Ein Stein kam ins Rollen – Kapitel 6

Blicke aus einem Haus, das es nicht mehr gibt

Autor: Elise W. Schiftan

Dort, wo Sonntagstraße, Simplonstraße und Lenbachstraße ein Dreieck bilden, wo heute eine Grünfläche mit Bänken zum Ausruhen einlädt und wo ein Spielplatz die Kinder vom Fahrdamm weg lockt, unmittelbar am Bahnhof Ostkreuz, stand das Haus allein inmitten von Trümmern. An seinen Seiten türmten sich Berge von Schutt bis zum ersten Stockwerk empor. Zu dem Haus gehörten außerdem ein Seitenflügel, ein Quergebäude und ein kleiner Hof. Familien mit und ohne Kinder, Ältere und Jüngere und auch Alleinstehende wohnten darin. Seine Adresse: Lenbachstraße 13.

Im Dezember 1949 zogen wir, mein Mann und ich mit zwei kleinen Kindern (4 Jahre und 10 Monate alt) in dieses Haus ein. Wir kamen aus einer bombengeschädigten Wohnung, die wir mit zwei älteren ausgebombten Leuten teilten. Brandbomben hatten das Dach so beschädigt, dass wir bei Regenwetter Eimer und Wannen aufstellen mussten, in die es dann nervend hineintropfte. In solchen Fällen mussten wir mit den Kindern in der Küche schlafen.

Nun also hatten wir endlich eine trockene Wohnung. Und ein Bad! Noch am Umzugstage wurde der Ofen geheizt und genüsslich gebadet. Diese angenehmen Seiten überwogen anfangs, obwohl wir ahnten, dass das frei stehende Haus noch manche Unannehmlichkeiten offenbaren würde. Die kamen mit dem Winter schneller als uns lieb war. Durch die unverputzten, porösen Fugen drang die Kälte. Dass wir über dem Keller wohnten, machte die Situation noch unangenehmer. Was haben wir in dieser Wohnung gefroren! Anfangs gab der an der Außenwand liegende Trümmerberg noch geringfügigen Schutz. Doch nachdem er weggeräumt worden war, was uns zwar freute, war das Haus schutzlos dem Wetter preis gegeben. Einmal hatten spielende Kinder von außen mit einem Draht an den bröckelnden Fugen gekratzt und kamen damit plötzlich bis in unser Wohnzimmer durch. Unsere Kinder waren oft erkältet, worüber sich die Kinderärztin, nachdem sie unsere Wohnung kennengelernt hatte, nicht mehr wunderte. Das Haus war in einem traurigen Zustand. Man konnte es nur als Übergangsstadium betrachten. Es sollte noch sieben Jahre dauern, bis wir in eine bessere Wohnung ziehen konnten.

Trotz dieser Mängel lebte es sich in der Lenbachstraße nicht schlecht. Zahlreiche kleine Geschäfte im näheren Umkreis, vor allem Konsum, Fleischer, Gemüseladen und ein Kohlenhändler, ermöglichten einen bequemen Einkauf. An der Ecke Boxhagener Straße befand sich der Spielzeugladen von Herrn Unglaube, der ebenfalls in der Lenbachstraße 13 wohnte. An seinem Schaufenster drückten sich unsere Kinder oft die Nasen platt. Bei ihm kauften wir dann zu einem Weihnachtsfest die Spielzeugeisenbahn – welche Freude für Klein und Groß!

Verkehrsmäßig befanden wir uns durch die unmittelbare Nähe des S-Bahnhofes Ostkreuz in sehr guter Lage. Von hier aus fuhren wir täglich zur Arbeit. So weit ich mich erinnere, konnten wir uns auf die S-Bahn immer verlassen. Das war auch an den Wochenenden so, wenn die ganze Familie ins Grüne fuhr. Gewiss, Kinderwagen (in den ersten Jahren) und Gepäck mussten treppauf und treppab geschleppt werden. Doch wir waren jung und kannten es nicht anders. Unbequemlichkeiten dieser Art nahmen wir gelassen in Kauf, lockten doch der Zeltplatz, die freie Natur und für die Kinder das ungezwungene, ausgelassene Spiel an frischer Luft. Die S-Bahn brachte uns, wenn auch oftmals total überfüllt, sicher wieder nach Haus, fast bis vor die Tür.

Sehr vorteilhaft war die in wenigen Minuten zu erreichende Max-Kreuziger-Schule, die unsere Kinder besuchten, ohne gefährliche Fahrdämme überqueren zu müssen.

Nachmittags waren sie im Schulhort gut aufgehoben. An der Schule betätigte ich mich im Elternbeirat. An so mancher Klassenfahrt konnte ich die Lehrerin begleiten und die kleinen und größeren Erlebnisse mit den Kindern teilen. Jahre später durfte ich als angehende Lehrerin an dieser Schule meine ersten unvergesslichen pädagogischen Schritte machen. Mein Direktor, meine sehr erfahrene Mentorin sowie Kolleginnen und Kollegen halfen mir, den Wechsel in meiner beruflichen Entwicklung zu meistern. Aber da wohnten wir schon nicht mehr in der Lenbachstraße.

Dass nach der Beseitigung des Schuttes auf dem abgeräumten Trümmergelände eine Grünfläche mit einem Ballplatz entstand, ist auf die Initiative der Mieter zurück zu fuhren. Schließlich wurde auf ihr Drängen mit Unterstützung des Bezirksamtes erreicht, dass die Giebel verputzt wurden. Später, nach dem Abriss des Hauses (wir waren bereits ausgezogen), wurde die Grünfläche erweitert und zu dem Ballplatz auch ein Spielplatz angelegt.

Sieben Jahre hatten wir hier gewohnt. Erinnerungen, Erinnerungen… 1956 endlich konnten wir in eine sonnige, warme Wohnung mit Balkon zum Süden ziehen.

Seitdem hat sich viel verändert. Die kleinen Läden existieren nicht mehr. Die Max-Kreuziger-Schule mit ihrer schönen Aula, in der einer unserer Söhne seine Jugendweihe erhalten hatte, ist geschlossen. Neben neuen Gebäuden und renovierten, mit frischer Farbe versehenen Häusern, die Ausblick auf ein lebenswerteres Wohnen gewähren, sieht man viel Leerstand und hässliche Schmutzecken. Insgesamt macht das Umfeld um den Bahnhof Ostkreuz auf mich einen vernachlässigten Eindruck.

Bis heute wohnen wir in seiner näheren Umgebung. Wenn auch nicht mehr täglich, so fuhren uns unsere Wege immer wieder zum Bahnhof, dessen anstrengende Umsteigerei wir längst nicht mehr so gelassen hinnehmen wie in jungen Jahren. Seinen Umbau sowie eine freundliche Gestaltung des Wohngebietes würden wir gerne noch erleben.