vergaß sie den Weihnachtstrubel. Leider teilte Meta nicht die Schicht mit ihr. Sie war die einzige Kollegin, mit der sie gelegentlich ein vertrauliches Wort wechselte. Meta war geschieden. Ihr Sohn befand sich als Soldat an der Front. Gerade heute hätte sie sich über eine freundliche Zuwendung gefreut. Plötzlich hielt sie inne. Von den Kollegen drangen Gesprächsfetzen an ihr Ohr. Nein, das konnte nicht sein. Sie musste sich verhört haben. Sie hatte sich nicht verhört. Meta‘s Sohn würde nicht wiederkommen. Gefallen für Großdeutschland, wie es in der Amtssprache hieß. Nun ist Meta ganz allein, kein Mann und keine Kinder. Was wird aus ihr werden? Wie ein Blitz schoss es Elfriede durch den Kopf: Du hast auch einen Sohn! Noch ist er jung. Aber wenn sich der Krieg hinzieht, wirst auch du eines Tages Feldpostbriefe schreiben. Bei diesem Gedanken krampfte sich ihr Herz zusammen. Nur mit Mühe konnte sie weiter arbeiten. Unvermittelt erfasste sie Sehnsucht nach ihren Kindern, vor allem nach dem Sohn. Jetzt tat es ihr leid, sie am Weihnachtsabend allein gelassen und auch nichts Weihnachtliches vorbereitet zu haben. Nicht einmal einen einfachen Kuchen hatte sie gebacken. Was war nur mit ihr los? Sie konnte sich zu nichts aufraffen. Endlich hieß es „Feierabend“. „Frohes Fest!“ klang es allenthalben zum Abschied. Elfriede hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten.

Zuhause angekommen betrat sie leise das Schlafzimmer. Die friedlichen Gesichter der Schlafenden und deren tiefe Atemzüge wirkten beruhigend auf ihre angespannten Nerven.

Bevor sie sich selbst zur Ruhe legte, wollte sie noch einen Moment im Sessel sitzen und den Abend überdenken. Da entdeckte sie im Wohnzimmer den geschmückten Tannenstrauß, dessen Duft ihr angenehm in die Nase stieg. Sie las auch den Zettel. Bekamen es die Mädchen doch nicht fertig, Weihnachten ausfallen zu lassen! Hatten einfach Mutters – zugegebenermaßen ungerechten – Wunsch ignoriert. Elfriede konnte nicht böse sein. Im Gegenteil, sie atmete erleichtert auf. Dahinter steckte bestimmt Lieselotte, die etwas Aufmüpfige. Irmgard war mehr die Fügsame. Egal, die Überraschung war gelungen. Jetzt durfte sie ihr Trio, wie sie die Drei manchmal nannte, nicht enttäuschen. Sie brauchte drei Weihnachtsgeschenke und seien sie noch so klein. „Lass dir etwas einfallen, Elfriede“, sagte sie zu sich selbst. Sie hatte auch schon eine Idee. Doch zuerst musste sie ein paar Stunden schlafen.

Am Morgen des ersten Feiertages standen Lieselotte und Irmgard mit der Mutter vor der Kommode, während Horst feierlich das Laken abnahm. Berührt blickte Elfriede über den bescheidenen Gabentisch. Dann drückte sie Horst fest an sich. „Wenn ich euch nicht hätte…“, sprach sie mit weicher Stimme zu den Mädchen und bekam die Gedanken an Meta nicht aus dem Kopf. Ja, das Briefpapier sei genau das richtige Geschenk für sie, musste sie Horst immer wieder versichern. „Ach, ich habe in der Küche etwas vergessen“, rief sie plötzlich, lief davon und kehrte mit geheimnisvoller Miene zurück. „Das ist mein Weihnachtsgeschenk für euch“. Damit überreichte sie jedem einen Teller, auf dem gleichgroße Butterwürfellagen. Jeder Würfel wog genau ein Achtel Pfund, das sind 62,5 Gramm. Es war die Sonderration, die jede Person zu Weihnachten zusätzlich auf seine Lebensmittelkarte erhielt. „Ihr könnt das Achtel verspeisen, wie ihr möchtet. Ob ihr alles auf eine Scheibe Brot streicht, oder ob ihr die Butter in weitere kleine Portionen teilt, ist euch überlassen.“ Lieselotte und Irmgard jubelten.

Selbst entscheiden zu dürfen in einer Zeit, in der die Mutter aus der Not heraus jedem seinen Anteil zuwies, das zählte. Sie werden das unerwartete Butterklümpchen sorgsam einteilen. Ganz anders reagierte der ewig hungrige Horst. Mit großen Augen nahm er den Teller entgegen. Gleich zum Frühstück wird er sich sein Brot dick mit Butter bestreichen. Lieber einmal richtig gegessen, als immer nur gekostet. Elfriede schmunzelte. Sie wusste schon, was sie mit ihrem eigenen Achtel anfangen wird. Zufrieden setzten sie sich an den Frühstückstisch. Die Geschwister bedankten sich bei der Mutter, und Elfriede bedankte sich bei ihrem Trio. Den nächsten Brief an ihren Mann wird sie auf dem neuen Briefpapier schreiben. Sie wird ihm ausführlich berichten, wie sie sich gegenseitig Freude schenkten.

Ein Stein kam ins Rollen – Kapitel 2

Kapitel 2 – Meine alte Nähmaschine erzählt

Autor: Elise W. Schiftan

Ich bin eine PFAFF-Nähmaschine, Baujahr 1938. In meiner Jugend galt ich als modern, denn ich hatte einen Motor.

Deine Eltern erwarben mich auf Abzahlung, weshalb ich von der ganzen Familie mit großem Respekt behandelt wurde. Als Dein Vater kurz darauf von den Nationalsozialisten verhaftet wurde und damit über Nacht der Ernährer fehlte, fürchtete ich schon, Euch verlassen und wieder in die Verkaufs stelle zurückkehren zu müssen.

Das hätte mir leid getan, denn Deine Mutter hatte sich mit mir einen Wunsch erfüllt und sich sehr über mich gefreut. Wie sie das Kunststück fertig brachte, für Euch drei junge Menschen allein aufzukommen, Euch alle Drei einen ordentlichen Beruf erlernen zu lassen und trotzdem noch über einen langen Zeitraum hinweg die Raten für mich pünktlich zu entrichten, bewunderte ich sehr. In dieser Zeit sah ich sie viel weinen. Aber ich freute mich auch, wie pfleglich Ihr mit mir umgegangen seid.

Nur einmal wurde ich ernstlich böse. Weil Du zu bequem warst, Dir eine harte Unterlage zu suchen, hast Du meine schöne glatte Arbeitsplatte missbraucht, hast einen grobkantigen Kloben Holz darauf gelegt und dann mittels Hammer und Locheisen Löcher in ein Stück Stoff geschlagen. Konntest Du Dir wirklich nicht denken, dass ich das nicht vertrage? Du hast mir tiefe Rillen und Schrammen zugefügt, die bleibende Narben hinterließen. Und ich war doch noch nicht einmal abbezahlt! Lange konnte ich Dir nicht zürnen, denn Du hast aus Deinem Fehler gelernt. Wie sorgfältig Du mich regelmäßig gereinigt hast und wie stolz Du Deiner Mutter meine Einzelteile erklären konntest, nachdem Du Dir in der Berufsschule das notwendige Wissen angeeignet hattest, das hat mein metallenes Herz erwärmt. Wir wurden schnell Freunde.

Damals warst Du Schneiderlehrling in einem kleinen Zwischenmeisterbetrieb. Nach Feierabend verbrachten wir so manche Stunde miteinander. Immer hattest Du etwas auszubessern, zu verändern oder aus Altem etwas Neues anzufertigen. Dann ratterte ich ruhig und zufrieden, immer darauf bedacht, Deinen Händen zu gehorchen.

Manchmal hatte ich das Gefühl, Deine Stimmung zu erkennen. Wenn Du traurig warst, weil Du die leidvollen Augen Deiner Mutter nur schwer ertragen konntest und weil Du Dir Sorgen um Deinen Vater machtest, hast Du Dich zu mir geflüchtet. Dann habe ich meine Nadel besonders behutsam durch den Stoff geführt in der Hoffnung, Dich auf andere Gedanken zu bringen. In solchen Momenten wollten wir von keinem gestört werden.

Gegen Ende des Krieges hast Du geheiratet. Schweren Herzens, aber dennoch gern, trennte sich Deine Mutter von mir und gab mich als Hochzeitsgeschenk in Deine Obhut. Ich hoffe, Du weißt zu schätzen, wie viel Liebe Deine Mutter darin verbarg.

Endlich kamen andere Zeiten. Die Familie war wieder beisammen. Lachend ratterte ich, als Du aus Resten mehrere Kinderkleider nähtest und sie unter dem Motto ,,Rettet die Kinder“ als Weihnachtsgeschenk zur Linderung der Not zur Verfügung stelltest. Das war so ganz nach meinem Geschmack. Ich glaube, das war Weihnachten 1946 oder 1947.

Überhaupt ging es jetzt trotz der immer noch schweren Zeit fröhlich bei Euch zu. Eure beiden Kinder waren ein munteres Völkchen, an denen Ihr Eure Freude hattet. Doch nun wurde ich erst recht gebraucht. Viel zu schnell wuchsen die Jungen aus ihrer Kleidung heraus.

Beim übermütigen Umhertollen ging auch rasch etwas entzwei. Da zahlte es sich aus, dass wir beide ein eingespieltes Team waren.

Fast 50 Jahre lebte ich mit Euch. Dabei darf man dann schon altersschwach werden. Als Ihr Euch schließlich eine neue, elektronische Koffernähmaschine anschafftet, mit der ich natürlich nicht mithalten konnte, durfte ich Eurem zweiten Sohn und Eurer Schwiegertochter noch mehrere Jahre gute Dienste erweisen.

Ein Stein kam ins Rollen – Kapitel 1

Kapitel 1 – Ein Stein kam ins Rollen

Autor: Elise W. Schiftan

Der Morgen zeigte sich sonnig und warm. Meisen und Rotschwänzchen flatterten schon munter zwischen den Obstbäumen umher, als ich auf der Terrasse Platz nahm. Ich blickte auf einen bunten Blumenteppich. Dahinter versprachen Möhren, Kohlrabi, Kohl und Küchenkräuter reiche Ernte und viel Arbeit. Bei solch einem Anblick griff ich normalerweise unverzüglich zu Hacke, Schere oder Gießkanne. An diesem Tag drängte es mich zu einer ganz anderen Tätigkeit. Die Geräte blieben im Schuppen. Der Garten musste warten. Ich begann ein Vorhaben zu verwirklichen, das mir schon lange durch den Kopf ging. Heute sollte es endlich Gestalt annehmen. Ich wollte Erinnerungen aus meinem Leben aufschreiben. Mein Jahrhundert näherte sich dem Ende. In der Zeit der Inflation geboren, hatte ich seinen größten Teil erlebt. In zwölf Jahren werden das 21. Jahrhundert und sogar ein neues Jahrtausend beginnen. Es reizte mich, Rückschau auf mein ganz persönliches Leben zu halten. Aber was wird mein Gedächtnis dann noch hergeben, wo es jetzt schon große Lücken aufweist? Was weiß ich zum Beispiel noch von meiner Einschulung? Nur wenige Bilder sind davon in meinem Kopf geblieben, gar nicht zu reden von der Zeit davor. Wenn ich jetzt nicht anfange, mein Gedächtnis zu Papier zu bringen, werde ich wohl später nur noch eine Aufzählung von Ereignissen zustande bringen. An meinem 65. Geburtstag, im Frühjahr 1988, nahm ich mir vor, meine Gedanken aufzuschreiben. Unter dem Titel „Mein Jahrhundert geht zu Ende – Erlebnisse, Gedanken, Erinnerungen“ wollte ich wichtige Ereignisse aus meinem Leben schriftlich festhalten, ganz für mich allein und so lebendig, wie es mir möglich war. Silvester 1999 wollte ich dann Einkehr halten.

Für den Start war der Tag günstig gewählt. Mein Mann fuhr frühmorgens nach Berlin und würde erst am späten Nachmittag zurück sein. Ich war ungestört. Auf dem Tisch stand eine Kanne mit starkem Kaffee. Es konnte losgehen. Als Erstes wollte ich über jene Erlebnisse schreiben, die am nachhaltigsten mein Leben beeinflusst hatten. Das waren die Kriegs- und Nachkriegsjahre. Also rief ich mir die Jahre 1944 und 1945 ins Gedächtnis zurück.

Ein Ich vergaß alles um mich herum und schrieb und schrieb. Mein Gesicht glühte, mein Herz tat weh, aber ich schrieb mir alles von der Seele, was mich nach über vierzig Jahren immer noch belastete. Notgedrungen machte ich nachmittags Schluss, denn ich erwartete Karl zurück, der von meiner Schreiberei nichts erfahren sollte. Ich genierte mich. Wer weiß, ob er sich dafür interessieren oder – schlimmer noch – mich wegen meiner Gefühle auslachen würde. Sorgfältig versteckte ich die beschriebenen Blätter in der hintersten Ecke des Kleiderschrankes.

In unbeobachteten Augenblicken las ich sie heimlich und voller Befriedigung durch. Das konnte nicht mehr in Vergessenheit geraten. Der Anfang war getan. Ab sofort wurden Karls Berlin-Tage für mich zu Schreibtagen, leider viel zu selten.

Als die Wende kam, wurde die Gegenwart wichtiger als die Vergangenheit. Anfangs fast täglich, später in größeren Abständen notierte ich mehr oder weniger ausführlich meine Gedanken und Empfindungen zu all dem Neuen und Ungewohnten. Wie werde ich wohl im Jahr 2000 auf die gegenwärtigen, aufregenden Geschehnisse zurückblicken? „Was schreibst du bloß immer so viel?“, fragte Karl eines Tages. „Darf man das wenigstens mal lesen?“ In seinem Ton lag etwas Besonderes, so als wenn er mich bei einer verbotenen Handlung ertappt hätte. Mit klopfendem Herzen gab ich ihm als Erstes meine Schilderung über das Jahr 1945, die mir am gelungensten schien und wartete gespannt auf eine Reaktion. Dann kam es leise: „Das hast du aber schön geschrieben. So war es wirklich.“ Und nach einer Weile: „Das müssten unsere Kinder lesen. Sie sollten wissen, was das für eine Zeit war, in der wir unsere Familie gründeten.“ Ich staunte. Mir wurde ganz warm ums Herz. Karl lachte nicht, er hatte mich verstanden, welch ein Glücksgefühl! Endlich hatte die Geheimniskrämerei ein Ende. Von nun an wurde er mein erster und auf Jahre hinaus mein einziger Kritiker.

Die Wendezeit verging. Bürger der Bundesrepublik Deutschland zu werden war für einen DDR-Bürger kein leichter Prozess. Bedrückendes, Enttäuschendes, auch Erfreuliches waren fest zu halten. Gelegentlich schrieb ich für den Online-Kultstral kleine Texte.

Wie ich es mir an meinem 65. Geburtstag vorgenommen hatte, las ich am Silvestertag 1999 meine Erinnerungen. Es war schon ein eigenartiges Gefühl, Zeitzeuge eines Jahrhunderts zu sein und den Wechsel von 1999 zu der magischen Jahreszahl 2000 zu erleben. Vielleicht war ich durch meine Aufzeichnungen von Vergangenem und Gegenwärtigem für das Millennium, wie es allgemein bezeichnet wurde, besonders sensibilisiert. Ich nahm mir fest vor, auch künftig interessante Ereignisse aufzuschreiben.

Eines Tages wurde ich ermuntert, an dem Schreibwettbewerb „Ostkreuz zweimal täglich“ teilzunehmen, den RuDi‘s Kiezladen initiierte. Das war nun etwas völlig anderes. Bisher schrieb ich fast nur zu meiner eigenen Freude. Jetzt aber sollte mein Beitrag gemeinsam mit anderen in einem Buch gedruckt werden. Sollte ich mich daran beteiligen? Oder ließ ich lieber die Hände davon? Ich kam mir vermessen vor. Nach langem Überlegen setzte ich mich hin und schrieb eine Geschichte so gut ich es vermochte. Was konnte schon passieren? Wenn sie nicht angenommen werden sollte, wäre das auch kein Verlust. Dabei sein ist schließlich alles. Gespannt wartete ich auf die Texte der anderen Wettbewerbsteilnehmer. Wie würden sie sich diesem Thema nähern? Wie überrascht war ich, als ich einen der dritten Preise errang. Das hatte ich nicht erwartet. Meine Freude war groß. Sämtliche Beiträge kamen als Anthologie heraus. Es klingt vielleicht übertrieben und doch ist es so, das Buch ist mir besonders ans Herz gewachsen.

Damit kam ein Stein ins Rollen. Herr Tauchert, der Leiter von RuDi‘s Kiezladen, machte mich mit Katrin und Ramona bekannt, die ein Schreibprojekt ins Leben riefen. Eigentlich wollte ich das nicht. Ich wollte doch keine Schriftstellerin werden. Aber mal hingehen und anschauen konnte ja nicht schaden. Ich bereute es nicht.

Seit drei Jahren bin ich nun dabei. Was hatte ich anfangs für Bedenken! Auf Bestellung zu schreiben, wie sollte das gehen? Es berührte mich peinlich, vor fremden Menschen mein Leben auszubreiten. Werde ich überhaupt Wichtiges mitzuteilen haben? Werde ich mich so ausdrücken können, dass andere verstehen, was ich meine? Wozu mache ich das? Zweifel über Zweifel. Aber in meinem Gehirn wisperte es: „Versuch es! Aufhören kannst du immer noch“. Also versuchte ich es. Als ich meine erste Geschichte vorlas, ich glaube, es war eine Beschreibung über meinen Vater, zitterten mir Hände und Knie. Ich musste die Arme aufstützen, um das Blatt ruhig halten zu können. Wie erstaunt war ich, als die Zuhörer einfühlsame Worte für den Text fanden. Also hatte ich meine Empfindungen verständlich ausgedrückt – ein Erfolgserlebnis. Langsam, ganz langsam wuchs mein Selbstvertrauen, mit jeder Übung ein bisschen mehr. Gegenüber meiner eigenen Arbeit wurde ich kritischer und erwartete gespannt die Hinweise der Schreibfreunde. Und ich wurde mutiger, schrieb Erlebnisse auf, die mir auch heute noch Herzschmerzen bereiten. Ramona und Katrin gelang es, Erinnerungen, die längst vergessen schienen, ins Bewusstsein zurück zu holen. Mitunter wollte ich ein Thema einfach auslassen, sagte mir: „Das muss ich mir nicht antun. Das will ich endlich vergessen.“ Aber dann schrieb ich doch, wollte mir keine Blöße geben. Wieder so ein Aha-Erlebnis: Auch andere Freunde schrieben von schmerzlichen Erinnerungen. Die eigenen Erfahrungen relativierten sich. Bald waren mir die ganz unterschiedlichen Schreibfreunde nicht mehr fremd. Da saßen junge, berufstätige Frauen und Männer neben Senioren, Menschen aus Ost und West, gläubige Christen neben Atheisten. Welch eine Vielfalt und was für eine Bereicherung! Wie dankbar bin ich für diese Erfahrung! Das Schwere wurde leichter, die Sonne schien heller. Durch das Schreiben fügte ich meinem Leben eine neue Seite hinzu. Inzwischen entstanden viele Geschichten, ernste, besinnliche und heitere. Karl kennt sie alle. Geheimnistuerei gibt es nicht mehr. Katrin und Ramona gaben zwei Broschüren mit Texten der Schreibfreunde, auch meinen Texten, heraus. Diese Bücher sind mein ganz persönlicher Schatz. Und der Stein rollt weiter.